Bayern-Sorgenkind Ribéry Ein Mann sieht Rot

Sieg gegen Lyon, das Endspiel in Sicht - die Bayern sind nach ihrem Erfolg im Champions-League-Halbfinale bester Laune. Bis auf einen: Franck Ribérys Platzverweis ist der Tiefpunkt einer verkorksten Saison mit Verletzungen, Wechselgerüchten, mäßiger Leistung und einem vermeintlichen Sexskandal.

dpa

Aus München berichtet Sebastian Winter


Weit mehr als 60 Sekunden stand der wohl traurigste Mann des Abends noch auf dem Feld, während sich neben ihm Lyons Stürmer Lisandro Lopez vor Schmerzen wand. Als könne er selbst nicht richtig fassen, welche Dummheit er da gerade begangen hatte. In der 37. Minute des Halbfinal-Hinspiels in der Champions League gegen Lyon hatte Bayerns Franck Ribéry Lopez heftig gefoult.

Ob berechtigt oder nicht, jedenfalls zückte Schiedsrichter Roberto Rosetti sofort Rot. Dieser Moment schockierte die 66.000 Zuschauer im Stadion, die Mannschaft, aber vor allem Ribéry selbst. Langsam trottete der 27-Jährige vom Rasen, als hätte er Blei in den Schuhen. Und auch wenn die Fans "Ribéry, Ribéry, Ribéry" skandierten, muss es dem Franzosen, als er die Stufen in Richtung Umkleidekabine hinunterschlich, vorgekommen sein, als steige er hinab in sein persönliches Fegefeuer.

Dass die Bayern trotz dieses Verlustes auch ohne ihren Zauberkünstler 1:0 gegen Lyon gewannen, war einer "unglaublichen Energieleistung" (Präsident Uli Hoeneß), der Gelb-Roten Karte gegen Lyons Jeremy Toulalan in der 54. Minute und einem Mann zu verdanken, der seit geraumer Zeit anstelle Ribérys für die Glanzlichter beim deutschen Rekordmeister sorgt: Arjen Robben. Der Holländer machte in der 69. Minute das entscheidende Tor. Mal wieder. Doch selbst der erlösende Treffer wurde von der tragischen Figur dieses Abends in den Hintergrund gedrängt.

Ein Platzverweis, symbolisch für Ribérys Saison

Selten hatte ein Platzverweis eine solch symbolische Wirkung wie im Falle Ribérys. Denn es gibt wohl keinen anderen Spieler der Bayern, der in dieser so erfolgreichen Saison eine derart gegenläufige Entwicklung zum gesamten Ensemble genommen hat wie der Franzose.

Die Rote Karte ist der vorläufige Tiefpunkt einer Spielzeit, die nicht schlimmer für Ribéry hätte laufen können. Er konnte wegen diverser Verletzungen weder die Vorbereitung in der Sommerpause noch das Trainingslager in Dubai im Januar für ein Aufbautraining nutzen. In der Vorrunde plagten ihn wochenlang Knie- und Zehenschmerzen. Die Probleme zogen sich weit in die Rückrunde hinein, so dass Ribéry nie dauerhaft in die Startelf fand.

All diese körperlichen Tiefschläge wirkten sich - natürlich - auf Ribérys Leistung aus. Während Robben durch wunderbare und entscheidende Tore zum Liebling der Massen wurde, fiel Ribéry wegen seiner Verletzungen, mäßiger Spiele und durch ihn selbst angeheizte Wechselgerüchte in der Gunst des Publikums zurück.

Der Dribbelkünstler hat den Anschluss verpasst

Der Dribbelkünstler hatte im Laufe der Saison den Anschluss verpasst - und es kam noch schlimmer. Ribéry soll nun auch noch neben anderen französischen Nationalspielern, unter anderem Lyon-Profi Sidney Govou, nähere Bekanntschaft mit einer minderjährigen Prostituierten gehabt haben, wie aus Vernehmungsprotokollen hervorgeht, die die französische Zeitung "Le Monde" diese Woche veröffentlichte.

