Beckham in den USA "Eine unglaubliche Zündung"

David Beckham ist in Los Angeles gelandet. Der 32-Jährige soll den US-Fußball pushen. SPIEGEL ONLINE spricht mit dem renommierten Sportkenner Andrei S. Markovits über Beckhams Klasse als PR-Ikone, Anti-Amerikanismus und die Chancen der Major League Soccer.


SPIEGEL ONLINE: Herr Markovits, kann David Beckham dem Fußball in den USA zum Durchbruch verhelfen?

Markovits: Nein, allein kann er das nicht, sonst wäre er Gott. Aber Beckham wird ohne Frage für ein unglaubliches Zündungsmoment sorgen. Wenn einer allein durch seine Präsenz etwas bewegen kann, dann ist er es. Das gilt weder für Ronaldinho, den göttlichen Lionel Messi oder welchen Spieler auch immer. SPIEGEL ONLINE: Was hat Beckham, das anderen Fußballspielern fehlt?

Markovits: Ihn kennt hier jeder, er ist ein Crossover-Star.

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie des Birkbeck Sportbusiness Center an der Universität London bestreitet das. Demnach kennt nur jeder zweite Amerikaner Beckham - und das oft auch nur über seine Frau Victoria.

Markovits: Und in Europa kannte man Joe DiMaggio, den Gott der New York Yankees, nur als zwischenzeitlichen Ehemann von Marilyn Monroe. Er macht doch nichts, dass Beckham als Mr. Spice Girl gilt, bekannt außerdem durch den Frauenfilm "Bend it like Beckham", der in den USA ein Riesen-Hit war. Trotzdem wird Beckham in den USA sogar im Zusammenhang mit anderen Sportarten genannt. Der Golfer Tiger Woods hat neulich im Fernsehen erwähnt, dass sein "Kumpel David" bald kommt.

SPIEGEL ONLINE: In Europa wurde sein Wechsel zu LA Galaxy dennoch eher spöttisch kommentiert.

Markovits: Ich weiß, auch in vielen deutschen Zeitungen ist der Transfer total lächerlich gemacht worden. Ich habe mich viel mit Anti-Amerikanismus beschäftigt, und das gehört auch dazu. Wenn Beckham nach Japan oder Australien gegangen wäre, also in ein anderes Land, in dem der Fußball nicht zur hegemonialen Sportkultur zählt, wäre das als Pioniertat für den Fußball begrüßt oder einfach ignoriert worden. Nur die Verbindung mit den USA sorgt für Spott. Beckham gilt zudem a priori als unauthentisch. Und dann kommt noch die Feindschaft gegenüber der Vermarktung hinzu, als ob Fußball in Europa nicht vermarktet würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie vergleichen Sportarten in ihren Büchern gerne mit Sprachen, wie gut sind inzwischen die Sprachkenntnisse der US-Amerikaner in Fußball?

Markovits: Sie sind besser geworden. Ich bin jetzt 58 Jahre alt und hoffe, dass Fußball Zeit meines Lebens zumindest einmal so wichtig wird wie Eishockey. Immerhin haben wir hier die Olympianisierung des Fußballs erlebt, dass also die Weltmeisterschaft nicht weniger aufmerksam verfolgt wird als die Olympischen Spiele. Und seit zwölf Jahren brennt die Major League Soccer MLS auf kleiner Flamme, allerdings mit Ausdauer. Aber ich will in meinem Leben so über Fußball reden können wie in meinem Büro über Baseball, Basketball oder Football geredet wird. Ich will auch nicht allein über die amerikanische Nationalmannschaft oder Real Madrid sprechen, sondern über Fußball in der MLS so, wie man es in Deutschland über die Bundesliga tut. Dazu braucht man Multiplikatoren, und deshalb ist es gut, dass Beckham kommt.

SPIEGEL ONLINE: Woran würde man erkennen, dass Fußball die Nische verlassen hat?

