Bayern-Torwart Neuer Tausend Mal ist nichts passiert

Das Gefühl eines Gegentores könnte Manuel Neuer schon vergessen haben. Seit 1018 Minuten hat der Keeper beim FC Bayern keinen Treffer mehr kassiert. Der 25-Jährige verkörpert wie kein anderer das moderne Torwartspiel. Dabei war sein Anfang in München alles andere als einfach.

dapd

Von Nils Lehnebach


Hamburg - Es war eine neue Erkenntnis in dieser Saison: Manuel Neuer wird doch noch gebraucht. Zehn Spiele hatte der FC Bayern zuletzt fast mühelos gewonnen, ihren Torwart dabei kaum benötigt. Beim 0:0 gegen Hoffenheim ging die Erfolgsserie des FCB zwar zu Ende, Neuer aber wurde ausnahmsweise mal richtig gefordert - und zeigt seine Qualitäten. Der Lohn: Der 25-Jährige überschritt mit seiner fehlerfreien Leistung gegen die TSG die Marke von 1000 Minuten ohne Gegentor.

Neuer hatte seine spektakulärste Szene in der 22. Minute, als er einen Kopfball von Marvin Compper aus dem Winkel kratzte. "Das zeigt, dass ich nicht nur Statist bin", sagte Neuer. Compper zollte seinem Gegenüber Respekt: "Den Ball hat Manuel absolut großartig gehalten. Wir waren ganz nah an dem Sieg dran."

Hoffenheim-Trainer Holger Stanislawski sagte: "Drei Punkte waren möglich, aber auch wegen Neuers Leistung haben wir es verpasst, am Ende über die Ziellinie zu gehen." Insgesamt fünf Schüsse musste Neuer gegen Hoffenheim abwehren, nun ist er wettbewerbsübergreifend seit 1018 Minuten ohne Gegentor.

658 Minuten sind es allein in der Bundesliga - Rang vier in der Liste der längsten gegentorfreien Serien. Den Rekord hält der derzeit vereinslose Timo Hildebrand, der 2003 mit dem VfB Stuttgart saisonübergreifend 884 Minuten nicht zu überwinden war. Rund zweieinhalb Spiele fehlen Neuer also noch, um Hildebrand zu überholen. Die Chancen stehen nicht schlecht, die kommenden Gegner der Bayern in der Bundesliga heißen Hertha BSC, Hannover und Nürnberg.

Hildebrand und Kahn noch vor Neuer

Zwischen Neuer und Hildebrand liegt noch Oliver Kahn, der in der Saison 2002/2003 802 Minuten und 1998/1999 736 Minuten nicht hinter sich hatte greifen müssen. "Ich freue mich natürlich über diese Serie, aber es ist auch meine Aufgabe, den Kasten sauberzuhalten", sagte Neuer, der direkt auf seine Teamkollegen verwies: "Dass wir so lange ohne Gegentor geblieben sind, ist ja ein Verdienst der gesamten Mannschaft."

Auch wenn man von einer solchen Serie nicht zwingend auf die Klasse des Torhüters schließen kann: Wenn man den Rekord jemanden zutrauen konnte, dann Neuer. Schließlich verfügt der Nationaltorhüter über überragende Fähigkeiten. Mit dem FC Bayern hat er nun auch eine Mannschaft gefunden, die ihm viel Arbeit abnimmt, sich dafür aber in den entscheidenden Szenen auf ihn verlassen kann.

Der 25-Jährige verkörpert wie kaum ein anderer das moderne Torwartspiel. Grundlage seines Spiels ist eine ausgezeichnete Athletik, die ihm bei der Strafraumbeherrschung hilft und zudem dafür sorgt, dass er mit weiten und genauen Abwürfen das schnelle Umschalten auf Angriff perfekt einleiten kann.

Qualitäten, die auch international beachtet werden. Manchester-Coach Alex Ferguson lobte den Nationaltorhüter vergangene Saison nach dem Champions-League-Halbfinale: "Neuer war unglaublich. Ich denke, das war einer der besten Auftritte, die ich von einem Torhüter in einem Spiel gegen uns gesehen habe." Und der damalige ManUtd-Keeper Edwin van der Sar fügte an: "Er ist ein Torhüter der Weltklasse."

Neuer trotzt dem Streit mit den Bayern-Ultras

Dabei hatte in München, wohin Neuer im Sommer für 22 Millionen Euro aus Schalke gewechselt war, in den Anfangswochen wenig auf solche Leistungen hingedeutet. In der Vorbereitung fiel er mit einigen Fehlern auf, im ersten Bundesligaspiel unterlag der FCB gegen Gladbach 1:0, ausgerechnet Neuer verschuldete die Pleite mit seinem Patzer.

