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Bayern-Star Schweinsteiger Der Vollendete

2010 war auch das Jahr des Bastian Schweinsteiger: Bei Bayern München setzte er sich in der Mittelfeldzentrale durch und holte das Double. Er spielte eine fulminante WM und gilt als feste Größe in der DFB-Elf. Der verspielte Schweini ist endgültig Vergangenheit.
Von Mike Glindmeier und Florian Haas

Klassik statt Kicken ist derzeit bei Bastian Schweinsteiger angesagt: Die Hinrunde ist beendet und der Nationalspieler kann in Ruhe Musik hören. Eines seiner Lieblingslieder ist "O Fortuna" aus der szenischen Kantate Carmina Burana, verrät er auf seiner Internetseite. Sonst hat Schweinsteiger in seiner persönlichen Hitparade eher Rap- und Chart-Songs versammelt. Und doch passt "O Fortuna" derzeit wie kaum ein anderer Titel zu ihm.

Denn Schweinsteiger kann nach diesem Jahr wirklich glücklich sein. Er dürfte nun auch seine letzten Kritiker überzeugt haben, dass er zu den besten Mittelfeldspielern der Welt gehört. Bei der WM in Südafrika waren seine Leistungen mit ausschlaggebend dafür, dass die DFB-Elf Dritter wurde. Mit dem FC Bayern hat er die Meisterschaft und den DFB-Pokal geholt, zudem das Finale der Champions League gegen Inter Mailand (0:2) erreicht.

Als der 26-Jährige nach dem letzten Heimspiel des Jahres seine Vertragsverlängerung beim FC Bayern bis 2016 verkündete, jubelten ihm 60.000 Fans zu. Zum Jahresabschluss gab es dann sogar noch einen Titel. Der "Kicker" wählte Schweinsteiger am Sonntag zum "Mann des Jahres".

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Bayerns Mittelfeldstar: "Schweini ist jetzt Herr Schweinsteiger"

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

"Er ist eine große Persönlichkeit geworden und als Persönlichkeit zum Weltstar gereift", sagte Bundestrainer Joachim Löw vor Kurzem über Schweinsteiger. Nicht zuletzt dieser Reifeprozess habe die Redaktion von "Kicker" dazu bewogen, nach Trainer Felix Magath im Vorjahr mit Schweinsteiger wieder einen Spieler zum "Mann des Jahres" zu küren, heißt es in einer Mitteilung des Olympia-Verlags.

Bretter statt Bälle - Schweinsteigers alpine Ambitionen

Dabei deutete am Anfang nur wenig auf eine Fußballkarriere hin. Schon gar nicht auf eine so große. Der gebürtige Oberbayer kam 1998 an die Säbener Straße. Mit fast 14 Jahren. Das ist vergleichsweise spät, zumeist lassen Top-Clubs nur Talente im Kindesalter vorspielen. Der späte Wechsel erklärt sich mit früheren Alpin-Ambitionen: Schweinsteiger schaffte es als kleiner Junge sogar in den Förderkader des Deutschen Skiverbandes. Erst als Jugendlicher zog er den Ball endgültig den Brettern vor. Es war die richtige Entscheidung.

2002 gab er als 18-Jähriger sein Profidebüt beim FCB, 2004 folgte seine Premiere im Trikot der Nationalmannschaft. Als Flügelspieler im rechten oder linken Mittelfeld gab Schweinsteiger einige Torvorlagen, traf auch mal aus der Ferne. Hin und wieder hatte er sogar spektakuläre Auftritte wie beim Sieg gegen Portugal bei der WM 2006, als er der deutschen Mannschaft fast im Alleingang den dritten Platz sicherte.

Doch offenbarte er in diesen Zeiten auch einige Defizite: Mit den gegnerischen Spitzensprintern konnte er ab und an nicht so recht mithalten, oft segelten seine Flanken hinter das Tor. Er war zwar meist ein solide funktionierendes Rädchen im System, aber eben auch nicht mehr.

Hinzu kam sein Image. Er war Schweini, der Gaudibursch. Der Bravo-Boy mit den verkrampft modischen Frisuren. "Basti Fantasti", der lustige Computerspiel-Kumpel von Lukas "Poldi" Podolski. Keiner, dem man Führungsaufgaben zutraute. Keiner für einen verantwortungsvollen Job in der Spielfeldmitte. Keine Konkurrenz für den großen Michael Ballack. So schien es.

Uli Hoeneß platzt der Kragen

Nach der WM 2006 fiel Schweinsteiger in ein Karriereloch. Zwischenzeitlich war sogar sein Job im Mittelfeld des Rekordmeisters in Gefahr. Dem damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß, der stets als großer Fan und Förderer seines Nachwuchsstars galt, platzte der Kragen.

Der "Bild am Sonntag" sagte er einen seiner zahlreichen legendären Sätze: "Dem Schweini haben in den letzten sechs Monaten zu viele Leute Puderzucker in den Hintern geblasen. Den klopfe ich nun wieder raus. Ich akzeptiere nicht mehr, was da zuletzt abgelaufen ist. Er arbeitet auf dem Platz zu wenig."

Schweinsteiger nahm sich diesen Tritt in den Allerwertesten zu Herzen und arbeitete fortan noch härter an sich; an seiner Fitness, seinem Auftreten, seiner Persönlichkeit. Aus "Basti" wurde Bastian, aus dem Berufsjugendlichen ein Erwachsener. Das brachte ihn sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalmannschaft wieder weiter nach vorne.

"Schweini ist jetzt Herr Schweinsteiger"

Den endgültigen Durchbruch aber verdankt Schweinsteiger zu einem großen Teil Louis van Gaal. Als der Niederländer Trainer des FC Bayern München wurde, probierte er es mit Schweinsteiger im zentral-defensiven Mittelfeld. "Er war der erste Trainer, der mir vertraut hat, auf der zentralen Position zu spielen. Da verspüre ich schon Dankbarkeit", sagte Schweinsteiger kürzlich.

Der Versuch glückte, die Versetzung war ein voller Erfolg. Erst jetzt kam Schweinsteigers Zweikampfstärke zum Tragen, seine Passgenauigkeit, die Spielübersicht. "Den Schweini gibt es nicht mehr, das ist jetzt der Herr Schweinsteiger", sagte Hoeneß. Schweinsteiger war jetzt nicht mehr das ewige Talent mit dem lustigen Grinsen, sondern die neue "Super-Sechs" im Verein und gemeinsam mit Sami Khedira bei der WM 2010 auch in der Nationalmannschaft.

Schweinsteiger machte Michael Ballack vergessen, wurde am Ende ins All-Star-Team der WM in Südafrika gewählt. Nach dem Turnier bekundeten viele Top-Clubs, darunter auch Startrainer José Mourinho ihr Interesse. Schweinsteiger ging entspannt in die Vertragsverhandlungen mit dem FC Bayern.

Am 11. Dezember verkündete er direkt nach dem 3:0-Heimsieg über St. Pauli über das Stadion-Mikro, dass er seinen Vertrag bis 2016 verlängert habe. Nur für die Fans, wie er sagte. Die 60.000 Bayern-Anhänger jubelten ihm zu, Schweinsteiger erntete die Wertschätzung, für die er so hart gearbeitet hat.

Die Wahl zum "Kicker-Mann des Jahres" ist ein weiterer Beweis dafür.

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