Markovits: Es wäre der Durchbruch, wenn "Sportcenter" auf ESPN, die Nachrichtensendung des größten und wichtigsten Sportkanals, mit MLS-Fußball anfangen würde. Oder wenn die "Top Ten Highlights" am Ende der Sendung, die unglaublich wichtig sind, weil sie die größten Sportmomente des Tages versammeln, regelmäßig Szenen aus der MLS zeigen würden.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch viel Fußball im amerikanischen Fernsehen zu sehen.

Markovits: Allerdings in Nischenkanälen. Dort sogar mehr als in Deutschland, weil zu den europäischen Ligen noch Südamerika und die MLS kommen. Die große Präsenz ist Vorteil und Nachteil zugleich: Wenn ich jedes Spiel von Manchester United sehen kann, hat es Chicago Fire schwer.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es vor allem an, damit Fußball in den USA sich noch stärker etabliert?

Markovits: Es hängt nicht so sehr von Beckham ab, sondern von der amerikanischen Nationalmannschaft. Ein Erreichen etwa des Halbfinals bei der nächsten WM 2010 in Südafrika würde die Nachfrage steigern, das Angebot ist inzwischen vorhanden.

Interview: Christoph Biermann



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Seite 1
DJ2002dede, 12.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Fußballer und Popstar David Beckham wechselt in die US-Profiliga. Bringt das endlich den Durchbruch für die Sportart in den USA? ---Zitatende--- Spielten nicht schon Pele, Matthäus und Co. dort? Er wird die Attraktivität etwas steigern, nicht mehr, nicht weniger.
edv3000 12.01.2007
2.
---Zitat von DJ2002dede--- Er wird die Attraktivität etwas steigern, nicht mehr, nicht weniger. ---Zitatende--- Beckham in den USA, einfach genial. Dort hat er wenigstens, oder sagen wir mal kaum, die Sprachschwierigkeiten, die er in Spanien hat(te). Er wird den Durchbruch für den Fussball dort aber nicht vollbringen, aus den einfachen Gründen, weil a.) es erst gar nicht zur Debatte steht und b.) er dafür nicht engagiert worden ist. Ausserdem: Die USA haben etliche interessante Sportarten zu bieten und im Fußball stehen die auch nicht so schlecht da.
tropfenzaehler, 12.01.2007
3.
---Zitat von DJ2002dede--- Spielten nicht schon Pele, Matthäus und Co. dort? Er wird die Attraktivität etwas steigern, nicht mehr, nicht weniger. ---Zitatende--- und nicht zu vergessen: der Kaiser höchstselbst
Langes Gedächtnis, 12.01.2007
4.
Wenn das Spieler wie Pelè & co. nicht geschafft haben, wie kann der überschätzteste Spieler der Geschichte es Fussballs machen? Wie George Best über Beckham sagte: "He cannot kick with his left foot, he cannot head a ball, he cannot tackle and he doesn't score many goals. Apart from that he's all right".
tropfenzaehler, 12.01.2007
5.
---Zitat von Langes Gedächtnis--- Wenn das Spieler wie Pelè & co. nicht geschafft haben, wie kann der überschätzteste Spieler der Geschichte es Fussballs machen? ---Zitatende--- Absolut richtig. Beckham ist zweiflesfrei ein super Freistoß- und eckballschütze, wenn er nicht angegriffen werden darf, aber im direkten zweikampf hat er nicht viel drauf. Paradebeispiel WM 2002 als england gegen brasilien ausschied. Wer hat an der mittellinie den ball an ronaldinho verloren? Ronaldinho ging aggressiv zum ball und beckham hat den fuss einfach weggezogen, weil er nicht in den zweikampf gehen wollte. Fussballerisch kann ich nicht verstehen, wie sich so jemand über einen so langen zeitraum in europa´s elite halten konnte. Aber da eine verpflichtung beckhams natürlich ungemeine marketingeffekte bringt, gleicht sich das fussballerische defizit scheinbar wohl ganz gut aus.
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