Bayerns Corentin Tolisso Alte Filme, neue Rolle

Beim zähen Arbeitssieg in Moskau glänzt neben Joshua Kimmich vor allem ein Akteur, der in seinem vierten Jahr in München endlich seinen Platz gefunden hat: Corentin Tolisso. Ein Verdienst des Videostudiums von Hansi Flick.
Corentin Tolisso

Corentin Tolisso

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Oleg Nikishin / Getty Images

An die 57. Spielminute dachte Joshua Kimmich nur mit großem Widerwillen. "Dass ich den nicht gemacht habe, das war schon peinlich", raunte er im TV über den Moment, als er freistehend aus viereinhalb Metern nicht das leere Tor traf, sondern nur den ausgestreckten Fuß seines Gegenspielers Slobodan Rajkovic. Lieber sprach er daher über seinen Schuss 22 Minuten später, seinen wuchtigen aus 20 Metern, den Siegtreffer zum 2:1. Kimmich merkte an, solche Schüsse von außerhalb des Strafraums habe er zuletzt immer wieder mal trainiert.

Gut für die Bayern, denn so nahm dieser mühsame Abend in Moskau doch ein erfolgreiches Ende. Vor dem Gastspiel war vor allem über die Höhe des Sieges spekuliert worden, gilt Lok Moskau doch als schwächster Gegner der Vorrunden-Gruppe, am Wochenende blamierte sich der russische Vizemeister noch mit einer Heimniederlage gegen den Tabellenletzten Rotor Wolgograd.

Nur brachten sich die Bayern dann am Dienstagabend selbst in Schwierigkeiten. Erst das Versäumnis, nach dem frühen 1:0 durch Leon Goretzka (13.) schnell die Entscheidung zu erzwingen, dann das Zittern in der Defensive in der zweiten Hälfte, als die Moskauer Lokomotive immer wieder aufs Münchner Tor rollte, gerade nach dem Ausgleich durch Anton Miranchuk (70.) wankte der Titelträger der Champions League. Bis Kimmich für die Erlösung sorgte und die Bayern erleichtert den Heimflug nach München antreten konnten.

"Das war nicht unser bestes Spiel", meinte Kimmich noch, "wir hatten auch Glück und wissen, dass wir nicht brilliert haben." Und Hansi Flick resümierte treffsicher: "Ein Arbeitssieg, man kann auch sagen, ein dreckiger." Ein Sieg, bei dem aber nicht nur die Weitschuss-Stärken von Joshua Kimmich und die Abwehrschwächen der Verteidigung auffielen. Sondern vor allem ein Spieler, der seit drei Jahren darum kämpft, in München anzukommen - und der jetzt endlich seine Rolle gefunden zu haben scheint. Corentin Tolisso.

Tolisso und der FC Bayern - ein Missverständnis?

2017 war Tolisso von Olympique Lyon nach München gekommen, der FC Bayern überwies damals 41,5 Millionen Euro Ablösesumme, seinerzeit war es der teuerste Transfer der Bundesliga-Geschichte – und dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Auch für Tolisso erfüllte sich erst einmal ein Traum, kickte er doch schon als Kind auf der Straße im roten Bayern-Trikot. Doch schon bald zeigte sich, dass sie in München von Beginn an nicht wussten, was sie mit Tolisso anfangen sollten. Carlo Ancelotti wähnte ihn damals als ebenbürtigen Nachfolger des abgetretenen Xabi Alonso auf der Sechser-Position, was Karl-Heinz Rummenigge völlig anders sah. Tolisso und Alonso, so der Klub-Chef, seien "zwei völlig unterschiedliche Spielertypen". Und Tolisso selbst? Der wollte lieber offensiv spielen. Durfte er aber nicht oft.

Nach einer durchwachsenen ersten Saison setzte ihn ein Kreuzbandriss in seinem zweiten Münchner Jahr komplett außer Gefecht, in der vergangenen Saison war er nur Ergänzungsspieler, bis ihn eine Knöchelverletzung wieder mattsetzte. Tolisso und der FC Bayern, es schien bis dahin wie ein großes Missverständnis. Dass er nun zu Beginn seiner vierten Saison in München endlich aufblüht, hat einen entscheidenden Grund. Und der heißt mal wieder Hansi Flick.

Und jetzt: Film ab!

Der Wechsel von Thiago nach Liverpool spielt, anders als zuletzt immer wieder zu hören war, dabei gar keine so bedeutende Rolle. Sicher, durch Thiagos Abschied war wieder ein Platz mehr im Mittelfeld verfügbar, aber es wäre zu einfach zu behaupten, Tolisso sei unter Thiago gehemmt gewesen und könne sich erst jetzt richtig entfalten.

Den allergrößten Anteil an Tolissos plötzlichem Aufschwung hat der Trainer. Weil er nämlich altes Videomaterial hervorkramte.

In seiner bewährten Akribie sichtete Flick schon gegen Ende der vergangenen Saison immer wieder frühere Spiele von Olympique Lyon, wo Tolisso gerade ab Sommer 2016 auf der Achter-Position vor dem Wechsel nach München eine überragende letzte Saison für den französischen Top-Klub absolvierte. Flick wollte wissen, wie Tolisso spielte, wo er agierte, wie er das Spiel nach vorne eröffnete, wie er Torgefahr kreierte. Immer wieder setzte sich Flick mit Tolisso zusammen, bestärkte ihn in vielen Gesprächen und stellte ihn nun immer öfters dort auf, wo er sich eben am wohlsten fühlt. Im zentralen Mittelfeld.

Wer den Ball hat, wird attackiert

Wer den Ball hat, wird attackiert

Foto: Maxim Shemetov / AP

"Man merkt bei ihm auch im Training, dass eine kleine Last von ihm abgefallen ist", sagte Hansi Flick erst in der vergangenen Woche. "Er hat einfach Spaß am Training und im Spiel. Und das für ihn auch enorm wichtig, weil er dann eine gewisse Lockerheit hat."

Zu sehen war das nicht nur bei seinem phänomenalen Traumtor vor einer Woche gegen Atlético Madrid, sondern auch in Moskau, als er wieder vor der Doppel-Sechs um Joshua Kimmich und Leon Goretzka spielte und mit einem wunderbaren Pass auf Benjamin Pavard die Münchner Führung einleitete. Der Rechtsverteidiger passte direkt an den Fünfmeterraum, wo Goretzka einköpfte. Aus der Zentrale nach außen, von dort sofort zurück in die Mitte, genau das Spiel, wie es sich Hansi Flick vorstellte. "Gegen solch tiefstehende Gegner ist so eine schnelle Spielverlagerung eine gute Option", sagte der Bayern-Trainer.

Corentin Tolisso ist inzwischen mehr als eine gute Option, er hat seinen richtigen Platz gefunden und wohl auch den für ihn richtigen Trainer. Die Bayern und Tolisso haben ihr Missverständnis ausgeräumt.