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Louis van Gaal: Provokateur bei Bayern

Foto: ALBERTO PIZZOLI/ AFP

Bayern-Theater Van Gaal stellt die Machtfrage

Er lässt sich nichts sagen, sagt aber zu allem etwas. Derzeit gibt Louis van Gaal beim FC Bayern den Provokateur. Der Erfolgscoach will testen, wer die sportliche Richtung im Verein bestimmt. Sollte der Trainer seinen Willen nicht bekommen, droht der frühe Abschied.
Von Peter Ahrens und Clemens Gerlach

Louis van Gaal gegen Mittelfeldstar Franck Ribéry, Louis van Gaal gegen Präsident Uli Hoeneß, Louis van Gaal gegen Sportdirektor Christian Nerlinger, Louis van Gaal gegen Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge - Unruhe gehört beim FC Bayern zwar zur Folkore, aber zur Zeit setzt Bayern-Trainer Louis van Gaal in dieser Hinsicht selbst für Münchener Verhältnisse neue Maßstäbe. Der Meistercoach wirkt beleidigt - und sucht die Provokation.

Für den streitbaren Trainer gibt es offenkundig nur noch zwei Optionen: Entweder räumt ihm die Bayern-Führung uneingeschränkte Befugnisse in allen sportlichen Fragen ein oder er geht. Derzeit steuert van Gaal auf die Trennung zu. Er, der selbst gegenseitigen Respekt als Basis gemeinsamen Arbeitens predigt, kritisierte öffentlich führende Mitglieder des Bayern-Clans.

Zuletzt war Mittelfeldstar Franck Ribéry dran. Dem Rekonvaleszenten bescheinigte van Gaal nach einem Testspiel: "Er hat sich nicht bemüht und keinen Einsatz gezeigt." Zu den stockenden Verhandlungen mit Bastian Schweinsteiger dozierte er: "Wenn er nicht über 2012 hinaus verlängert, müsste er verkauft werden. Denn der FC Bayern ist ein Geschäft und meine Vereine haben immer viel Geld verdient." Selbst seinen höchsten Vorgesetzten, Karl-Heinz Rummenigge, ging van Gaal verbal voll an. "Ich denke nicht, dass der Vorstandsvorsitzende die Aufstellung macht."

Was im Konflikt mit Hoeneß im Oktober noch Inszenierung auf großer Bühne gewesen sein mochte, hat sich inzwischen verselbständigt. Rummenigge und Nerlinger hatten damals eindeutig Position für van Gaal ergriffen, Führungsspieler zeigten sich fügsam. Das scheint van Gaal aber nicht zu reichen.

Klettertour im Basislager steckengeblieben

Sein Ziel in der damals ebenfalls öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung, Stamm- wie Reservespieler zu optimalen Leistungen anzustacheln, hat van Gaal nicht erreicht. Von der vollmundig angekündigten "Klettertour" in der Liga ist bislang nicht viel zu sehen. Der Bayern-Tross ist im Basislager steckengeblieben. Eingedenk des Rückstands von bereits 14 Punkten auf Spitzenreiter Dortmund konstatierte Nerlinger unlängst: "Von der Meisterschaft brauchen wir nicht zu reden."

Solche Bekundungen missfallen dem ehrgeizigen van Gaal ("Wir haben noch immer die Chance, Meister zu werden"). Der Niederländer hat nicht mehr viele Ziele im Ligafußball, er hat möglicherweise auch nicht mehr so viel Zeit, sich in seinem Trainerjob noch einmal mit einem prestigeträchtigen Titel zu krönen. Der FC Bayern, das hat er selbst verlautet, dürfte die letzte große Station im Vereinsfußball für den 59-Jährigen sein. Es ist die finale Gelegenheit, noch einmal wie 1995 bei Ajax Amsterdam die Champions League zu gewinnen.

Transfergerüchte um seinen Edelspieler Schweinsteiger vertragen sich damit nicht. Auch deswegen reagiert der Trainer dermaßen allergisch. Für van Gaal ist der Mittelfeldakteur ein Schlüsselspieler, das Funktionieren seines Systems hängt von Schweinsteiger ab. Van Gaal erst hat ihm die zentrale Rolle verliehen, in der Schweinsteiger in diesem Jahr so aufging. Wenn van Gaal jetzt mitteilt, man müsse notfalls Schweinsteiger verkaufen, dann dürfte das ein Signal an den Vorstand sein, dies genau nicht zu tun.

Richtig ist, was van Gaal will

Van Gaal ist nicht einmal 18 Monate in München, aber aus seiner Sicht ist das lang genug, um genau zu wissen, was für den Verein das Richtige ist. Das Richtige für die Bayern ist immer das, was van Gaal will. Dass in punkto Verpflichtungen irgendetwas ohne den Segen des Trainers geschieht, ist für ihn unvorstellbar.

Auch deswegen reagiert er so deutlich, als der Vorstand über Defizite des Kaders räsonierte. Zurzeit werden der französische Verteidiger Benoît Trémoulinas (Bordeaux) und Arsenal-Stürmer Nicklas Bendtner als mögliche Neu-Bayern in der Winterpause gehandelt. Van Gaal will davon nichts wissen, er brauche keine neuen Spieler.

Mit exakt diesem trotzigen Stil ist van Gaal einst beim FC Barcelona gescheitert. Auch dort verbreitete er das Gefühl, im Besitz der allein seligmachenden Weisheit zu sein. Am Ende seiner dreijährigen Amtszeit (1997 bis 2000) hatte der "General" beim Renommierverein fast alle gegen sich.

In München bewegen sich die Dinge in eine ähnliche Richtung. Van Gaal ist so autoritär wie beratungsresistent. Er ist allerdings auch ein unbestrittener Fachmann, ein Ausnahme-Trainer.

Die Bayern-Verantwortlichen hätten wissen müssen, wen sie sich 2009 ins Haus holten. Sie haben den van-Gaal-Faktor wohl unterschätzt. Als es in der vergangenen Saison sehr gut lief (Gewinn von Meisterschaft und Pokal sowie das Erreichen des Finales der Champions League) hielten sich Rummenigge und Hoeneß zurück. Sie ließen den Erfolgscoach gewähren.

Nun aber, wo die Meisterschaft unwahrscheinlich geworden ist, greifen bei den Bayern-Egos die alten Reflexe. Man mischt sich ein, man tadelt. All das, was man bei Ottmar Hitzfeld, Felix Magath, Jürgen Klinsmann und den anderen auch immer gemacht hat. Aber van Gaal ist kein Hitzfeld. Wenn es ihm reicht, dann geht er. Von selbst. Er will bestimmen.

Louis van Gaal hat in der Vergangenheit gerne mit dem Job eines Nationaltrainers kokettiert. Eigentlich war dies für 2012 geplant, wenn sein Ende September verlängerter Vertrag endet. Der Ausstieg bei den Bayern könnte schneller kommen.

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