Bayern-Star Scholl Der letzte Dribbler

Rummenigge nennt ihn einen der besten deutschen Spieler der vergangenen fünfzehn Jahre - andere finden ihn einen der ungewöhnlichsten. Morgen beendet Mehmet Scholl seine Karriere. Der unangepasste Dribbler, einst Teenie-Idol, tritt als unvollendeter Fußballer ab. Aber als gereifter Mann.

Das soll es jetzt also gewesen sein? Unwirklich kommt das einem vor, 15 Jahre lang war er ja immer da. Als er in München anfing, hieß der Bayern-Trainer noch Erich Ribbeck und die Stars des Rekordmeisters Lothar Matthäus, Jorginho und Raimond Aumann. Man hat heute fast das Gefühl, Mehmet Scholl hätte noch mit Paul Breitner zusammengespielt. Oder mit Gerd Müller. Und er sieht doch auf dem Platz immer noch ein bisschen wie 20 aus, wenn er den ersten Gegner auswackelt und den zweiten per Übersteiger stehen lässt. Er kann doch immer noch eine Inspiration für das Spiel der Bayern sein.

Aber leider nur noch für zehn Minuten.

Deshalb wackelt der 36-Jährige morgen gegen Mainz zum letzten Mal im Bayern-Trikot. Vorher heißt es deshalb schnell noch Abschied nehmen von einem etwas anderen Fußballer. Der in einer Welt, in der Fußbegabte zu Feingeistern gemacht werden, immer wie ein Universalgelehrter wirkte, weil er auch im Kopf beschlagen war. Der vor Fernsehkameras urplötzlich sagte, er hoffe, "dass immer Frieden ist" und damit Bundeskanzler Schröder für dessen Anti-Irakkrieg-Kurs lobte. Scholl ist ein Autonomer im besten Sinne - er hat seine eigene Meinung. Auch wenn er sie in den letzten Jahren viel zu oft zurückgehalten hat. Aber das hat seine Gründe.

1997 starben Scholls Mutter und sein Berater, seine Ehe wurde geschieden, der Sohn lebt seither bei der Mutter. Hinzu kamen Verletzungen, der fehlende Stammplatz bei den Bayern - und eine kolportierte Handgreiflichkeit in alkoholisiertem Zustand bei einer Skiwoche der Mannschaft in der Schweiz. Das war sehr viel auf einmal für einen 26-Jährigen. Der "private Sockel" sei zusammengebrochen, erklärte Scholl damals - und er selbst danach zum Angriffsziel "bestimmter Medien" geworden. Der Boulevard stimmte einen Abgesang auf den Mann an, der fünf Jahre lang zum Teenie-Idol aufgebaut worden war und nun zum Hauptdarsteller einer Tragödie gemacht wurde.

Das größere Stück vom Kuchen

Die Fallhöhe ist entscheidend dafür, wie gut sich Geschichten verkaufen. Bei Scholl war sie sehr hoch, auch dank Scholl, der das Spiel jahrelang mitspielte. Der, wie er später einräumte, zu sehr auf sich bezogen und "süchtig nach Anerkennung war", der einfach "ein größeres Stück vom Kuchen abhaben wollte". Diese Einstellung funktioniert im Profifußball, wenn man rücksichtslos ist oder unangreifbar - Scholl war keins von beidem. Die Wende schaffte er nur dadurch, dass er sein Glück nicht mehr von der öffentlichen Meinung abhängig machte. Als er sich nach Monaten wieder äußerte, tat er das in der Hauptsache nur noch gegenüber drei ihm gut bekannten Journalisten und sagte Sätze wie "ich reiße keine großen Sprüche, greife niemanden mehr an". Über den Interviews stand immer öfter, es sei zuletzt ruhig um Scholl geworden.

Morgen wird es in der Allianz-Arena noch einmal laut werden, wenn Stadionsprecher Stephan Lehmann vor dem Spiel gegen Mainz die Nummer sieben aufruft. Scholl wünscht sich einen Auftritt von Beginn an, Trainer Ottmar Hitzfeld wird ihm das nicht ausschlagen. Der Coach weiß um Scholls Verdienste für den FC Bayern: acht Meisterschaften, Champions-League-Sieger 2001, der Weltpokal im gleichen Jahr, dazu der Uefa-Cup 1996, fünf Pokale, 97 Tore in 382 Bundesligaspielen. Dazu eine Beliebtheit, die dem Beliebten selbst immer am Unangenehmsten war. Als einmal ein Kind seine Mutter fragte, welcher Bayern-Spieler denn da gerade aus dem Bus gestiegen sei, freute er sich.