Auch die Münchner Anhänger sorgten dafür, dass Neuers Einleben nicht ohne Reibung verlief. Schon in der vergangenen Saison, als sich der Transfer angedeutet hatte, protestierten sie mit "Koan Neuer"-Schildern gegen eine Verpflichtung und wollten, dass der Club stattdessen auf das "Eigengewächs" Thomas Kraft setzt. In München angekommen, wurden die Reaktionen der Fans noch heftiger. Bei einem Testspiel am Gardasee Anfang Juli rollten sie ein riesiges Plakat aus. Die Botschaft an Neuer: "Du kannst auch noch so viele Bälle parieren, wir werden dich nie in unserem Trikot akzeptieren."

Der Wirbel ging weiter: Fünf Ultra-Gruppierungen stellten einige Wochen später einen Katalog mit Benimmregeln für ihren Torwart auf. Neuer dürfe sich zum Beispiel nicht der Südtribüne, dem Fan-Herzstück der Heimspielstätte des Rekordmeisters, nähern oder sein Trikot in diesen Block werfen. Auch das Wappen des Clubs solle er nicht küssen.

Neuer akzeptierte die Forderungen, er wollte das Ruhe einkehrt - und er sich aufs Fußballspielen konzentrieren kann. Das hat er seit 1018 Minuten nahezu perfekt geschafft.

