Bayern-Sieg bei St. Pauli Mister Valium griff daneben

Der Fehler eines sonst fehlerlosen Schlussmanns half dem FC Bayern in die nächste Runde. Die beiden prominentesten Neuzugänge des deutschen Meisters machten beim Pokalkrimi auf St. Pauli überraschende Erfahrungen.

Von Pavo Prskalo


Hamburg - Lukas Podolski dürfte gestaunt haben. Vier Treffer hatte der Stürmer beim 13:0-Sieg der Nationalmannschaft am vergangenen Mittwoch in San Marino erzielt, die beste Empfehlung also für die Anfangself des FC Bayern beim DFB-Pokalspiel gegen den FC St. Pauli. Doch auf der Taktiktafel von Felix Magath suchte Podolski seinen Namen vergeblich. Wie schon in den ersten drei Bundesliga-Partien beorderte ihn der Trainer zunächst auf die Bank. Ein Fehler, den sich Magath in der Halbzeit - sein Team lag zu diesem Zeitpunkt durch einen Treffer von Timo Schultz zurück - eingestand. Er nahm den harmlosen Roy Makaay vom Platz und wechselte Podolski ein. Dieser benötigte gerade mal 26 Sekunden, um seinen ersten Pflichtspieltreffer für seinen neuen Club zu erzielen. Ganz nebenbei brachte er erschreckend schwache Bayern zurück ins Spiel.

"So wollen wir den Lukas öfter sehen. Dafür haben wir ihn geholt", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß nach der Partie. Podolski war da längst ohne Kommentar im Mannschaftsbus verschwunden. Dass er mit seinen Teamkollegen das Millerntorstadion überhaupt als 2:1-Sieger verließ und sich ein Elfmeterschießen ersparte, lag aber nicht nur an seinem starken Auftritt. Vielmehr hatte ein Spieler des Gegners den Bayern geholfen, die zweite Runde zu erreichen. Kurz vor Ende der ersten Hälfte der Verlängerung patzte der bis dato überragende Torwart Patrik Borger und lenkte eine Flanke vom Münchner Verteidiger Philipp Lahm mit der rechten Hand ins eigene Netz. "Der Ball ist mir abgerutscht", erklärte Borger seinen Fauxpas.

Erst am Morgen, so gestand der Torhüter später, habe er erfahren, dass er überhaupt spielen werde. Nur eines von sieben Regionalliga-Spielen hatte er in dieser Saison bestritten. "Natürlich war ich nervös, doch als die Bayern angefangen haben, mich in der zweiten Halbzeit warmzuschießen, war das weg", sagte der 27-Jährige. Gleich mehrfach bewahrte er mit seinen Paraden sein Team in der regulären Spielzeit und zu Beginn der Verlängerung vor einem Rückstand. Auch in der Verlängerung, als die Bayern nach einer Tätlichkeit von Lucio nur noch zu zehnt spielten, parierte er mehrfach glänzend. Der Fehler werde ihm aber sicherlich "trotz der ansonsten guten Leistung und einiger Bierchen eine schlaflose Nacht bereiten", so der Schlussmann.

Sein Trainer Andreas Bergmann sah das schon lockerer. "Patrik hat hervorragend gehalten. Den Patzer wird er wegstecken, nicht zu Unrecht nennen ihn die Mitspieler Mister Valium", scherzte der Trainer der Heimelf nur wenige Minuten nach Spielschluss. Die gute Laune hatte seinen Grund. Wie bereits im Pokal-Halbfinale im April (0:3) hatte der Regionalligist, derzeit auf einem Abstiegsplatz, den Deutschen Meister in arge Bedrängnis gebracht. "Was meine Jungs vor allem in der ersten Halbzeit gezeigt haben, war unglaublich", sagte Bergmann. Nicht einen vernünftig vorgetragenen Spielzug der individuell überlegenen Gäste ließ St. Pauli in den ersten 45 Minuten zu. "Wir hatten sie im Griff", erklärte Abwehrspieler Carsten Rothenbach.

Die Bayern-Verantwortlichen hätten sich zur Pause über einen noch höheren Rückstand nicht beklagen können. So forderte Hoeneß von St.-Pauli-Präsident Corny Littmann völlig zurecht: "Ihr müsst öfter so spielen, nicht nur gegen uns."

Einen Klassenunterschied hatte auch Gästecoach Magath nicht gesehen. "St. Pauli hat ein irres Tempo vorgelegt. Doch mir war klar, dass sie das nicht durchhalten können", sagte Magath. Auch bedingt durch dessen taktische Umstellungen zur Pause kam der Titelverteidiger besser ins Spiel. So wechselte Magath, der auf den gesperrten Oliver Kahn verzichten musste, neben Podolski auch Bastian Schweinsteiger ein und beorderte diesen sogleich hinter die Spitzen. Zugang Mark van Bommel vom FC Barcelona musste nach seinen ersten 45 Minuten im Bayern-Dress ins rechte Mittelfeld weichen.

Den Holländer ärgerte die Strafversetzung nicht. „Mir ist ganz egal, wo ich spiele. Der Trainer weiß, was ich kann“, erklärte van Bommel. Selbst die Stimmung im mit 19.400 Zuschauern ausverkauften Stadion lockte ihn nicht aus der Reserve: „In der spanischen Provinz ist das ganz ähnlich. Aber dort sind nicht nur die Fans, sondern auch das Wetter richtig heiߓ, sagte der 29-Jährige, dem die fehlende Bindung ans Spiel der Bayern noch deutlich anzumerken war. Dennoch gab es Lob von höchster Stelle. "Ich habe ihn ins kalte Wasser geworfen und dafür hat er seine Sache ganz ausgezeichnet gemacht", sagte Magath. Beim Champions-League-Auftakt am Dienstag gegen Spartak Moskau (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird der Trainer erneut auf van Bommel setzen. Auch Lukas Podolski könnte dann in der Anfangself stehen. "Seine Chancen dafür", so räumte Magath ein, "sind nach der Leistung gegen St. Pauli wesentlich größer geworden"“ Roy Makaay wird dies nicht gerne hören.



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