Aus in der Champions League Bayerns Alptraum ist Real

0:4 gegen Real Madrid: So eine Niederlage hat es für den FC Bayern noch nie gegeben. Guardiola verlor das Trainerduell gegen Ancelotti, der frustrierte Ribéry ohrfeigte einen Gegenspieler. Was war los? Alles Wichtige zur Münchner Blamage.

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Die Ausgangslage: Das Hinspiel in Madrid hatte Real vergangene Woche noch 1:0 gewonnen, durch einen Treffer von Karim Benzema. Ähnlich wie zuvor Manchester United hatten sich auch die Spanier eingeigelt und auf gelegentliche Spitzen durch Konter gesetzt. Die Bayern konnten die dichte Abwehr nicht durchdringen. Soweit das Sportliche.

Die gefühlte Ausgangslage: Ein Aus im Halbfinale gegen Real Madrid und diese Saison wäre eine Enttäuschung. Trotz Rekord-Meisterschaft. Trotz Finaleinzug im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund am 17. Mai. So souverän und rauschhaft haben die Münchner große Teile dieser Spielzeit absolviert, so gestärkt wirkten sie unter ihrem Star-Trainer Josep Guardiola, dass das erneute Triple schon als ausgemacht galt. Doch dann kamen Niederlagen gegen Augsburg (!), Dortmund und eben Madrid. Und das Selbstvertrauen schwand. "Die Sicherheit und die absolute Kontrolle" waren weg, so Thomas Müller. Es gab bessere Stimmungslagen, um in ein CL-Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid zu gehen.

Das Ergebnis: 0:4 (0:3). Ja: Nullzuvier.

Die Startaufstellungen im Überblick:


Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger, Kroos - Robben, Müller, Ribéry - Mandzukic
Madrid: Casillas - Carvajal, Pepe, Sergio Ramos, Coentrao - Xabi Alonso, Modric, Di María - Bale, Cristiano Ronaldo, Benzema

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Bayerns Halbfinal-Aus: Null Tore, null Chance
Vor dem Anpfiff: Das Münchner Publikum hatte eine riesige Choreografie aufgeführt. Zentrale Aussage: "Immer weiter". Doch zunächst wurde zweier gestorbener Trainer gedacht und eine Schweigeminute für Tito Vilanova und Vujadin Boškov eingelegt.

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Bayern vs. Real: Zwei Doppelpacks ins Bayern-Herz
Die erste Hälfte: Wer eine Fortsetzung des Hinspiels erwartet hatte, also Defensivfußball der Spanier, der sah sich schnell eines Besseren belehrt. Real spielte offensiv, mutig. Die Kurzform für die ersten beiden Treffer lautete: Standardsituation für Madrid, Flanke, Kopfballtor von Sergio Ramos. In der 16. Minute und in der 20. Minute wuchtete der spanische Innenverteidiger den Ball ins Münchner Tor. Danach waren die Bayern, die nun vier Tore hätten schießen müssen, offensiver. Die Folge war das 3:0 durch den "BBC"-Sturm: Cristiano Ronaldo verwandelte einen Konter, Karim Benzema und Gareth Bale hatten vorbereitet.

Sergio Ramos: Erst geköpft, dann gebrüllt
Getty Images

Sergio Ramos: Erst geköpft, dann gebrüllt

Halbzeitanalyse des Spiels: "Jetzt gibt es nicht mehr viel zu tun", sagte Joachim Löw bei Sky. Der Bundestrainer wird gut zu tun haben, um seine Münchner Nationalspieler rechtzeitig zur WM wieder aufzumuntern.

Die zweite Hälfte: Probiert haben sie es, die Bayern, doch noch ein Tor zu schießen in diesen 180 Minuten gegen Real Madrid. Aber entweder wurden die ungezählten Flankenversuche geblockt oder die Real-Abwehr war zur Stelle. Das Team von Trainer Carlo Ancelotti spielte nur noch die wirklich einladenden Kontersituationen zu Ende. Der eingewechselte Mario Götze hatte die beste Bayern-Chance (75. Minute), schoss aber über das Tor. In der 90. Minute traf Ronaldo mit einem unter der Mauer durchgeschossenen (!) Freistoß zum 4:0-Endstand.

