Bayern-Aus in der Champions League Kommt runter!

Die Partie zwischen den Bayern und Atlético Madrid ist im Vorfeld zum Kulturkampf ausgerufen worden. Das Spiel entscheide über die Zukunft des deutschen Fußballs. Was für ein Unsinn!

Ein Kommentar von


Das war also das Spiel, das über die Richtung entschieden hat, in die sich der Fußball in Deutschland entwickelt? Das darüber Auskunft geben sollte, ob die Zeit von Josep Guardiola beim FC Bayern eine gute war oder nicht? Das als Wasserscheide darüber befindet, ob sich in der Bundesliga die progressiven oder die konservativen Kräfte durchsetzen, wie es die "Zeit" in einem großen Artikel vom Vortag beschworen hat?

Nein. Dieses Halbfinalrückspiel gegen Atlético Madrid war einfach ein Fußballspiel, in dem der FC Bayern sehr unglücklich aus der Champions League ausgeschieden ist, obwohl er ganz stark gespielt hat. Nicht weniger, aber vor allem auch nicht mehr. Es hat sich dadurch nichts geändert. Bis auf die Tatsache, dass der FC Bayern und Josep Guardiola in diesem Leben vermutlich nicht mehr gemeinsam die Champions League gewinnen werden.

Man kann darüber streiten, ob Guardiola und die Bayern ihren Ansprüchen nicht gerecht geworden sind, wenn sie drei Mal nacheinander den Sprung ins Endspiel verpassen. Und "nur" drei Mal am Stück Meister werden. Aber diese Partie zum Kulturkampf im Fußball zu stilisieren, wäre vollständig verfehlt.

Der Fußball wird zum Politik-Ersatz

Aber es passt in die Zeit: Der Fußball und seine Wahrnehmung sind mehr und mehr auf dem Weg, ideologisiert zu werden, er wird zum Politik-Ersatz. Wer die Debatten um Guardiola und sein Wirken bei den Bayern aus den Vortagen verfolgt hat, der fühlte sich in die Achtzigerjahre bei den Grünen versetzt, mit Fundis und Realos, mit dem Kampf um die reine Lehre.

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Dass es mittlerweile in den Medien gar einen Fußballphilosophen gibt, ist kein Zufall. Dass von Guardiola-Jüngern die Rede ist, auch nicht. Fußball hat die Metaebene erklommen, die dritte Dimension.

Dies alles, diese exorbitante Überhöhung des Fußballs, gibt es beileibe nicht erst, seit Guardiola in der Bundesliga aufgetaucht ist. Aber es erreicht mit ihm, durch ihn, eine neue Stufe. Guardiola ist die Kristallisationsfigur. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Wer seine Art des Fußballs nicht mag, ist ein Ignorant, denkt nach rückwärts, ist zu dumm, den modernen Fußball zu begreifen. Der Trainer dagegen macht alles richtig, hinter jeder Aktion steckt der große Plan, der Weltgeist. Das ist das eine Lager.

Guardiologen gegen Tuchelianer

Für die andere Seite ist jede Niederlage, jedes Ausscheiden Beleg dafür, dass der Coach als überschätzt gelte. Guardiola gelinge mit den Bayern ja nicht einmal, was der kreuzbrave Jupp Heynckes, eher unverdächtig der taktischen Genialität, geschafft habe. Ballbesitzfußball? Wie langweilig. Und überhaupt: Wie kann man Thomas Müller im Hinspiel nicht aufstellen?

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Der Grabenkampf tobt. Wir sind an der Grenze des Sektierertums angelangt. Und das Pokalendspiel zwischen den Bayern und Borussia Dortmund, der große Shootout zwischen den Guardiologen und den Tuchelianern, ist noch gar nicht gespielt. Vor der Partie am 21. Mai sollten alle mal ein Glas Wasser trinken.

Was ist schöner Fußball? Ist der schnelle Konter attraktiver als die Ballbesitzdominanz, der Abschluss nach zuvor 20 Ballstationen? Ist Abwehrarbeit hässlich? Es gibt im Fußball glücklicherweise unterschiedliche Konzepte, zum Erfolg zu kommen. Oft ist der Guardiola-Fußball am Ende der, der sich durchsetzt. Manchmal aber eben auch die Methode Simeone. Mit ihrer schlitzohrigen Defensivarbeit. Oder gar die Methode Leicester.

