Bayerns Rettung Die irre Lucky-Luca-Show
Er hatte es immer wieder versucht und nicht immer sah es gekonnt aus. Ein ums andere Mal stieg Luca Toni, Mittelstürmer des FC Bayern, am späten Donnerstag Abend im Strafraum des FC Getafe hoch und brachte den Kopf irgendwie an den Ball. Aber eben nur irgendwie. Für seine verbesserungswürdige Kopfballtechnik ist der Italiener schon des öfteren kritisiert worden, und das zu Recht. Rechts und links segelten die Bälle meterweit am Tor vorbei oder drüber hinweg. Bis zur 120. Minute. Wieder stand Toni, 1,94 Meter groß, umringt von Verteidigern bereit, als die schätzungsweise 250. Flanke seiner komplett ideenlosen Bayern-Assistenten heranflog und sich der Stürmer mit einem schnellen Schritt vor seinen Gegenspieler schob und einen perfekten Kopfball-Aufsetzer unter die Querlatte plazierte.
Man kann durchaus behaupten, dass es einzig und allein der Elf-Millionen-Einkauf aus Florenz war, dem der FC Bayern den Einzug ins Uefa-Cup-Halbfinale verdanken. Und das nicht nur wegen seines Treffers zum 3:3. Sicher - man konnte Tonis Bewegungsablauf bewundern und für jeden Lehrfilm verwenden. Doch noch viel mehr beeindruckte, mit welcher Konsequenz er zwei Stunden lang im Strafraum des FC Getafe ackerte. Für seine Mitspieler die er beständig mit abgelegten Bällen versorgte - hielt er den Kopf und traf insgesamt viermal ins Netz. Zwei Tore wurden ihm aberkannt, eines davon zu Unrecht, aber wo ein Kevin Kuranyi vermutlich nur noch ins Lamentieren geraten wäre, machte Toni einfach weiter.
Zwar sah es zwischenzeitlich so aus, als sei der fast nie aus der Ruhe zu bringende Stürmer allmählich doch entnervt, als er sich in der Hoffnung auf einen Strafstoß zwischen zwei gegnerische Abwehrspieler warf und anschließend noch zu einem Ellbogencheck ansetzte aber am Ende waren es doch andere, die dem psychologischen Druck der dramatischen Partie nicht standhielten. Etwa Getafes Torwart Roberto Abbondanzieri, der Toni den Ball vor dem 3:2-Anschlusstreffer vor die Füße rollte, oder seine Vorderleute, die es vor dem 3:3 versäumten, vor lauter Hektik die Situation zu klären.
Die Bayern dagegen, bei denen Trainer Ottmar Hitzfeld und Manager Uli Hoeneß unisono eingestanden, wie unverdient das Weiterkommen war, dürfen sich freuen, dass sie nun endlich wieder einen cleveren Stürmer haben, der bis zur letzten Sekunde enorm gefährlich ist und dem Gegner permanent Angst einflößt. Oft genug ging es den Münchnern ja andersherum, wenn ein Filipo Inzaghi vom AC Mailand sie eiskalt abschoss oder sie trotz bravouröser Spiele von ausgebufften Teams wie Real Madrid oder Juventus Turin doch noch das eine Gegentor zu viel einfingen, gern auch in letzter Minute.
Allerdings konnte auch die große bunte Toni-Show nicht die eklatanten Schwächen des FC Bayern übertünchen, die beim Auftritt in Getafe so deutlich wurden, dass es beim Zuschauen fast schon weh tat. Sicher, der Sturm mit Toni und Klose ist ein Prunkstück, und die Außenbahnen sind mit Franck Ribéry, Marcell Jansen, Philipp Lahm und Christian Lell normalerweise gut besetzt aber dazwischen klafft im Mittelfeld ein Loch, das in Getafe 120 Minuten lang fast jede geordnete Offensive wie auch Defensive verschluckte.
Verantwortlich für den Spielaufbau fühlt sich hinter Ribéry niemand. Die spielerischen und technischen Schwächen eines Mark van Bommel werden immer deutlicher, weder der Abgang von Owen Hargreaves zu Manchester United und von Michael Ballack zum FC Chelsea konnten kompensiert werden. Hinzu kommt, dass die in der Bundesliga nie geforderte Innenverteidigung in internationalen Vergleichen regelmäßig eine unfassbar hohe Zahl von Fehlern produziert und mitunter verblüffend einfach auszuspielen ist.
Gerade im Vergleich mit schwächer besetzten, aber sehr gut organisierten Mannschaften wie dem FC Getafe wird deutlich, wie wenig eingespielt das in diesem Jahr neu formierte Team der Bayern ist. Durchaus möglich ist übrigens, dass sich der Club weitaus wohler fühlen wird, wenn man in der kommenden Saison zur Gruppenphase gleich regelmäßig in der Champions League auf hohem Niveau antreten darf statt hierzulande nur Woche für Woche unterfordert zu werden und im Uefa-Cup auf unangenehme Nervensägen wie Bolton, Belgrad oder Getafe zu treffen.
Um in Europa ganz oben mitzuspielen, wird der FC Bayern aber wohl noch mehr Einkäufe in der Güteklasse von Ribéry und Toni tätigen müssen. Vor allem in der Abwehr und im Mittelfeld. Ganz abgesehen davon, dass man einen derart begnadeten Last-Minute-Stürmer wie Oliver Kahn wohl nie wieder finden wird.