Trainer-Fuchs des Spiels: Das war ganz klar Carlo Ancelotti. Der Italiener bewies in München genau das, was Dortmunds Jürgen Klopp von seinen Spielern vor dem Viertelfinale des BVB in Madrid gefordert hatte: Cojones. In der deutschen U-16-Übersetzung: Mumm. Ancelotti ließ sein Team - anders als von vielen erwartet - nicht wie im Hinspiel tief verteidigen und nur kontern. Real Madrid stand diesmal hoch, setzte die Münchner viel früher unter Druck. Und die Mannschaft von Josep Guardiola wusste keine Antwort darauf. Und ihr Trainer offensichtlich auch nicht. "Wir wollten es besser machen als im Hinspiel: mehr Druck ausüben, mehr Ballkontrolle, und natürlich kontern. Das ist uns ganz gut gelungen", sagte Ancelotti nach der Partie.

Real-Trainer Ancelotti: Mutig gegen die Münchner
AFP

Real-Trainer Ancelotti: Mutig gegen die Münchner

Hashtag des Spiels: Dieser Begriff während der Partie der Bayern bei Twitter sprach Bände - #verkackmas

Der Freigänger des Spiels: Nein, nicht Uli Hoeneß. Der verurteilte Ex-Bayern-Präsident saß zwar auf der Tribüne, doch deutlich mehr Bein- und vor allem Kopffreiheit genoss Sergio Ramos. Dass der Doppeltorschütze ein überragender Kopfballspieler ist, ist nicht neu. Dennoch ließen David Alaba und Dante dem Spanier vor dem 1:0 reichlich Platz für Anlauf und Absprung. Beim 2:0 hatte Mario Mandzukic seinen Gegenspieler aus den Augen verloren. Ganz nebenbei räumte Ramos übrigens in der Defensive gemeinsam mit Nebenmann Pepe auch noch alle Flanken ab.

Der Spieler des Spiels: Er hat nicht dieses Supermann-artige eines Cristiano Ronaldo oder eines Gareth Bale an sich. Zu sagen, Luka Modric sei ein schöner Mann, wäre gelogen. Zu sagen, Luka Modric sei ein sehr guter Fußballer, wäre untertrieben. Während den Münchnern fast ausnahmslos der Mut im Angesicht dieser Aufgabe abhanden gekommen schien, wurde der Kroate immer lockerer und lässiger. Als neutraler Zuschauer muss man sagen: Danke, Luka Modric, für einen tollen Fußball-Abend. Aus Bayern-Sicht: Hätte dieser Modric nicht zu Hause bleiben können?

Der Aussetzer des Spiels: Wollte man nun alle sportlichen Verfehlungen der Bayern aufzählen, ginge der Platz aus (selbst im Internet). Daher soll hier nur eine Szene erwähnt werden, die auf keinem Fußball-Feld der Welt etwas zu suchen hat. Kurz vor der Halbzeit verpasste der sichtlich genervte Franck Ribéry dem Madrilenen Daniel Carvajal eine Ohrfeige. Schiedsrichter Pedro Proença aber hatte die Tätlichkeit nicht gesehen, so blieb Ribéry der verdiente Platzverweis erspart.

Reals Carvajal, Bayerns Ribéry: Ohrfeige kurz vor der Halbzeit
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Reals Carvajal, Bayerns Ribéry: Ohrfeige kurz vor der Halbzeit

Mitläufer des Spiels: Toni Kroos ist ein überragender Kicker, an guten Tagen gehört der 24-Jährige zu den elegantesten Mittelfeldspielern Europas. So ein Tag war der Dienstag nicht. Kroos verlor viele Bälle unter dem Druck der Pressingmaschinen Xabi Alonso und Modric. Vor dem 0:3 wirkte das Kroos'sche Umschaltspiel etwa so zügig wie der Flughafenbau in Berlin. Im Joggingtempo zuckelte Kroos hinter den Sprintern Bale und Ronaldo her. Erst in der zweiten Hälfte wagte Kroos mal ein, zwei Torschüsse. Leidenschaft sieht irgendwie anders aus.

Der Rekord des Spiels: Lediglich 16 Ballkontakte hatte Ronaldo im Hinspiel gehabt, ein Minusrekord für den Weltfußballer. Doch Ronaldo wäre nicht Ronaldo, wenn er nicht eine Woche später wieder groß auftrumpfen würde (nachdem er am Wochenende in der Liga bereits zwei Tore erzielt hatte): Sein Treffer zum 3:0 war sein 15. im laufenden Champions-League-Wettbewerb - Rekord! Lionel Messi hatte in der Saison 2011/2012 14-mal getroffen. In der letzten Minute setzte Ronaldo noch einen drauf und ließ Nummer 16 folgen.

