Bayerns Zugänge Ist der FC Bayern 2.0 unschlagbar?

Franck Ribéry, Zé Roberto, Luca Toni: Die große Einkaufstour wird dem FC Bayern wieder zu Weltglanz verhelfen, sagt Jörg Schallenberg - falsch, kontert Mike Glindmeier: National mögen die Bayern unschlagbar sein. Aber für Europas Krone fehlt erfahrene Verstärkung.

Am Donnerstag wird der FC Bayern seine neue Mannschaft vorstellen - die Berufung von Franck Ribéry, Zé Roberto und Luca Toni gilt als sicher. Aber wird das die Münchner retten?

Pro und Contra FC Bayern 2.0 - der Disput:

Contra Bayern - wieso Geld allein in Europa nicht glücklich macht

Von Mike Glindmeier

Ein wenig erinnert Uli Hoeneß stets an TV-Nervensäge Gülcan. Beide reden gerne und viel über sich selber. Beide lächeln gern in die Kameras. Und beide sind auf ihre Art und Weise erfolgreich. Doch Hoeneß' Lächeln wurde in der Schlussphase der Bundesliga von Woche zu Woche aufgesetzter. Irgendwann konnte auch der sonst so unerschütterliche Wurstfabrikant seinen Frust über die verkorkste Saison inklusive Verlierer-Cup (Beckenbauer) nicht mehr verbergen. Und was macht ein Uli Hoeneß, wenn er sich nicht mehr als Ligaprimus fühlt? Das gleiche, was Gülcan macht, wenn sie frustriert ist: Einkaufen gehen.

Doch Hoeneß fährt nicht für Pumps nach Florenz oder Marseille, sondern für internationale Topspieler. Und im Gegensatz zu Gülcan kommt das Geld für die Frustshoppingtour nicht von RTL oder Viva, sondern von Manchester United. Die stockten das ohnehin üppige und oft gepriesene Festgeldkonto des FC Bayern um geschätzte 25 Millionen für Owen Hargreaves noch mal auf. 25 Millionen für einen Spieler, den die meisten Manager wohl schon für 15 Millionen in ein Taxi zum Flughafen gesetzt hätten.

Da konnte sie also losgehen, die Frustshoppingtour des Uli H. Doch während Gülcan es liebt, Freundinnen und Freunden ihre neuen Treter mit XXL-Absatz sogleich nach dem Beutezug vorzuführen, tut man beim FC Bayern seit Wochen so, als würde man der britischen Regierung eine neue 007 organisieren. Doch immerhin sickerte der eine oder andere Transfer mithilfe der abgebenden Vereine durch. So setzt sich nach und nach ein Bild zusammen, wie der FC Bayern 2.0, der Europa das Fürchten lehren will, aussehen wird. Doch das klappt sicher nicht auf Knopfdruck.

Seit Tagen berichten verschiedene Zeitungen, dass sich die Bayern die Dienste des französischen Offensivspielers Franck Ribéry gesichert haben. Dazu kann man Hoeneß und Co. nur beglückwünschen. Der Franzose ist mit seinen 24 Jahren schon eine feste Größe in der französischen Nationalmannschaft und bringt neben WM- auch Uefa-Cup-Erfahrung mit.

Allerdings fehlt es dem Talent, der von seiner bescheidenen Art her perfekt in das Team des FC Bayern passen dürfte, an den ganz großen internationalen Erfolgen und vor allem an Einsätzen in der Champions League. Und um die zu gewinnen, ist der FC Bayern ja auf großer Einkaufstour.

Dazu würde auch passen, dass die Bayern heute angeblich Khalid Boulahrouz vom FC Chelsea verpflichtet haben. Der Niederländer bildete in der Saison 2005/2006 mit Daniel van Buyten das gefürchtete Abwehrduo beim Hamburger SV. Jetzt sind beide bei den Bayern wiedervereint und könnten in alter Harmonie die gegnerischen Stürmer zur Verzweiflung bringen – sowohl national als auch international.

Denn beide verfügen über genug Erfahrung. Und ganz nebenbei heizen sie den Konkurrenzkampf unter den Innenverteidigern an, zu denen Klassespieler wie Lucio und Ismael gehören. Allerdings ist "Daniela" van Buyten in der Mannschaft nicht gerade als Führungsspieler bekannt. Internationale Erfahrung bringt auch Rückkehrer Zé Roberto mit. Ob der satte Brasilianer den Bayern mit seinen 32 Jahren allerdings entscheidend weiter hilft, steht in den Sternen.