Allein dieser vermeintliche Skandal hat in den vergangenen Tagen eine schlüpfrige Debatte nach sich gezogen, auf die sich der Boulevard genüsslich stürzte. Längst sind Diskussionen darüber entbrannt, ob andere Vereine wie Real Madrid Ribéry unter solchen Umständen überhaupt noch verpflichten wollen, was den Bayern womöglich helfen könnte, ihn zu halten.

Als wäre all dies nicht genug, bringt dem moralisch ins Abseits driftenden Familienvater die Rote Karte aus dem Spiel gegen Lyon nun das nächste folgenreiche Negativerlebnis ein. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass Ribéry nicht nur für das Rückspiel in Lyon gesperrt wird, sondern auch im durchaus möglichen Finale fehlt.

Bayern-Verantwortliche schützen Ribéry

Die Verantwortlichen wollen ihren zerbrechlichen Künstler schützen, gerade jetzt, nach dieser Horrorwoche. "Es ist eine schwierige Phase für Franck", sagte Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger, "doch wir werden ihn auf jeden Fall unterstützen. Erst hat er diese Verletzungen, jetzt kommt er zurück, und dann passiert diese Sache. Er wirkt niedergeschlagen, aber das ist nur allzu verständlich in seiner Situation."

Mit jener Sache, die Nerlinger ansprach, meinte er gar nicht Ribérys Platzverweis, den er wie Präsident Uli Hoeneß für übertrieben hielt, sondern dessen Privatunternehmungen, die wohl auch ein Thema in einem 20-minütigen Vier-Augen-Gespräch zwischen Nerlinger und Ribéry am Montag waren. Dessen Stürmerkollege Thomas Müller kümmerte sich nach dem Lyon-Spiel mit seinen gerade einmal 20 Jahren fast väterlich um das derzeitige Bayern-Sorgenkind: "Wir müssen schauen, dass wir ihn bis Samstag wieder hinkriegen." Darum geht es nun zuvorderst, nicht um besondere Leistungsnachweise.

Denn so bitter all die Rückschläge und Negativ-Schlagzeilen für den Franzosen sind: Die wahre Katastrophe wäre für Bayern zurzeit, wenn Robben ausfiele. In der 85. Minute musste auch der Matchwinner unfreiwillig vom Platz. Van Gaal wollte wechseln. Robben aber wollte nicht gehen und lieferte sich mit seinem Trainer an der Seitenlinie einen längeren Disput. "Ich fand den Wechsel falsch. Vielleicht wäre mir noch ein Tor gelungen", begründete Robben den Zwist, für den er sich später nonchalant entschuldigte.

So einen Abgang wie Robben hätte sich Ribéry auch gewünscht.

