Bayern-Trumpf Robben Für den Fortbestand der Flügelzange

Als Bayern Arjen Robben verpflichtete, zweifelten viele: zu verletzungsanfällig. Mittlerweile begeistert der Niederländer Fans und Funktionäre mit Dribblings und Traumtoren. Seine Ablösesumme hat er praktisch selbst amortisiert, zudem könnte er ein Trumpf im Poker um Franck Ribéry werden.

Von Frieder Schilling


Arjen Robben meinte es ernst: "Die sollen in Deutschland ruhig alle wissen, dass mit mir nicht zu spaßen ist", verkündete er vor wenigen Wochen. Als der Niederländer sich so zitieren lies, wollte er aber nicht seine Gegenspieler in der Bundesliga warnen, sondern mögliche Störer seines Hausfriedens. Im vergangenen Jahr hatte er, damals noch bei Real Madrid unter Vertrag, höchstpersönlich Einbrecher aus seiner Villa vertrieben, mit einem Messer war er auf sie losgegangen. Die drei Kriminellen hatten die Flucht vor dem wütenden Fußballer ergriffen, sein damaliger Club nahm den Vorfall zum Anlass, allen seinen Akteuren Sicherheitsleute vor die Häuser zu stellen.

Heute kann man den Satz dann doch sportlich interpretieren. Denn mittlerweile ist jedem, der auf dem Feld auf Arjen Robben trifft, klar dass es mit dem Spaß vorbei ist - beziehungsweise nur der Bayern-Spieler seinen Spaß haben wird. Kaum hat dieser den Ball am Fuß, geht alles ein bisschen schneller. Meist sprintet Robben dann die rechte Seitenlinie herunter. Grätschende Gegner, die ihn fällen wollen, überspringt er einfach, andere überläuft er oder dribbelt sie aus. Optimalerweise folgt der krönende Abschluss, wie im Pokalspiel auf Schalke. "In Eins-gegen-Eins-Situationen ist Arjen einer der besten Spieler der Welt", sagt sein früher Trainer José Mourinho. "Er hat ein ungeheures Tempo, behält dennoch den Überblick, und auch sein finaler Pass stimmt."

Robben gehört zu der Sorte Spieler, bei denen man vorher weiß, wo sie hin wollen - und sie dann doch nicht stoppen kann. Ähnlich wie bei Barcelonas Wirbelwind Lionel Messi. Beide als Linksfuß auf rechts eigentlich auf der falschen Seite positioniert, ziehen sie irgendwann nach innen. Wenn andere den Ball schon längst abgespielt hätten, halten sie ihn noch, suchen die optimale Schussposition oder die Chance für den Pass in die Tiefe. Aufgrund ihrer Schnelligkeit und der starken Technik, sind sie meist nur mit einem Foul zu stoppen, was in der Regel eine gute Freistoßposition zur Folge hat und die Abwehrspieler deswegen von dieser Möglichkeit absehen lässt.

Bescheiden, sympathisch, lebenslustig

Diese Art zu spielen hat aber auch Nachteile. Denn zwischen den genialen Momenten notieren die Statistiker eine Menge Ballverluste für den risikoreich agierenden Robben. Und trotzdem versucht er es immer wieder. Diese Penetranz hätte bei anderen Spielern ein Pfeifkonzert und wahrscheinlich die Auswechslung zur Folge, Robben jedoch verzeihen Fans und Trainer. Die Massen auf der Tribüne einerseits wegen seiner begeisternden Tore, andererseits aber auch wegen seiner sympathischen Art. Der Niederländer wirkt bescheiden (die Geschichte mit den Einbrechern musste erst eine spanische Zeitung ausgraben, selbst hätte er sie wohl nicht erzählt) und sympathisch. Er ist ein lebenslustiger Mensch und wenn man seinen ausführlichen und authentischen Jubel nach dem Schlusspfiff auf Schalke gesehen hat, weiß man, warum die Anhänger ihn in ihr Herz geschlossen haben.

Für die Macher des Clubs, Trainer Louis van Gaal, Präsident Uli Hoeneß und den Vorstandvorsitzenden Karl-Heinz-Rummenigge sind andere Dinge von Belang. Aber auch diese erfüllt Robben. Durch seine Treffer in den vergangenen Wochen hat er seine über 20 Millionen Euro hohe Ablösesumme schon amortisiert. Zwei Tore schoss er in den zwei Champions-League-Achtelfinalspielen gegen Florenz, der Einzug in die Runde der letzten Acht lässt die Kasse klingeln. Gleiches gilt für die Teilnahme am DFB-Pokalfinale. Dazu kommen mittlerweile zehn Treffer in der Bundesliga.

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Bayern-Star Arjen Robben: Ein Zugang wird zum Volltreffer
Für den erst 26-jährigen Robben ist es eine der besten Spielzeiten seiner bislang zehn Jahre dauernden Karriere. Im Alter von 16 gab er sein Profi-Debüt beim FC Groningen, spielte anschließend zwei Jahre für den PSV Eindhoven, bevor er nach England zum FC Chelsea wechselte. Dort begannen seine immer wiederkehrenden Verletzungsprobleme, schon in der Vorbereitung zu seiner ersten Premier-League-Saison brach er sich das Bein, in derselben Saison zwei Mittelfußknochen. Auf der Insel wurde ihm zudem sein damaliger Hang zu Schwalben übel genommen, der "Guardian" schrieb: "Er ist der Einzige, der es schafft, dass sein Gegenspieler schon vor dem Anpfiff die Rote Karte sieht, wegen unnötiger Härte beim Händeschütteln."

2007 zahlte Real Madrid 36 Millionen Euro für Robben, der aber auch in Spanien immer wieder verletzt war. In der ersten Saison konnte er nur acht Partien über die vollen 90 Minuten absolvieren, erzielte nur vier Tore in der Liga. 2009 folgte dann der Wechsel nach München.

In der bayerischen Landeshauptstadt könnte Robbens aktuelle Galaform nicht nur für den Gewinn mehrerer Titel sorgen, sondern auch ein drängendes Problem lösen. Für den seit Monaten mit einem Wechsel kokettierenden Franck Ribéry erscheint der Fortbestand der Flügelzange durchaus ein Argument zum Verbleib. Englischen Clubs hat er bereits abgesagt, Barcelona ist im Mittelfeld optimal besetzt und wird wohl eher in die Defensive investieren. Das kaufwütige Real Madrid, seit Jahren nicht über das Achtelfinale hinausgekommen, bietet auch nicht die vom Franzosen gewünschte Perspektive zum Gewinn der Champions League. Warum also nicht in München bleiben?

Robbens Vertrag in München läuft übrigens noch bis zum 30. Juni 2013. Zeit genug, auch für den Trainer, um seinen Landsmann besser einschätzen zu können. Als der in Bremen nach einem Tor auf van Gaal zu sprintete um mit ihm zu jubeln, wich dieser erschrocken zurück und stolperte. Dabei wollte Robben doch nur ein wenig Spaß haben.

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