Bayern-Sieg auf Schalke Der Gigant ist wieder wach

Die Bayern lassen die Muskeln spielen: Der Sieg auf Schalke sorgt für Münchner Zufriedenheit. Nur ein Punkt Rückstand auf Platz eins, dazu eine starke Leistung der oftmals so wackligen Abwehr - das Team von Jürgen Klinsmann hat sich nach dem verkorksten Saisonstart gefunden.

Von , Gelsenkirchen


Uli Hoeneß strahlte vor Glück. Nach all dem Zirkus um Buddhas auf dem Trainingsgelände und nach im Bayern-Universum völlig undenkbaren Ergebnissen wie 2:5 oder 3:3 in Heimspielen, hat der Manager seinen guten alten FCB zurück. Da stand Hoeneß nun in den Gängen der Gelsenkirchener Arena, hatte 2:1 (2:1) bei Schalke 04 gewonnen und konnte genussvoll vertraute Worte in die Mikrofone diktieren. Er sprach von "Effizienz", von "individueller Stärke" und von "dem kleinen Unterschied, wenn man in der Lage ist, aus wenigen Chancen Tore zu schießen".

Es war offenkundig ein Genuss für den ehrgeizigen Manager, und die Tatsache, dass seine Bayern zuvor eine Halbzeit lang an den eigenen Strafraum gefesselt waren, schien die Freude sogar noch zu steigern. Die Schalker Stärke veredelte diesen Auswärtssieg zu einem Meilenstein auf dem Weg mit dem streitbaren Trainer Jürgen Klinsmann.

Es hatte ja auch schon gut begonnen. Schon nach zwei Minuten und 18 Sekunden waren die Bayern durch ein Tor von Luca Toni in Führung gegangen, doch bereits zwei Minuten später glich Jefferson Farfan aus, Schalke war nun wach. In der Folge gewannen die Gastgeber praktisch alle wichtigen Zweikämpfe im Mittelfeld. "Schalke hat in dieser Phase sehr, sehr stark gespielt", meinte Hoeneß, doch die in dieser Saison oftmals wackelige Bayern-Verteidigung blieb stabil. Die Defensive um Martin Demichelis und Lucio beförderte mit allen Körperteilen Bälle aus dem Strafraum, befand sich permanent unter Druck, doch die Serie mit den vielen guten Ergebnissen verleiht dem Kollektiv jene Sicherheit, die in den Monaten des Umbruchs fehlte.

Derzeit sieht es so aus, dass der Trainer, der noch am Freitag auf der Jahreshauptversammlung der Münchner mit "Klinsmann-Raus"-Rufen begrüßt worden war, tatsächlich Recht behalten sollte mit all seinen Maßnahmen. "Es hat sich viel geändert", sagte Kapitän Mark van Bommel, "man muss sich aneinander gewöhnen, es gibt neue Ideen, ein neues Gebäude, aber jetzt spielen wir immer besser Fußball".

Auch Klinsmann erinnerte noch einmal an die Widrigkeiten der ersten Saisonphase. "Wir hatten eine ganz schwierige Vorbereitung, wegen der vielen EM-Spieler, und außerdem ist Franck Ribéry nach seiner Verletzung nur sehr schwer in die Gänge gekommen." So langsam findet der französische Künstler aber zu seiner Form aus dem Vorjahr. Vor dem Gastspiel auf Schalke hat er in drei Bundesligapartien am Stück getroffen, und in diesem Spitzenspiel erzielte er das Siegtor. Nach einem sehenswerten Doppelpass mit Zé Roberto, schob Ribéry den Ball mitten in der intensivsten Schalker Drangphase ins Tor (31.).

Fred Rutten, Schalkes Trainer, sagte anerkennend, "heute hat die Mannschaft mit der höheren Effizienz gewonnen", die Statistiken zum Spiel untermauern diese These eindrucksvoll. 18:1 Ecken wurden gezählt, Schalke hatte 66 Prozent Ballbesitz und schlug 47 Flanken in den Strafraum, klare Torgelegenheiten erzeugten sie aus dieser Überlegenheit aber nicht. Weitschüsse von Fabian Ernst (20.) und Jermaine Jones (28.) blieben neben einem Kopfball von Heiko Westermann in der Nachspielzeit die besten Schalker Gelegenheiten. Die Schalker drohen ins Mittelmaß der Liga abzurutschen, am kommenden Wochenende müssen sie bei Tabellenführer Bayer Leverkusen antreten.

Die Bayern sind hingegen richtig ins Rollen gekommen, sogar die Verletzung von Bastian Schweinsteiger, für den Toni Kroos spielte, verkrafteten sie problemlos. Die Welt ist nach turbulenten Monaten wieder in Ordnung an der Säbener Straße. Am Freitag wurden wieder einmal Rekordumsätze präsentiert, in der Champions League stehen sie bestens da, und der Abstand zur Tabellenspitze ist von sieben Punkten am siebten Spieltag auf nur noch einen Punkt geschrumpft. "Wir wollten immer nach vorne", sagte Klinsmann, "jetzt kommen wir immer näher ran, unser Ziel ist ganz klar die Herbstmeisterschaft".

Dieser Titel ist Uli Hoeneß zwar "ziemlich egal", ihm geht es "darum, dass wir nach 34 Spieltagen ganz oben stehen". Den schnellen Sprung an die Spitze des Tableaus wünscht er sich aber auch. "Wenn wir erstmal oben sind, dann wird er richtig schwer für die anderen", kündigte er an. Nun strahlte er nicht mehr, seine Worte klangen wie eine Drohung. Die Liga muss sich wieder fürchten vor dem Giganten aus München.

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