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26. Mai 2019, 10:37 Uhr

Bayerns Sieg im DFB-Pokal

Das Perspektivteam

Aus dem Olympiastadion berichtet

Der FC Bayern gewinnt das Double aus Meisterschaft und Pokal. Dies in einem Jahr, in dem alle vom Münchner Umbruch sprachen. In der kommenden Saison dürfte die Dominanz noch stärker sein - ganz unabhängig vom Trainer.

Der Blick von Niko Kovac huschte mehrfach argwöhnisch zur Seite. Zu der Tür hinter ihm. Vor einem Jahr hatte ihn von dort eine Schar fröhlichster Frankfurter Spieler bei der Pressekonferenz nach dem Pokalsieg überfallen und die Veranstaltung in eine Polonäse umfunktioniert. Ein emotionaler Moment, mit dem sich Kovac als Pokalsieger über die Bayern von der Frankfurter Eintracht verabschiedet hatte.

Diesmal blieb hinter der Tür zur Spielerkabine alles ruhig - und es passt in dieses erste Bayern-Jahr von Niko Kovac, dass der Trainer selbst nach einem 3:0-DFB-Pokalfinalerfolg über RB Leipzig noch rechtfertigen musste, warum die Bayern-Profis nicht wie die Eintracht-Spieler ausgelassen in die Pressekonferenz geplatzt kommen.

"Sie können sicher sein, in der Kabine ist alles gut gelaunt", sagte Kovac, und es sei eben ein Unterschied, ob man mit der Eintracht Pokalsieger werde, "die 30 Jahre keinen Titel geholt habe" oder mit den Bayern, "die fast täglich einen Titel gewinnen" - "da freuen sich die Spieler natürlich anders".

Wenn sie müssen, sind die Bayern zur Stelle

Meisterschaft und DFB-Pokal - das Double ist es für Kovac geworden, das erste für die Münchner seit 2016, und das Pokalendspiel hat noch einmal deutlich gemacht, warum die Titel am Ende wieder einmal an den FC Bayern gegangen sind. Weil der Gegner seine Chancen nicht nutzt und weil die Bayern an Cleverness, Spielintelligenz und Erfahrung allen anderen Teams in der Bundesliga überlegen bleiben.

Gegen RB hatten sie zu Spielbeginn brenzlige Phasen zu überstehen. Auch wenn RB-Coach Ralf Rangnick leicht übertreiben mag, wenn er sagt: "In den ersten 30 Minuten waren wir das klar bessere Team, da haben wir annähernd perfekt gespielt." Dennoch ließen die Münchner kein Gegentor zu, Torwart Manuel Neuer hatte sich seine Bestform für das letzte Spiel der Saison aufbewahrt, und vorne ist auf die Extrakönner Robert Lewandowski und Kingsley Coman Verlass.

Es war wie schon beim 5:0 in der Liga gegen Borussia Dortmund Anfang April - wenn es darum geht, dem vermeintlichen Thronfolger in einem Spiel die Grenzen aufzuzeigen, dann sind die Bayern zur Stelle. Die Siegermentalität haben sie in Deutschland immer noch exklusiv.

Im nächsten Jahr sieht es nach mehr Stabilität aus

Es war ein wackliges Jahr für die Bayern, voller Unruhe, ein Team im Umbruch, und dennoch hat die Mannschaft das Beste aus dieser Spielzeit herausgeholt, was unter diesen Umständen möglich erschien. Ein schwaches Rückspiel vor heimischer Kulisse gegen den FC Liverpool (1:3) hat sie ihre Möglichkeiten in der Champions League gekostet - im Achtelfinale war schon Schluss. Aber national sind die Bayern auch dann noch die Besten, wenn alle davon reden, dass sie nicht mehr so stark seien wie sonst.

Das lässt nichts Gutes für die Konkurrenz ahnen, im kommenden Jahr dürfte die Bayern-Elf wieder konstanter, stabiler, gefestigter sein. Die Mannschaft hat jetzt schon mit Serge Gnabry, Coman, Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Niklas Süle (keiner von ihnen ist älter als 24) Spieler auf hohem Niveau, die noch auf Jahre prägend werden können, auch David Alaba, schon etliche Spielzeiten dabei, hat seinen Zenit mit 26 noch längst nicht überschritten.

Die Franzosen Benjamin Pavard und Lucas Hernández kommen als Verstärkungen hinzu, Leroy Sané und Timo Werner, alle vier sind 23 Jahre alt, stehen auf dem Wunschzettel. Gleichzeitig verabschiedet sich der Klub von Spielern, die sich um den Verein verdient gemacht haben, aber eben nicht mehr die Zukunft repräsentieren: Arjen Robben (eine Würdigung lesen Sie hier), Franck Ribéry, Rafinha und wohl auch Jérôme Boateng. Die Bayern werden jünger, ihr Spiel noch temporeicher.

Das alles sieht nach einer Bayern-Mannschaft aus, die auch weiterhin zu stark für die Liga sein dürfte. Die Perspektiven der Mannschaft sind glänzend. Unabhängig davon, wer dieses Team trainieren wird.

Wie es jetzt in ihm aussehe, wurde Kovac gefragt. "Es ist klar, dass man Freude in sich verspürt", fiel die Antwort des Trainers reichlich distanziert aus. Kovac hat ein anstrengendes Jahr hinter sich, bis zuletzt wurde er in Frage gestellt, die Beteuerungen der Bayern-Bosse, was die Zukunft des Trainers angeht, klangen merkwürdig uneindeutig. So landet derzeit jeder Satz von Kovac auf der Goldwaage - selbst wenn er harmlos sagt, er freue "sich jetzt auf den Urlaub, und ich denke nicht darüber nach, wann es wieder losgeht".

Im ersten Jahr bei den Bayern hat der 48-Jährige das Double geholt, er ist damit nicht weniger erfolgreich als sein von allen verehrter Vorgänger Jupp Heynckes in der Vorsaison und auch nicht weniger erfolgreich als der große Josep Guardiola, der in seinem ersten von insgesamt drei Bayern-Jahren national ebenfalls das Double gewann. Von den Fans wurde Kovac nach dem Spiel mit Sprechchören gefeiert, es war ihm anzusehen, was ihm das bedeutet.

"Hier sitzt der Niko Kovac vom Vorjahr mit einem Jahr mehr Erfahrung", sagt der Trainer. "Mehr Erfahrung in allen Belangen." Es klang so, als hätte er auf die eine oder andere Erfahrung gut verzichten können.

RB Leipzig - Bayern München 0:3 (0:1)
0:1 Lewandowski (29.)
0:2 Coman (78.)
0:3 Lewandowski (85.)
RB Leipzig: Gulácsi - Klostermann, Konaté (82. Haidara), Orban (70. Upamecano), Halstenberg - Adams (65. Laimer), Kampl - Sabitzer, Forsberg - Poulsen, Werner
Bayern München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martínez (65. Tolisso), Thiago - Gnabry (73. Robben), Müller, Coman (87. Ribéry) - Lewandowski
Schiedsrichter
: Stieler
Gelbe Karten: Upamecano / Lewandowksi
Zuschauer: 77.293 (ausverkauft)

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