Bayern-Panne 1985 Das schönste Eigentor der Bundesliga-Geschichte

Ein strammer Schuss, ein toller Treffer. Helmut Winklhofer mochte sich aber nicht freuen. Der Bayern-Verteidiger hatte ein Eigentor fabriziert, ein so schönes, das dies zum "Tor des Monats" gewählt wurde. Im Magazin "11 FREUNDE" erinnert sich Winklhofer an sein Malheur.


Es war am 10. August 1985, dieses Datum werde ich nie vergessen. Mein erstes Bundesligaspiel, nachdem ich von Bayer Leverkusen zum FC Bayern zurückgekehrt war. Wir haben im Westen gespielt, gegen die Werksmannschaft aus Uerdingen. Das Unglück ereignete sich nach einer guten halben Stunde in der eigenen Hälfte, etwa 15 Meter hinter der Mittellinie, als ein Querpass auf mich zukam. Ich wollte den Ball eigentlich nur über den Fuß meines Gegenspielers lupfen. Doch aus diesem Lupfer wurde leider ein richtig schöner Weitschuss.

Bayern-Coach Lattek: Kuriose Niederlage
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Bayern-Coach Lattek: Kuriose Niederlage

Im ersten Moment schaute ich dem Ball hinterher und dachte nur: "Mann, der geht aber weit!" Dann hob die Kugel richtig ab und flog, flog, flog. Da unser Torwart Jean-Marie Pfaff zu weit vor dem Tor stand, fiel der Ball genau in die rechte Ecke. Zunächst haben alle etwas ungläubig dreingeschaut, sogar die Zuschauer. Wenn ich gewollt hätte, dass der Ball dort einschlägt, wäre mir solch ein Schuss sicher nicht gelungen. Es war ein bisschen so, als ob Trainer Udo Lattek vorher zu mir gesagt hätte: "Schau mal, dass du den aus 35 Metern reinkriegst, dann hast du morgen frei."

Pfaff habe ich in der Pause angeraunzt, dass er in Zukunft weiter hinten bleiben soll, alles natürlich nur im Spaß; ich wurde gegen Roland Wohlfahrt ausgewechselt, ein zusätzlicher Stürmer sollte für uns das Spiel noch umbiegen. Das klappte nicht, wir verloren 0:1. Die Sache mit meinem Eigentor war für uns schnell abgehakt, für die Öffentlichkeit sah das anders aus. Was folgte, war eine makabere Nummer der ARD. Die "Sportschau" hat zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Eigentor als "Tor des Monats" vorgestellt. Und das ist dann tatsächlich gewählt worden.

Nach der Wahl kam Bayern-Manager Uli Hoeneß zu Jean-Marie und mir und erzählte, dass wir von der ARD eingeladen worden seien. Die Anfrage wurde aber vom Verein negativ beschieden. Hoeneß ist regelrecht der Kragen geplatzt. "Verarschen kann ich mich selber", hat er gesagt. Und: "Warum sollten wir noch mehr Salz in die Wunde streuen?" Es war uns allen klar, dass das Eigentor nur nominiert worden war, weil es jemand vom großen FC Bayern erzielt hatte. Es ist zwar unumstritten, dass es ein sehr schöner Treffer war, aber hier ging es vor allem um die Schadenfreude.

Jahrelang hatte in der Sendung das ungeschriebene Gesetz gegolten, dass Eigentore tabu waren. Sonst wären Franz Beckenbauer und Hans-Georg "Katsche" Schwarzenbeck bestimmt schon vor mir dran gewesen! Wir waren also schon etwas verwundert in München, zumal die "Sportschau" zu dieser Zeit als etwas hausbacken galt.

Es war nun wirklich nicht so, dass dort nach solchen Szenen gesucht wurde, wie das heute Stefan Raab macht. Die Medaille hat mir dann Eberhard Stanjek vom Bayrischen Rundfunk überreicht - auf unserer Weihnachtsfeier in der Schlosswirtschaft in Leutstetten. Der kam einfach an meinen Tisch und sagte: "Hier, Helmut, schau her, hier hast du das umstrittene Objekt!"

Von der Mannschaft hat das keinen mehr interessiert, das war Schnee von gestern. Im Training hieß es noch manchmal: "Achtung, der Helmut kommt, Jean-Marie, geh mal ein paar Meter nach hinten!" Grundsätzlich hat man beim FC Bayern aber keine Zeit gehabt, sich länger mit so etwas zu beschäftigen. Es musste immer weitergehen.

Die Medaille bewahre ich bis heute auf, in einer Schatulle mit anderen Erinnerungsstücken. Ich habe das Missgeschick auch nie verflucht. Es war zwar ein Negativum in meiner Karriere, aber ich habe keinen umgebracht. Wenn die "Sportschau" den FC Bayern damals nicht der Lächerlichkeit hätte preisgeben wollen, wäre nie so ein großes Thema daraus geworden.

Protokoll: Thorsten Schaar



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