Und das war es dann auch schon mit Champions-League-Erfahrung bei den Bayern-Neuzugängen. Mit Stürmer Luca Toni lockte man zwar immerhin einen Weltmeister über die Alpen. Glückwunsch dazu. Auch wird der Italiener sicher eine Bereicherung für die Bundesliga sein und seinen "Vorgänger" Ruggiero Rizzitelli vergessen machen. Dieser erzielte in zwei Spielzeiten für den FC Bayern zwischen 1996 und 1998 zwölf Tore. Das sollte Toni, der in der vergangenen Saison mit 31 Treffern in 38 Partien für den AC Florenz Torschützenkönig der Serie A wurde, garantiert in einem Jahr schaffen. Viel wichtiger wären die Treffer des 30-Jährigen aber im internationalen Wettbewerb. Doch genau da liegt das Problem: Toni kommt auf 0 Uefa-Cup-Spiele und 0 Champions-League-Einsätze. Dass ausgerechnet er den FC Bayern in der übernächsten Saison endlich zum Gewinn der Königsklasse verhilft, darf bezweifelt werden.

Schlaudraff auf Raus Spuren

Diese Zweifel sind auch bei anderen Neuzugängen angesagt- wie bei dem ehemaligen Gladbacher Marcell Jansen. Oder Aachens Jan Schlaudraff, der in der Bundesliga-Rückrunde der abgelaufenen Saison bewiesen hat, dass er nichtmal dem Druck in der beschaulichen Kleinstadt nahe der holländischen Grenze gewachsen ist. Vielleicht sollten ihm die Bayern ein "Bild"-Abo zum Einstand spendieren. Kollege Podolski wird in diesem Zusammenhang sicher seinen Erfahrungsschatz weitergeben können. Schlaudraff wird in München den Weg von Tobias Rau gehen. Der kam als Nationalspieler vom VfL Wolfsburg an die Isar, sah sich das Olympiastadion zwei Jahre fast nur von der Bank aus an, um jetzt auf bei Arminia Bielefeld auf eben dieser zu versauern.

Die Bank droht auch Hamit Altintop, der als Verstärkung für das defensive Mittelfeld geholt wurde. Doch der Name Altintop stand schon beim FC Schalke nicht als Synonym für "spielentscheidend" und schon gar nicht für "Harmonie". Sowohl Schlaudraff als auch Altintop werden den FC Bayern in der Bundesliga kaum verstärken, von einem Wettbewerbs-Vorteil in internationalen Vergleichen ganz zu schweigen. Dieses Schicksal dürften beide mit Jose Ernesto Sosa teilen, der zwar vielseitig im Mittelfeld einsetzbar ist, in seinem ersten Jahr in der Bundesliga allerdings erstmal ankommen muss.

Selbst wenn der FC Bayern in den kommenden Tagen noch Miroslav Klose von Bremen verpflichten kann, ist das immer noch keine Garantie auf internationalen Erfolg. Denn der Druck auf das Team ist bereits in der kommenden Saison hoch. Nach der Shopping-Tour erwarten Fans und Umfeld den Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit deutlichem Abstand vor der Konkurrenz. Auch für den Uefa-Cup dürfte Hoeneß bereits einen Platz im Vitrinenschrank des FC Bayern reserviert haben. Heimlich, still und leise dürfte der Manager auf seiner Abschiedstournee auch den Wunsch hegen, bereits in der übernächsten Saison noch einmal Europas Krone in Empfang nehmen zu dürfen. Spätestens dann kann er wieder mit Gülcan um die Wette lächeln.

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Von Jörg Schallenberg

Jetzt auch noch Khalid Boulahrouz. Glaubt man der "Times", wird der niederländische Stürmerfresser, noch bestens als Eisenfuß in Diensten des Hamburger SV bekannt, demnächst für FC Bayern an- und zutreten. Und deutet man die Signale aus Bremen richtig, wird Miroslav Klose schon ab kommender Saison sein Teamkollege sein. Ehrlich gesagt: Das ist ziemlich schade. Für den Rest der Bundesliga. Und den Rest Europas.

Denn vom Frühjahrsshopping der Bayern hat Uli Hoeneß nicht nur eine Reihe prominenter Namen in der goldenen Einkaufstüte nach Hause gebracht, sondern auch stimmig viele der Schwächen beseitigt, die den Club in der vergangenen Saison in den Uefa-Cup haben abrutschen lassen.

Mit Boulahrouz etwa würden die Bayern mit einem Jahr Verspätung endlich den richtigen Verteidiger aus der einstigen Betonabwehr des HSV verpflichten. Für Daniel "Stellungsfehler" van Buyten bliebe dann wohl nur noch die Ersatzbank, zumal sich mit Martin Demichelis und dem lange verletzten Valérien Ismael zwei so knorrige wie solide Innenverteidiger aufdrängen. Die löchrige Abwehr wäre damit doppelt bis dreifach besetzte – und jeder Angreifer wird sich dreimal überlegen, welchen Weg er wählt, wenn Lucio und Boulahrouz mit hungrigen Augen auf ihn zueilen.

