Hinrunden-Gewinner Davies Phonsies Vorsprung

Bayern-Verteidiger Alphonso Davies ist der jüngste und überraschendste Stammspieler des Rekordmeisters – für den Klub eine Bestätigung, dass sich die Neuausrichtung im Scouting-Bereich bezahlt macht.
Von Christoph Leischwitz, München
13 Einsätze in der Hinrunde - das hatten Alphonso Davies nur die wenigsten zugetraut

13 Einsätze in der Hinrunde - das hatten Alphonso Davies nur die wenigsten zugetraut

Foto:

Christian Kaspar-Bartke / Getty Images

Im Juli 2018 posteten die Vancouver Whitecaps ein Foto von Alphonso Davies in den sozialen Medien, auf dem er gerade sehr dynamisch einen erfolglos grätschenden Gegenspieler in einem Match der Major League Soccer (MLS) überspielte. Dazu wurde der Unterlegene auch noch zitiert: „Oh, erst 17? Er hat noch nicht mal einen Führerschein? (...) Mit seinem Tempo, seiner Technik und seinen Fähigkeiten – wenn er defensiv noch härter arbeitet, natürlich kann er dann in Europa spielen.“ Nicht einmal ein halbes Jahr später wechselte Davies zu jenem Verein, mit dem der Zitatgeber weltberühmt geworden war. Es handelte sich nämlich um Bastian Schweinsteiger, der bei Chicago Fire seine Karriere ausklingen ließ.

Der Kanadier war gerade erst volljährig geworden, als er nach München kam. Doch immerhin hatte er schon 65 MLS-Partien absolviert, Nationalspieler war er auch schon. Das erste Mal öffentlich über sich selbst sprach der Neu-Münchner Ende Februar, nach einem Regionalliga-Spiel mit der U23 der Bayern. „Ich will nach oben“, sagte er selbstbewusst. Ansonsten kommt das Talent neben dem Platz erst einmal ziemlich schüchtern daher.

Vom Flüchtlingslager in die Stamm-Elf

Doch sein Satz hat sich schon mehrfach bewahrheitet. Zunächst war er maßgeblich am Aufstieg der zweiten Mannschaft in die dritte Liga beteiligt. Im Sommer beschlossen die Bayern, den Linksaußen komplett zum Linksverteidiger umzufunktionieren. So wurde der Zehn-Millionen-Transfer zum Stammspieler, obwohl er bei seinen ersten Kurzeinsätzen nicht weiter aufgefallen war – und dann sogar eher negativ, wie bei seinem Eigentor im DFB-Pokal beim VfL Bochum Ende Oktober. Doch seit Herbst herrscht in der Defensive eben akute Personalnot. Er bewährte sich auch schon in wichtigen Spielen wie beim 4:0-Sieg über Borussia Dortmund am 9. November, eine Woche nach seinem 19. Geburtstag. Davies ist ein Spielertyp, der schnell Szenenapplaus bekommt, weil er den meisten Gegnern im Sprint mehrere Meter abnimmt.

Bei all seinem „Speed“, für den er so gelobt wird, besteht wohl kaum Gefahr, dass der jüngste Stammspieler bald abhebt. Sein Werdegang ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Die ersten fünf Lebensjahre verbrachte er in einem Flüchtlingslager in Ghana, seine Eltern waren aus Liberia geflohen. Als sie nach Kanada einreisen durften, hatten sie die Schwester in den Wirren verloren, Alphonso lernte sie erst viel später kennen. Die Eltern arbeiteten hart und lehrten ihren Kindern vor allem, demütig und dankbar zu sein für das, was man hat. Und sie lebten nach der Prämisse: Den Kindern soll es einmal besser gehen als uns. Davies ist ein 19-jähriger Fußballer, der eben nicht davon träumt, ein Star zu sein.

Linksfuß Alphonso Davies profitierte bislang von Trainer Hansi Flick (r.)

Linksfuß Alphonso Davies profitierte bislang von Trainer Hansi Flick (r.)

Foto:

Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Wenn man Cheftrainer Hans-Dieter Flick auf Davies anspricht, lobt er „Phonsie“, wie er auch genannt wird, gern für dessen „Speed“ und kehrt seine defensiven Qualitäten hervor. Offensiv müsse er noch dazulernen. Doch manchmal wirkt es so, als sage Flick das nur, weil Davies hinten links aktuell schlicht nicht zu ersetzen ist – eigentlich begeht Davies im eigenen Sechzehner noch eher einen Fehler als im gegnerischen.

Im Sommer 2017 geschahen beim FC Bayern zwei richtungsweisende Dinge fast gleichzeitig: Der neue FC Bayern Campus wurde eingeweiht, und der Technische Direktor Michael Reschke verabschiedete sich. Ersteres sorgte dafür, dass die Bayern fortan Spitzentalente früher verpflichten konnten, weil nun die Betreuung vor Ort viel professioneller aufgezogen wird. Als einer der Ersten bezog damals Joshua Zirkzee sein Campus-Zimmer, der im Dezember seine ersten große Momente im Profiteam feiern konnte. Der Stürmer aus Rotterdam war damals stark umworben.

Exoten gesucht

Die Verpflichtung Davies‘ ist insofern untypisch, als dass er von Anfang an für den Profikader vorgesehen war und auch nie am Campus wohnte. Maßgeblich dafür war der Personalwechsel im Scouting. Im Januar 2018 übernahm der neue Chefscout Laurent Busser, der Scouting-Leiter Marco Neppe war bereits eingearbeitet. Dann kam Hasan Salihamidzic, der sich mit den Spielern auf deren Liste auseinandersetzte. Und er war es auch, der den Transfer des Kanadiers forcierte. Er ist zeitlich gesehen der Erste, den sich der neue Sportdirektor auf die Fahnen schreiben darf.

Dass Davies nun so eine wichtige Rolle spielt, bestärkt die Verantwortlichen im Verein in ihrem Handeln: Neue Spieler dürften ruhig Exoten sein, so wie der neuseeländische Jungprofi Sarpreet Singh; oder auch noch jünger als sonst, wie der 16-jährige Bright Arrey-Mbi, der intern als herausragend in seiner Altersklasse gilt und mit den Profis ins Trainingslager nach Katar fliegen durfte.

Nicht alle Nachwuchsspieler bekommen auch eine Chance, sich oben zu behaupten. So ist es bisweilen geradezu rätselhaft, warum die Bayern an einem chronisch schwächelnden Jérôme Boateng festhalten, und nicht zumindest einmal den 19-jährigen Lars Lukas Mai als Innenverteidiger einwechseln, mit dem kürzlich der Vertrag verlängert wurde. Zudem ist nicht sicher, ob jeder auch seine Chance nutzt, wenn er sie bekommt. Sicher ist nur: Davies, einem kanadischen Flüchtlingsjungen, ist das geglückt. Und sollten die Bayern auch Scouts für Scouts unter Vertrag haben, könnte einer von ihnen mal Bastian Schweinsteiger fragen, ob er seine guten Vorahnungen einbringen will.