Häufig ist das Stürmen, als gäbe es kein Morgen, was die Leute beseelt. Andere können sich dagegen so richtig daran erfreuen, wie der SV Darmstadt sich mit allen Mitteln, kratzend und beißend gegen den Abstieg wehrt. Für den einen ist Fußball Leo Messi, für den anderen Leo Manzi.

Es gibt nicht die allein seligmachende Art im Fußball. Und es wird auch nach Guardiola Partien geben, in denen die Bayern ihre Gegner vollständig dominieren, dadurch meistens gewinnen und in den seltenen Fällen trotzdem scheitern. Dann eben mit Carlo Ancelotti an der Seitenlinie.

Karl-Heinz Rummenigge hat mal den berühmten Satz gesagt: Fußball ist keine Mathematik. Dafür ist er wie für manche seiner Äußerungen ziemlich viel verspottet worden, dabei hat er damit sogar mal Recht. Auf der anderen Seite ist Fußball aber auch keine Religion. Es hat Elemente von beidem, aber es bleibt zuallererst ein Spiel. Das von Menschen gespielt wird, mit Unwägbarkeiten, mit hochbezahlten, perfekt ausgebildeten Profis, die trotzdem Elfmeter verschießen wie ein Regionalligaspieler.

Vielleicht ist der FC Bayern am Dienstag ja gar nicht wegen oder trotz Josep Guardiola ausgeschieden. Sondern nur, weil Arjen Robben verletzt gefehlt hat. Oder gar deswegen, weil die Bayern ein Tor zu wenig geschossen haben. Es kann so einfach sein. Es ist so einfach.

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_gimli_ 04.05.2016
1.
Guter Beitrag. Der Punkt ist halt, dass die Top-5-Teams in Europa genau genommen gleichwertig sind und man auch eine Münze werfen könnte, wer Championsleague-Sieger wird. Gleiches gilt für die Fußball-WM. Einfach mal kühl analysieren, wieviel Glück es brauchte, damit Deutschland 2014 (oder die WMs zuvor) Weltmeister wurde. Und natürlich ist Guardiolas Können überbewertet. Gegen Mannschaften wie Athletico sieht seine Offensiv-Philosophie schlecht aus.
siebke 04.05.2016
2. ......
will nur DANKE sagen zu Ihrem Artikel.... Ja, das ist Fussball, ein Spiel, mal wird verloren, mal gewonnen.
finkpositiv 04.05.2016
3. Der Beste geht
Diese "man mag ihn oder mag ihn eben nicht" verstehe ich nicht. Er ist ganz offensichtlich ein hervorragender Trainer. Ich als Dortmunder bin froh, dass nun nach England geht. Er hat die Bayern nämlich nach dem Triple noch mal deutlich besser gemacht. Es gehört eben auch Glück dazu, einen Titel im KO System zu gewinnen. Und das hat gestern einfach gefehlt. Es gibt immer noch zu viele "Experten", die nicht von der Qualität seines Könnens überzeugt sind. Für mich ist er der aktuell beste Trainer der Welt, auch wenn er Macken hat.
Institutsmitarbeiter 04.05.2016
4. Danke für diesen Kommentar
Danke Herr Ahrens für diesen Kommentar. Gerade hier im Forum lässt sich häufig die Leistung Bayerns an den Hass-Kommentaren ablesen, wobei die spielerische Leistung proportional zu den Hass-Kommentaren steht. Fußball mag keine Mathematik sein, aber es wäre schön, wenn wir irgendwann weg von Stammtischdebatten kämen und hin zu eher taktischen Analysen. Eben das, womit sich heutige Trainer auch beschäftigen. Und uns dabei vielleicht auch fragen, welche Rolle ein Spieler in der Taktik hatte anstatt direkt die Einzelleistung zu kritisieren. Bayern spielte gestern stark. Leider fehlte das Tor. Sehr unglücklich. Ich befürchte, dass die Anzahl an negativen Kommentaren auch ansteigen wird, sobald die Leute bemerken, dass Ancellotti gar kein Deutsch spricht.
marinero7 04.05.2016
5.
Zitat von siebkewill nur DANKE sagen zu Ihrem Artikel.... Ja, das ist Fussball, ein Spiel, mal wird verloren, mal gewonnen.
... und am Ende werden die Bayern wieder Meister :-)
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