Auf der linken Abwehrseite können die unübersehbaren Defensivschwächen des fußballerisch begnadeten, aber leider zum Rechtsfuß ausgebildeten Philipp Lahm dadurch beseitigt werden, dass der etwas zweikampfstärkere und offensiv fast genauso wirksame Marcell Jansen seine Position einnimmt, während Lahm entweder nach rechts und/oder weiter nach vorn rückt.

Vor Neid zusammensinken

Diese taktischen Möglichkeiten, bei denen bereits mindestens 17 Trainer in Deutschland blass vor Neid auf Ihrer Bank zusammensinken müssten, haben die aus Sicht der Bayern-Verantwortlichen ungemein erfreuliche Wirkung, dass sich Willy "Halbfeldflanke" Sagnol der Position des rechten Außenverteidigers nicht mehr so sicher sein kann wie bisher, Das könnte dazu führen, dass er sich auf längere Laufwege einstellt und sogar alte Bekannte wie die gegnerische Torauslinie mal wieder zu Gesicht bekommt.

Die Rückkehr des unglaublich ball- und auch defensiv sicheren Brasilianers Zé Roberto schließt eine Lücke im linken Mittelfeld, die Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge im vergangenen Sommer aus purer Überheblichkeit und ohne Not aufgerissen haben. Auf der rechten Seite könnte der oft unterschätzte Hamit Altintop für Stabilität und gefährliche Weitschüsse sorgen – auch eine Qualität, die man bei den Bayern, abgesehen von gelegentlichen Auftritten von Mark van Bommel, oft vermisst hat.

Seinen Stammplatz hat allerdings keiner der Erwähnten sicher – schon weil der auf verschiedenen Positionen verwendbare Franck Ribéry gesetzt sein dürfte. Der Franzose bringt als gefürchteter Tempodribbler und Flankengeber jene Dynamik mit, die den behäbigen Bayern in der abgelaufenen Saison meist gefehlt hat. Geradezu genial mutet der Plan an, dass diese Flanken zukünftig nicht mehr an sprungschwachen Bodenstürmern vorbei als scharfe Brise durch die Strafräume wehen, sondern mit Luca Toni und Miroslav Klose bei zwei der kopfballstärksten Spieler der Welt ankommen.

Wobei – das nur nebenbei - die Kombination aus Klose und Lukas Podolski auch schon mal gute Ergebnisse erzielt hat. Und bei einem blockierten Match mit Jan Schlaudraff noch ein knotenlösender Wuseler eingewechselt werden kann. Coach Ottmar Hitzfeld dürfte sich momentan fühlen, als sei der Nikolaus entgegen anderer Behauptungen sehr wohl der Osterhase und ihm, gemeinsam mit dem Weihnachtsmann, schon im Juni erschienen. Auf den Außenbahnen ist abgesehen von Manchester United kein anderes Team der Welt so gut besetzt.

Loch im zentralen Mittelfeld

In der Bundesliga dürfte dieses Ensemble kaum zu gefährden sein. International hat die Zigmillionentruppe ein Jahr Zeit, um im Uefa-Cup zu üben. Im schlimmsten Fall fliegt sie gegen ein etwa vierzig Millionen Euro billigeres, aber besser eingespieltes spanisches Team raus. Egal, der Gewinn des "Pokals der Verlierer" zählt in München sowieso weniger als wenn Franz Beckenbauer beim Golfen in Kitzbühel sein Handicap verbessert.

Ein einziges Loch müssen die Bayern noch füllen, bevor 2009 die Champions League gewonnen wird. Unglücklicherweise klafft es im zentralen offensiven Mittelfeld, in dem sich vermutlich zunächst Bastian Schweinsteiger ausprobieren darf. Oft wird die Mannschaft diese Schaltstelle wohl umspielen aber auf Dauer muss sie mit einem torgefährlichen Kreativen besetzt werden. Rafael van der Vaart hätte gut gepasst, aber er hat nun noch zwölf Monate Zeit, um zu überlegen, ob er weiter beleidigt sein will, weil ihn die Bayern einst nicht wollten.

Das Schönste an dieser Geschichte aber ist: Man kann den Bayern nicht einmal böse sein wegen ihrer Einkaufstour. Sie haben in Deutschland fast nur bei Absteigern geplündert, sie brauchen keinen russischen Milliardär, keine Londoner Finanzanleihen und keine zweifelhaften Sponsoren, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Sie haben für einen Spieler aus der eigenen Jugend 25 Millionen Euro bekommen und sind endlich über ihren Schatten gesprungen, um im großen Stil zu investieren. Es wird sich auszahlen.

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