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03. März 2011, 16:36 Uhr

Bayern-Trainer Louis van Gaal

Schicksalstage des Generals

Von Sebastian Winter, München

Louis van Gaal ist angezählt. Nach dem Aus in Meisterschaft und Pokal muss er eine Saison verantworten, die kaum mehr zu retten ist. Seine Intuition ist ihm abhandengekommen, die Personalrochaden auf dem Feld stiften Unruhe. Die Partie gegen Hannover könnte über sein Schicksal entscheiden.

In der Legende vom Fliegenden Holländer muss ein von den Göttern verdammter Kapitän mit seiner Mannschaft auf einem unheimlichen Segelschiff auf ewig durch die Weltmeere kreuzen. Hilflos, ohne rechtes Ziel. Es ist ein Dilemma, denn die Besatzung ist stark wie kaum eine andere, und das Schiff besitzt grenzenlose Möglichkeiten: Mal fährt es rückwärts, mal verschwindet es, um dann urplötzlich aus den Untiefen der Ozeane wieder aufzutauchen.

Louis van Gaal kennt die Geschichte bestimmt, sie hat ja mit seiner Heimat zu tun. Und das Bild passt gar nicht so schlecht zu den Bayern dieser Tage: Wie der sture, herrische Trainer van Gaal und seine fähige, aber ebenso launische wie glück- und erfolglose Crew ähnlich der "Flying Dutchman" durch diese Saison taumeln, selten in der Nähe der Perfektion ( wie gegen Inter Mailand) und oft ein Schatten ihrer selbst (wie im Pokalhalbfinale gegen Schalke und gegen Borussia Dortmund).

Van Gaal würde solche Vergleiche natürlich als Seemannsgarn abtun. Der 59-jährige Holländer gilt in erster Linie als Realist. Er hat noch einen Auftrag zu erfüllen, und wenn es sein letzter bei den Bayern ist: Nach dem Aus im Meisterschaftskampf und im DFB-Pokal muss er retten, was noch zu retten ist in dieser für Münchner Verhältnisse schauderhaften Saison.

Am kommenden Samstag bereits könnte sich der Höllenschlund öffnen für Bayerns Trainer. Denn wenn seine Spieler das schwere Ligaduell bei Hannover 96 verlieren, ist die Champions-League-Qualifikation nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.

Sollte dieses Szenario tatsächlich eintreten, das hatte vor ein paar Wochen bereits Bayern-Präsident Uli Hoeneß unheilvoll angedeutet, werden sich die Verantwortlichen Gedanken machen müssen. Doch noch herrscht verbale Flaute vor dem möglichen großen Sturm: "Verlieren gehört im Sport dazu. Es ist sicher noch keine Krisensituation", sagte Hoeneß. Auch Karl-Heinz Rummenigge schlug leise Töne an: "Es nützt jetzt nichts, dass wir hier Unruhe schaffen. Wir versuchen, ruhig zu bleiben und in Hannover zu gewinnen", sagte der Vorstandsvorsitzende nach dem Pokal-Aus. Eine Diskussion um den Trainer werde nicht geführt. An Spekulationen wolle er sich nicht beteiligen. Punkt.

Doch van Gaal spürt schon den Gegenwind im Hinblick auf die keimende Debatte - und reagiert auf seine Art: "Wenn Sie zweimal hintereinander sehr wichtige Spiele verlieren, dann wird diese Frage gestellt. Das weiß ich. Ich denke, dass ich meine Arbeit gut mache. Aber der Vorstand entscheidet. Und das muss auch so sein."

Van Gaal: nicht am Ende - aber deutlich angeschlagen

Der Bayern-Trainer ist gewiss noch nicht am Ende, aber mächtig angeschlagen. Neben der Aussicht, durch einen Erfolg in Hannover wieder Land zu sehen in der Tabelle, hilft ihm zurzeit nur die gute Ausgangsposition durch das 1:0 bei Inter vor dem Achtelfinalrückspiel gegen Mailand in der Champions League. Doch die Königsklasse als Rettungsanker anzusehen, halten sie in München für äußerst gefährlich: "Wir tun nicht gut daran, im Moment davon zu träumen, dass wir dieses Jahr die Champions League gewinnen können", sagte Rummenigge.

Der Fluch einer ganz starken ersten Saison könnte van Gaal nun zum Verhängnis werden. Schließlich waren die Ansprüche der Bayern durch die beiden Titel in der Meisterschaft und im DFB-Pokal sowie den Einzug ins Champions-League-Finale ins Unermessliche gestiegen. Um dies zu leisten, muss eine Mannschaft auch viel Glück haben. Doch auch dieser ständige Begleiter der Bayern im Winter und Frühjahr 2010 ist dem deutschen Rekordmeister weggebrochen in dieser Saison.

Noch etwas anderes stimmt nachdenklich, sieht man einmal von all den Scharmützeln ab, die sich van Gaal mit dem Vorstand geliefert hat: Der Bayern-Trainer hat es versäumt, die von ihm wohlgeformte, taktisch hörige Mannschaft, in der die Rädchen wie von selbst ineinander griffen, weiterzuentwickeln. Schlimmer noch: Sie hat sich zurückgebildet in den vergangenen Monaten, wohl auch durch all die Rochaden auf dem Feld. Danijel Pranjic spielte mal Linksverteidiger, mal Sechser. Bastian Schweinsteiger mal hinter den Spitzen, mal in der zentralen Defensive. Luiz Gustavo muss hinten fast überall aushelfen - und wirkt dementsprechend verunsichert. Anatolij Timoschtschuk ist in der Innenverteidigung nach wie vor fehl am Platz. Einzig Arjen Robben, Franck Ribéry und Mario Gomez hat van Gaal ständig auf ihren angestammten Plätzen in der Offensive aufgestellt. Doch selbst Robben und Ribéry fanden gegen Dortmund oder Schalke kein Rezept mehr. Sie wurden schlicht gedoppelt, und vorbei war es mit dem sonst so bezaubernden Offensivwirbel.

In zu kurzer Zeit zu viel verändert

Van Gaal wirbt immer für sein attraktives Spiel, doch auch gegen Schalke sahen die Zuschauer auf dem Rasen meist ein uninspiriertes Ballgeschiebe im Mittelfeld, ohne Raumgewinn. Dabei können es die Bayern doch, wie gegen Mailand gesehen. Nur haben sie ihre Konstanz in dieser Saison vollkommen verloren.

Es wirkt, als habe van Gaal in zu kurzer Zeit zu viel verändert. Lucio, Demichelis, van Bommel, Butt: All das waren langjährige, erfahrene, verdiente Spieler, weit oben in der Hierarchie. Sie alle sind gedrängt worden, zu gehen. Ob nun auf die Ersatzbank oder zu einem anderen Verein. Van Gaal dachte, die Badstubers, Contentos, Kroos' werden schon in die Bresche springen. Ein Trugschluss, neben jenem, dass fast jeder Bayern-Spieler auf jeder Position spielen kann. Nun sind die Künste des selbsternannten Psychologen van Gaal gefragt, um bei der nächsten Welle nicht tatsächlich unterzugehen.

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