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
tetaro 22.04.2010
1. ..
Zitat von sysopSieg gegen Lyon, das Finale in Sicht - die Bayern sind nach ihrem Erfolg im Champions-League-Halbfinale bester Laune. Bis auf einen: Franck Ribérys Platzverweis ist der Tiefpunkt einer verkorksten Saison mit Verletzungen, Wechselgerüchten, mäßiger Leistung und einem vermeintlichen Sexskandal. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,690488,00.html
Sexskandale sind eigentlich doch nur Neidskandale. Die Boulevardpresse badet doch darin, Fotos der üppigen "Skandale" abzbilden. Der kleine Mann macht sich klar, dass er das nie haben wird und tröstet sich dann damit, dass er ja zumindest moralisch anständig ist. In Wirklichkeit ist er zerfressen von Neid. Dasselbe bei Tiger Woods.
Thomas Lammersen 22.04.2010
2. Neid?
Zitat von tetaroSexskandale sind eigentlich doch nur Neidskandale. Die Boulevardpresse badet doch darin, Fotos der üppigen "Skandale" abzbilden. Der kleine Mann macht sich klar, dass er das nie haben wird und tröstet sich dann damit, dass er ja zumindest moralisch anständig ist. In Wirklichkeit ist er zerfressen von Neid. Dasselbe bei Tiger Woods.
Zugegeben, bei Tiger Woods mit seinen gefühlt reihenweise abgeschleppten Foto-Modells mag klingt das Neid-Argument plausibel, aber eine minderjährige Prostituierte liegt wohl auch - falls angestrebt - für den "kleinen Mann" durchaus im Bereich des möglichen...
jackhero 22.04.2010
3. Platte Unterstellung
Zitat von tetaroSexskandale sind eigentlich doch nur Neidskandale. Die Boulevardpresse badet doch darin, Fotos der üppigen "Skandale" abzbilden. Der kleine Mann macht sich klar, dass er das nie haben wird und tröstet sich dann damit, dass er ja zumindest moralisch anständig ist. In Wirklichkeit ist er zerfressen von Neid. Dasselbe bei Tiger Woods.
Das finde ich zu platt! Haben kann man eine Prostituierte doch immer und wer eine aussereheliche Affaere mit einer minderjaehrigen als erstrebenswert oder beneidenswert ansieht, der hat ein Problem.
Kanzla87 22.04.2010
4. Sie vielleicht, die große Mehrheit sicher nicht.
Zitat von tetaroSexskandale sind eigentlich doch nur Neidskandale. Die Boulevardpresse badet doch darin, Fotos der üppigen "Skandale" abzbilden. Der kleine Mann macht sich klar, dass er das nie haben wird und tröstet sich dann damit, dass er ja zumindest moralisch anständig ist. In Wirklichkeit ist er zerfressen von Neid. Dasselbe bei Tiger Woods.
Also ich bin nicht neidisch auf einen fremgehenden Mann, der es nötig hat, zu (minderjährigen) Prostituirten zu gehen... Ihm ist der Erfolg wohl zu Kopf gestiegen...
Maccharoni 22.04.2010
5. typisch Gesellschaft, typisch Medien
1) Alle Leser, die sich für die öffentliche Figur Ribery interessieren und seinem Sex-Skandal, wollen im Prinzip doch nur einfache Unterhaltung. 2) Es wundert mich, dass die Medien noch nicht darauf hingewiesen haben, dass Ribery verheiratet ist. Ich hoffe, dass das auch so bleibt. 3) Es spielt eine Rolle, ob dieses Foul rotwürdig war. Ich sage nein. Der Schiedsrichter hat kein Fingerspitzengefühl gezeigt oder zeigen wollen und müsste sich auch für seine Entscheidung rechtfertigen. Ein wenig hat er es getan, indem Lyon im die Möglichkeit gab seinen Faupax etwas auszugleichen. 4) Keiner braucht sich über das Auftreten der Medien zu beschweren. Die wühlen nur im Dreck, weil viele Leser gerne ihre Nasen da rein stecken. 5) Bayern möchte Ribery halten. Das heisst, dass sie ihn unterstützen werden. Der Kaiser und manch anderer kann ihm sicherlich ein paar hilfreiche Tips geben, wie man schön in Bayern den Bierdeckel auf solche Tächtelmächtel halten kann. Wie auch immer, die Chancen stehen jetzt recht gut, dass Ribery Bayer bleibt. 6) Ribery ist irgendwo eine Diva. Z.B. hat er immernoch keine Lust Deutsch zu sprechen, wahrscheinlich auch nicht sich anzueignen. Kein Wunder, dass seine Freunde eher die sind, die sich mit ihm auf Französisch unterhalten können. In einem muss man Kliensmann recht geben. Alle sollten, zumindestens ein wenig, deutsch sprechen können. Das Ribery zu seiner Mannschaft steht ist ihm auch nicht wichtig. Statt klare Bekennung eine langjährige Vertragsverhandlung. Aber bisher gehört er zur Mannschaft und die kann sicherlich seine Macken kompensieren. Da bin ich mir sicher.
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