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Thorkh@n 29.04.2014
1. Bayerns Albtraum ...
... ist nicht Real Madrid, Bayern Münchens Albtraum ist Bayern München. Eine grauenvolle Leistung und das als deutscher Rekordmeister! Aber das passiert, wenn man zu dominant geworden ist: das System zerfällt von innen her. Ich sehe jedenfalls sehr gute Chancen für den BVB im Pokalfinale.
malaconciencia 29.04.2014
2.
Zitat von sysopAFP0:4 gegen Real Madrid: So eine Niederlage hat es für den FC Bayern noch nie gegeben. Guardiola verlor das Trainerduell gegen Ancelotti. Der Titelverteidiger traf im Halbfinale nicht mal ins Tor. Was war los? Alles Wichtige zur Münchner Blamage. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayern-muenchens-aus-im-halbfinale-gegen-real-madrid-im-ueberblick-a-966853.html
1. Bayern hat verdient verloren. 2. Wenn Mandzukic bei den Standards so nah an Ramos gewesen wäre, wie an den Gegenspielern um sich zu beschweren, wären die ersten zwei Tore nicht gefallen. *3. Warum Ronaldo Weltfussballer geworden ist, hat man nach dem 3:0* gesehen: der eigene Rekord ist wichtiger als das sichere Weiterkommen der Mannschaft. *4. Wenn die Schauspielerei der Spanier und Italiener nicht endlich unterbunden wird sehe ich für die WM schwarz für Deutschland. 5. 2020 haben wir Real nach CL Titeln überholt (XI) ;-) 6. Schade, jetzt *denken die Spanier die Bundesliga ist nichts wert. *7. Stimmung war durchgehend super. *Von den BVB Fans dagegen hat man im gesamten CL Halbfinale nichts gehört. ;-))) 8. Einen Vorteil hat die Sache: Jetzt hat die deutsche Nationalmannschaft eine Woche länger zur Vorbereitung.**9. Schade, wird dann nichts aus dem Triple Hattrick 2015. 10. Madrid gewinnt die CL, hoffentlich Athletico.
pr8kerl 29.04.2014
3. Dortmund hat es Real vorgemacht
70 Prozent Ballbesitz bringen nichts, wenn Gegner wie Dortmund und Madrid mit konsequentem Pressing die Ballstaffetten stören und der Ball dann wie beim Handball im ungefährlichen Bereich gespielt wird. Das erinnert an das Halbfinalspiel vor einem Jahr. Barca hatte den Ball und Bayern machte vier Tore, im Rückspiel nochmal drei. Jupp Heynckes hat dem FCB mehr Zielstrebigkeit eingeimpft als Guardiola. Jetzt kann der FCB auch noch das Pokalfinale vergeigen. Aus einer guten Saison - Meister schon im März - wird dann eine gefühlt schlechte. Ich persönlich bin gegen Meisterfeiern im März. Da ist es schweinisch kalt und man kann sich nicht richtig freuen. Wenn dann auch noch die Spannung rausgenommen wird gibts halt im Mai nichts zu feiern.
danzermartin 29.04.2014
4.
Es stellt sich hier vor allem die Frage nach dem Trainer. Keine taktische Flexibilität, keine Varianten. Stur weiter so!!! Martinez und Götze auf der Bank! Einwechslungen viel zu spät. Und das gekrönt mit dem Blick auf Statistiken. Hunderte Pässe und viel Ballbesitz zeigen auch mangelnde Courage und Angst vor Verantwortung. Nimm du den Ball, ich will ihn nicht. Einzig Robben tut mit leid.
itf_ 30.04.2014
5.
Das Problem ist nicht das Tiki Taka Spiel. Das Problem ist, dass der FC Bayern keinen Plan B hat, wenn das ewige rumgepasse vor dem gegnerischen 16er nicht funktioniert, das konnte man wunderbar feststellen, schon gegen Manchester. Mir fehlt da ein bisschen die Zielstrebigkeit, es kommt einem so vor, als sei das Tiki Taka das Ziel. Es ist allerdings eigentlich nur ein Mittel zum Ziel, welches Tore schießen ist. Ich denke auch, dass Guardiola auf dauer nicht um Götze herumkommen wird. Für dieses ballbesitzorientierte System, welches in seiner Perfektion eine technische Meisterleistung ist, brauchst du eben auch einen hervorragenden Techniker. Einen der weiß, wann er wo hin zu spielen hat, einen der die Lücken erkennt und die Pässe präzise anbringt. All das kann Götze. So fehlt den Bayern einfach ein 10er. Das muss Guardiola doch erkennen.
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