Mit Material von dapd und dpa

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Parthenon 02.10.2011
1. Vereinsbosse und ihr Unfehlbarkeitsdogma
Rensing und Kraft leisteten sich bei den Bayern einen Patzer und konnten daraufhin den Verein wechseln. Als sich der millionenschwere Einkauf Manuel Neuer einen schweren Patzer leistete (davon mal abgesehen leistete er sich bei Schalke einige Patzer und das in der Zeit als ihn die Bayern im Auge hatten), hieß es bei den Vereins-Bossen "Jeder macht mal einen Fehler!". Man hat quasi zwei junge Talente durch den Kamin gejagt, nur damit man für teures Geld einen gleichwertigen Torwart einkauft. Um sich jedoch keinen Fehler einzugestehen, zeigt sich die Vereinsführung nun von ihrer menschlichen Seite...
denker_und_dichter 02.10.2011
2. Könnte hier ihre Werbung stehen?
Neuer beherrsche das moderne Torwartspiel wie kein anderer? Ich glaube kaum, dass der Autor sich die Mühe überhaupt gemacht hat, einen Blick auf andere Torhüter Europas zu werfen. Dann hätte er gemerkt, dass Victor Valdez beim FC Barcelona das moderne Torwartspiel mindestens genauso perfekt beherrscht wie der hochgejubelte Neuer, wenn nicht besser, betrachtet man seine spielerischen Fähigkeiten im Passen mit der Abwehr oder dem Einleiten von Kontern und Spielzügen, die, ich erinnere mich, beispielsweise im Halbfinal-Rückspiel der letztjährigen Champions-League Saison gegen Real Madrid im Camp Nou zum 1:0 führten, als Valdez in genialer Manier in Dani Alvez Laufrichtung passte, dieser zu Iniesta, dieser zu Pedro, und das 1:0 war gefallen. Die Effektivität dieses Konters wäre ohne Valdez einleitenden Pass nicht denkbar gewesen. Bitte nicht immer nur einzelne deutsche Spieler hochjubeln und gar als die Besten bezeichnen, ohne sich ausreichend in Europa objektiv zu informieren.
macfan 02.10.2011
3. Keine großen Talente
Zitat von ParthenonRensing und Kraft leisteten sich bei den Bayern einen Patzer und konnten daraufhin den Verein wechseln. Als sich der millionenschwere Einkauf Manuel Neuer einen schweren Patzer leistete (davon mal abgesehen leistete er sich bei Schalke einige Patzer und das in der Zeit als ihn die Bayern im Auge hatten), hieß es bei den Vereins-Bossen "Jeder macht mal einen Fehler!". Man hat quasi zwei junge Talente durch den Kamin gejagt, nur damit man für teures Geld einen gleichwertigen Torwart einkauft. Um sich jedoch keinen Fehler einzugestehen, zeigt sich die Vereinsführung nun von ihrer menschlichen Seite...
EINEN? Das waren eine ganze Menge! Ich habe mich gewundert, wie lange die Bayern an Rensing festgehalten haben, als schon längst klar war, dass er nicht die nötige Klasse hat. Die beiden waren sicher nicht schlecht, aber sind für die BuLi sind sie doch eher Mittelmaß. Gleichwertig? Neuer ist ein Weltklasse-Torwart, den kann man doch nicht annähernd mit Rensing oder Kraft vergleichen. Und das sage ich als Fan des deutschen Meisters, der bekanntlich weder Neuers ursprünglichen noch jetzigen Verein nahe steht. Aber was Neuer zum Beispiel beim Spiel von S04 beim BvB in der letzten Saison geleistet hat, war allererste Sahne. Normal hätte sich Schalke über eine Niederlage von 5:0 oder höher nicht beschweren dürfen, aber Neuer hielt auch allergrößte Torchancen. Wieso menschlich? Neuer hat im ersten Spiel gepatzt, danach kein Tor zugelassen, was will man mehr. Und die schlechte Saison der Bayern im letzten Jahr lag mit Sicherheit vorwiegend an Abwehr und Torhüter. Da ist die Bayernführung doch schlau, sich mit Neuer zu verstärken. Schade, dass ihr Bayern-Fans euch nicht durchgesetzt habt. Als BvB-Fan wäre ich froh, wenn noch Kraft bei Bayern im Tor stünde. Gruß, Horst
Parthenon 02.10.2011
4. Barca Olé
Zitat von denker_und_dichterNeuer beherrsche das moderne Torwartspiel wie kein anderer? Ich glaube kaum, dass der Autor sich die Mühe überhaupt gemacht hat, einen Blick auf andere Torhüter Europas zu werfen. Dann hätte er gemerkt, dass Victor Valdez beim FC Barcelona das moderne Torwartspiel mindestens genauso perfekt beherrscht wie der hochgejubelte Neuer, wenn nicht besser, betrachtet man seine spielerischen Fähigkeiten im Passen mit der Abwehr oder dem Einleiten von Kontern und Spielzügen, die, ich erinnere mich, beispielsweise im Halbfinal-Rückspiel der letztjährigen Champions-League Saison gegen Real Madrid im Camp Nou zum 1:0 führten, als Valdez in genialer Manier in Dani Alvez Laufrichtung passte, dieser zu Iniesta, dieser zu Pedro, und das 1:0 war gefallen. Die Effektivität dieses Konters wäre ohne Valdez einleitenden Pass nicht denkbar gewesen. Bitte nicht immer nur einzelne deutsche Spieler hochjubeln und gar als die Besten bezeichnen, ohne sich ausreichend in Europa objektiv zu informieren.
Herzlichen Dank für Ihren Beitrag - dem ist nichts mehr hinzuzufügen! :-) Endlich ist hier mal jemand, der sich nicht durch diese mediale Propaganda verblenden lässt. Stichpunkte: - Rudi Völler neulich: "Bayern auf einer Augenhöhe mit Barcelona" - Lächerlicher Spielervergleich Bayern vs. Barca in der Bild, den Barca nur mit einem Pünktchen Vorsprung gewonnen hat (z.B. Gomez besser als Villa) - Geht es um Bayern- oder Nationalspieler, fallen ständig die Begriffe "Weltklasse", oder es kommen Vergleiche wie "Schweini ist der Xavi der Bayern", oder Boateng ist einer der besten Verteidiger, etc. Ich hoffe wirklich, dass die Bayern möglichst rasch gegen einen Verein wie Barca oder Madrid ran müssen, dann sehen wir mal, ob die auf einer "Augenhöhe" sind. Und wenn die Bayern dann verlieren, schimpft der "Würstl-Uli" wieder über die ach so hoffnungslos verschuldeten Vereine (übersieht dabei aber lukrative Deals wie mit der Qatar-Foundation).
das_schwampel 02.10.2011
5. Noch mehr Fussballsachverstand
Zitat von ParthenonRensing und Kraft leisteten sich bei den Bayern einen Patzer und konnten daraufhin den Verein wechseln. Als sich der millionenschwere Einkauf Manuel Neuer einen schweren Patzer leistete (davon mal abgesehen leistete er sich bei Schalke einige Patzer und das in der Zeit als ihn die Bayern im Auge hatten), hieß es bei den Vereins-Bossen "Jeder macht mal einen Fehler!". Man hat quasi zwei junge Talente durch den Kamin gejagt, nur damit man für teures Geld einen gleichwertigen Torwart einkauft. Um sich jedoch keinen Fehler einzugestehen, zeigt sich die Vereinsführung nun von ihrer menschlichen Seite...
Rensing hat einen Patzer nach dem anderen gehabt. Auch hat er keine Sicherheit ausgestrahlt. Mit Kraft in eine CL Saison u gehen, wäre waghalsig gewesen. Ganz wichtig für die Abwehr ist die Ausstrahlung eines Torwarts. Das überträgt sich auf Mitspieler. Fragen sie mal jemanden, der ernsthaft Fussball gespielt hat. Und zu ihrer sehr sachverständigen These, dass zwei junge Torleute durch den Kamin gejagt wurden: die beiden kamen aus der Jugend des FCB. Wurden dort ausgebildet und machen deshalb nun Karriere. Im Gegensatz zu vielen vielen anderen deutschen Vereinen bekamen diese sogar Chancen, den Sprung in die Profi Mannschaft des FCB zu schaffen. Das ist übrigens bei den Bayern ein Markenzeichen: eigene Jugend fördern. Beispiel gestern: Müller, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger, und Alba ist auch schon länger Jugendspieler des FCB. Mein Tipp: bewerben sie sich mit ihrem fundierten Wissen als Bundestrainer.
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