Bayern-Sieg gegen Hoffenheim Das Vorbild aus der Provinz

Es war Hoffenheims erstes Pflichtspiel gegen die Bayern - und die Leistung des Aufsteigers wird in Erinnerung bleiben. Nach ihrem glücklichen Erfolg feierten die Münchner leise. Der Grund: Der Gast zeigte die Art von Fußball, den der Meister auch gerne spielen will.

Von Christoph Biermann, München


Sie hatten ihn doch schon in der Hand gehalten, zumindest diesen einen Punkt. Sie hatten toll gespielt, erst dominiert und sich später tapfer gewehrt. 1:1 stand es, die 90 Minuten zwischen dem FC Bayern München und der TSG 1899 Hoffenheim waren schon vorüber. Und selbst dieser letzte Angriff in der Nachspielzeit war doch eigentlich schon abgewehrt. Da rutschte Andreas Ibertsberger in den Ball, und der Hoffenheimer Außenverteidiger beförderte ihn unglücklich vors eigene Tor. Luca Toni war da, traf sofort ins Tor und löste die bekannten Reflexe aus.

War er da nicht wieder, der "Bayern-Dusel" für glückliche Tore im rechten Moment oder das "Bayern-Gen" für den unbändigen Siegeswillen bis in die Schlusssekunde? Hatten sie nicht wie schon so oft zuvor auch den ungewöhnlichen Herausforderer aus der Provinz in die Schranken gewiesen? Ja, das war so und die natürliche Ordnung der Liga schien wirklich wiederhergestellt. Doch die Leistung der Hoffenheimer bei ihrem ersten Pflichtspiel gegen die Bayern wird nachhallen, weil sie es ist, die von diesem Abend in Erinnerung bleiben wird.

Das merkte man auch daran, dass das Siegesgeheul der Bayern vergleichsweise gedämpft ausfiel. Für Jürgen Klinsmann war Hoffenheim "mit Sicherheit die beste Mannschaft, gegen die wir in der Bundesliga gespielt haben". Der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich nicht minder beeindruckt über einen neuen Konkurrenten, "den wir mit Respekt im Auge behalten werden". Wohl auch deshalb, weil sie den Fußball spielten, den sich doch die Bayern vor dieser Saison vorgenommen hatten.

Die Hoffenheimer hingegen jammerten, denn sie hatten drei Minuten vor dem Siegtreffer von Toni selber "einen Matchball gehabt", wie Trainer Ralf Rangnick sagte. Da stand Sejad Salihovic frei vor Michael Rensing und scheiterte beim Versuch, dem Bayern-Torhüter den Ball durch die Beine zu schießen. Das wäre ein vielleicht etwas glücklicher Siegtreffer für den Gast gewesen, aber dass er die Niederlage als "extrem brutal" empfand, wie Rangnick sagte, konnte man gut verstehen.

Doch mit etwas Abstand müssten die Depressionen eigentlich zügig schwinden. Denn in der Allianz-Arena gaben sie einen Gegner ab, der etliche Annahmen über ihn endgültig revidierte. Diese Mannschaft hat weder einfach nur einen guten Lauf, noch lebt sie ausschließlich vom jugendlichen Überschwang der Spieler. Vielmehr bewiesen sie im Härtetest eines Spitzenspiels der Bundesliga auch ihre individuelle Klasse. In Hoffenheim mögen Laufbereitschaft, Konzept und taktische Schulung eine Rolle spielen, aber etliche Spieler verfügen auch über besondere fußballerische Qualitäten.

Dazu gehören nicht nur die in den letzten Wochen häufig gelobten Angreifer Vedad Ibisevic, Demba Ba oder Chinedu Obasi und der Spielmacher Eduardo. Besonders überzeugend waren Rechtsverteidiger Andreas Beck, der gegen Franck Ribéry so geschickt und unbeeindruckt verteidigte, dass es auch Bundestrainer Joachim Löw auf der Tribüne nicht entgangen sein dürfte. Das gleiche galt für Kampfzwerg Tobias Weis im defensiven Mittelfeld von Hoffenheim, der als ein Willi Landgraf für Reiche schon mal bei Löw schnuppern durfte.

Weis zeigte den Biss, den man von Torsten Frings gerne mal wieder sehen würde, und war der Hoffenheimer, der den erstaunlich scharfen Ton seines Teams vorgab. Die Gäste bewiesen auch durch eine harte Gangart, dass sie nicht zur Ehrerbietung gegenüber dem Rekordmeister nach München gekommen waren.

In der ersten Halbzeit kamen die Bayern damit überhaupt nicht zurecht und reagierten phasenweise so genervt wie ein blasiertes Starteam, als die Hoffenheimer sie umschwirrten und stachen wie ein Schwarm Moskitos.

"Es ging zu oft hin und her, das war nicht unser Plan"

Doch mit dem Führungstreffer von Ibisevic, seinem 18. Saisontreffer, für Hoffenheim vier Minuten nach der Pause legte sich der Grundton des Beleidigseins. Die Bayern arbeiteten sich erst mühsam ins Spiel, und mit dem Ausgleichstor von Phillipp Lahm nach einem WM-2006-Gedächtnissolo verschoben sich nach einer Stunde die Gewichte. "Es ging zu oft hin und her, das war nicht unser Plan", sagte Lahm. Aber wenn die Bayern das Spiel auch nie ganz kontrollierten, gewannen sie doch nun endlich eine Übermacht auf dem Platz.

All das hätte insgesamt wunderbar ein Unentschieden gerechtfertigt. Doch auch so ging von Hoffenheim in diesem wirklichen Spitzenspiel eine erfreuliche Botschaft aus, die Andreas Beck auf eine einfache Formel brachte. "Wir spielen, um zu gewinnen und nicht, um nicht zu verlieren", sagte er. Das wäre doch mal ein Ziel, das man einer größeren Zahl Mannschaften wünschen würde. Darüber sprach Beck über sein Team als Lernende in Sachen Fußball. "Aus diesem Spiel können wir viel lernen", sagte er, "und in einem halben Jahr gibt es wieder ein Spiel." Der unausgesprochene Nachsatz hieß: Und dann sind wir noch besser.



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