Bayern München Wut über lasche Vorstellung

Nach dem dürftigen Auftreten des FC Bayern in Porto hat Ottmar Hitzfeld das mangelnde Temperament der Seinen beklagt. Der Coach fürchtet zunehmende Gemütlichkeit im Team und fordert, dass in Zukunft wieder auf dem Platz herumgebrüllt werden soll.


Portos Chainho bekämpft Jens Jeremies: "Ist das ein Freundschaftspiel hier?"
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Portos Chainho bekämpft Jens Jeremies: "Ist das ein Freundschaftspiel hier?"

Porto - Mit einem kritischen "Weckruf" zu mitternächtlicher Stunde hat Ottmar Hitzfeld seine Stars aufgerüttelt und den FC Bayern München vor einem bösen Erwachen gewarnt. "Die Spieler müssen wieder mehr miteinander kommunizieren, sich vielleicht einmal auch anschreien", forderte der Trainer des deutschen Rekordmeisters nach dem glücklichen 1:1 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Porto, mit dem die Chancen auf das ersehnte Halbfinale und womöglich auch das "Triple" gewahrt blieben. Als alle spät abends im Mannschaftshotel "Porto Palacio" aufatmeten, weil ein schlechtes Spiel doch glimpflich endete, machte der Coach seinen Sorgen Luft. "Es muss mehr Temperament rein in unser Spiel", so Hitzfeld. "Mehr Feuer" will er sehen, vielleicht gar einen Streit entfachen, um den Profis wieder Beine zu machen.

Ausgerechnet der einstige "FC Hollywood" ist den Chefs zu ruhig geworden. Womöglich fehlt der redegewaltige Lothar Matthäus mehr als erwartet, auch wenn niemand direkt von ihm spricht. "Harmonie ist okay. Aber man darf nicht das Gefühl haben, dass man alles nebenbei macht", kritisierte auch Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge. Oliver Kahn war sauer. "Ich habe mich gefragt, ob wir hier bei einem Freundschaftsspiel sind. Das war gar nichts. Wir müssen uns jetzt mal ein bisschen unterhalten", schimpfte der Nationalkeeper. Die Tabellenführung in der Bundesliga ist weg, die gute Ausgangsposition für den Einzug ins mit sechs Millionen Mark dotierte Halbfinale der Champions League war angesichts der schwachen Leistung beim 18-maligen portugiesischen Meister auch in Gefahr - da sah sich Hitzfeld zum Eingreifen gezwungen.

"Die Mannschaft hat sich von Porto einschläfern lassen", analysierte der 51-jährige Fußball-Lehrer, der sein Team im Estadio das Antas mit engagiertem Auftreten an der Seitenlinie auf Erfolgskurs zu bringen suchte: "Da wollte ich die Mannschaft aufrütteln." Zu passiv, zu wenig aggressiv fand er sein Team. Als sich Portos brasilianischer Topstürmer Jardel mit dem neunten Saisontreffer in der Champions League (47.) an die Spitze der Europacup-Torjägerliste katapultierte und beinahe auch eine höhere Führung (78.) erzielt hätte, sah der Bayern-Anhang schon alle Chancen schwinden. "Porto war dem 2:0 näher als wir dem Ausgleich", gab Kapitän Stefan Effenberg zu.

Es klingt paradox: Ausgerechnet die tollen Leistungen in der Zwischenrunde gegen Real Madrid könnten den Bayern im Endspurt zum Verhängnis werden. "Weil wir in Madrid so gelobt wurden, kam Selbstzufriedenheit auf. Das ist der größte Feind des Leistungssportlers", so Hitzfeld: "Wir haben keinen Titel geholt. Wir haben für den deutschen Fußball viel erreicht. Doch es war vielleicht nicht so ideal für uns." Denn seitdem habe die Konzentration nachgelassen. Jetzt habe man einen "Durchhänger". Und wenn die Bayern nicht aufpassen, stehen sie am Ende mit leeren Händen da.

Während sich der indisponierte Giovane Elber ("Das war mein schlechtestes Champions-League-Spiel") den Unmut Hitzfelds zuzog, rettete Landsmann Paulo Sergio den Münchnern in den Schlussminuten (80.) durch den sechsten Europacup-Treffer den wichtigen Punkt. "Ich habe viele wichtige Tore gemacht, weil ich ins Finale will. Wir alle wollen ins Finale", meinte der Brasilianer. Das Halbfinale ist zum Greifen nah, die mögliche Revanche gegen den letztjährigen Endspiel-Gegner Manchester United, der bei Real Madrid ein 0:0 schaffte. "Ein schlechtes Spiel von uns, aber ein sehr gutes Ergebnis", resümierte Rummenigge. "Im Rückspiel haben wir unsere Fans im Rücken und kommen auch ins Halbfinale", sagte Effenberg.

Aber so schnell geben sich die Portugiesen, die den Bayern schon einmal (1987) einen Endspiel-Albtraum beschert hatten, nicht geschlagen. Trainer Fernando Santos setzt auf die Reise an die Isar: "Ich glaube fest, dass wir in München überzeugen können." Auf das Rückspiel freut sich auch Bayern-Vizepräsident Fritz Scherer - vielleicht der einzige Gewinner des Abends. Der Mann, der beim deutschen Meister für die Finanzen zuständig ist, hielt stellvertretend für den in Südamerika als WM-Werber reisenden Franz Beckenbauer die Dinner-Ansprache: "Das Ergebnis war gut fürs Geschäft, weil nun die letzten Karten weggehen."



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