Er hatte Angebote aus Rom und Barcelona, aber am Ende blieb Scholl doch immer in München.

Mehmet Scholl ist ein Paradoxon. Sogar die Bayern-Hasser mögen ihn. Womöglich liegt das daran, dass ihm die Leute seine Vereinstreue zu den Münchnern zugute halten. Und tatsächlich: 15 Jahre sind eine lange Zeit für einen Mann, den Uli Hoeneß in der Frühphase von Scholls Engagement als "Spargeltarzan" bezeichnete. In München sind schon andere zerbrochen, aber nicht dieser 68-Kilo-Mann, der 2001 für den Verein sogar seine Gesundheit riskierte, als er das Champions-League-Finale mit einem Bänderriss bestritt. Man konnte sich ihn nie in einem anderen Trikot vorstellen. Auch nicht, als er 1995 mit dem damaligen Trainer Otto Rehhagel überkreuz lag und zum AS Rom wechseln wollte. Oder als Stefan Effenberg 1998 zurück nach München kam und Scholl vom FC Barcelona träumte, der ein Angebot für den Mittelfeldspieler abgegeben hatte.

Es müsse alles passen bei einem Vereinswechsel, sagte er immer, und es klang entschuldigend und nicht nach Weltbürger. In München hat er seine Freunde, seinen Sohn, seine Ex-Frau und seine Freundin. Und beim FC Bayern hatte er Uli Hoeneß, den er neben seinem Stiefvater Hermann als die wichtigste Person seiner Karriere bezeichnet. Vertragsverhandlungen mit dem Manager hätten nie länger gedauert als zwei Minuten, so Scholl, und einmal, als Hoeneß ihm einen Gehaltsvorschlag machte und er sofort einwilligte, habe Hoeneß das Salär noch mal erhöht. Es hatte ihm wohl gefallen, dass sein Lieblingsspieler nicht gepokert hatte. Der Bayern-Manager habe ihn immer unterstützt, bekannte Scholl, ihn gleichzeitig aber auch immer unter Druck gesetzt. Zumindest in der Zeit, als es der Dribbler noch nötig hatte.

"Ich gehe ohne Wehmut"

1996 hatte man bei den Münchnern noch solche Angst, der für seine Sprüche berüchtigte Ballkünstler ("Hängt die Grünen, so lange es noch Bäume gibt") könnte sich während der Europameisterschaft verbal verdribbeln und sich seine internationale Karriere verbauen, dass Karl-Heinz Rummenigge ins Mannschaftsquartier reiste und auf Scholl einredete. Der Münchner hatte Möller, Häßler und Basler vor sich, die Situation war sportlich unbefriedigend - aber bitte, Mehmet, bloß keine Sprüche. Scholl wurde Europameister, war im Finale der beste Mann auf dem Platz, auch wenn er gegen Golden-Goal-Torschütze Oliver Bierhoff ausgewechselt wurde. Sprüche verkniff er sich, erst nach dem Titelgewinn erklärte er die Leistungen von Kapitän Matthias Sammer öffentlich für überschätzt. Bundestrainer Berti Vogts sortierte ihn aus.

Der Mehmet Scholl, der morgen seinen Abschied gibt, würde so etwas nie wieder sagen. Er hat mit Otto Rehhagel und Erich Ribbeck seinen Frieden gemacht, von denen er den einen in der Kabine beschimpfte und den anderen mit einem Ball beschoss. Die Katastrophen-EM 2000? Abgehakt. Eine Karriere ohne eine einzige WM-Teilnahme? Egal. Einer, der früh mit Netzer und Overath verglichen wurde, hätte sicher mehr erreichen können. Aber er gehe "ohne Wehmut", sagte Scholl jüngst im "Kicker".

Und jetzt? Vielleicht widmet sich der 36-Jährige wieder seiner "heimlichen Leidenschaft" Musik, die links und alternativ ist wie er selbst. Ob er dem Fußball erhalten bleibt, weiß er noch nicht. "Ich habe keine Planung", sagte er der "Sportbild". Und das passt auch zu ihm.