Manipulationen im Fußball Wetten, dass geschlampt wurde?

Die von Europol aufgedeckten Wettmanipulationen im Fußball sorgen für Entsetzen - mal wieder. Denn schon bei früheren Skandalen war der Aufschrei groß. Der Betrug ging trotzdem weiter. Die Europol-Enthüllungen belegen vor allem das Versagen von Verbänden, Behörden und Richtern.
Verdächtiges WM-Qualifikationsspiel Liechtenstein gegen Finnland: "Eine Pest"

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Foto: epa Keystone Ennio Leanza/ picture-alliance/ dpa

An großen Worten hat es jedenfalls nie gemangelt. Gianni Infantino, Generalsekretär des europäischen Fußballverbands Uefa, nannte Wettbetrug vor knapp einem Jahr "eine Pest, die den Sport verseucht". Fifa-Boss Joseph Blatter sprach von einer "tödlichen Gefährdung" für den Fußball. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Uefa-Präsident Michel Platini und viele andere Funktionäre erklärten dem Wettbetrug im Zuge der Verurteilungen von Ante Sapina und Marijo Cvrtak in Deutschland zeitgleich den Kampf.

Das hatten sie auch schon 2005 getan, als der Skandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer aufgeflogen war, ebenso nach dem Prozess gegen den Asiaten William Bee Wah Lim . Die gleichen Stimmen wurden laut, als der italienische Wettskandal aufflog oder Manipulationen in der Türkei, Griechenland und Finnland publik wurden. Immer wieder, wenn irgendwo ein Sondereinsatzkommando nach monatelanger Recherche die Protokolle des Wettbetrugs vorgelegt hatte, war das Entsetzen groß.

Keine neuen Betrugsspiele ermittelt

Anfang dieser Woche hat nun Europol Ermittlungen der vergangenen 18 Monate offengelegt. Vom "größten Wettbetrug aller Zeiten" war die Rede, es sei "erst die Spitze des Eisbergs", ließen die Ermittler rund um Europol-Chef Rob Wainwright bedeutungsschwer wissen. Einzig der federführende Bochumer Wettbetrugsjäger, Friedhelm Althans, relativierte das Ausmaß dieses "neuerlichen" Skandals und erklärte, dass die meisten der über 700 Spiele bereits bekannt seien.

Tatsächlich ist Europol kein bahnbrechender Schlag gegen die Wettbranche gelungen. Stattdessen demonstrierte die europäische Polizei eindrücklich, wie viel Fleißarbeit es bedarf, um sich dem Komplex der Wettmanipulation zumindest ein wenig anzunähern.

Europol ermittelte keine neuen Betrugsspiele, sondern trug die Ergebnisse diverser Spielmanipulationen zusammen, die einzelne Staatsanwaltschaften bereits seit 2008 in ihren jeweiligen Ländern aufgedeckt hatten. Das Ergebnis: Mehr als 380 verdächtige Spiele in Europa, rund 300 weitere Fälle weltweit, 425 Personen aus dem Fußball waren über einen Zeitraum von fünf Jahren involviert. Wettexperten halten diese Zahl übrigens für untertrieben.

Wer sind die Hintermänner?

Das interessantere Ergebnis der Europol-Veröffentlichung liest man zwischen den Zeilen. So wurde deutlich, dass die Frühwarnsysteme von Uefa und Fifa versagt haben. Und hätten sich andere Behörden und Staatsanwaltschaften mit dem Problem Wettbetrug genauer befasst, wäre die Manipulation im Fußball niemals zu jenem blühenden Geschäft geworden, das es heute ist. Beispiele dafür gibt es reichlich:

  • Schon der Fall Robert Hoyzer offenbarte das Versagen der Berliner Staatsanwaltschaft. Immer wieder hatte der Schiedsrichter angemerkt, dass es mächtige Hintermänner in Asien gebe, deren Wirken man überprüfen müsse. Hoyzers Aussagen wurden ignoriert.
  • Noch stümperhafter verhielt sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft im Fall William Bee Wah Lim, als sie die Dimension des Skandals  nicht erkannte. Dass Lim damals einer der größten Matchfixer mit einem ausgeprägten Netzwerk sowohl in Asien als auch im europäischen Fußball war, blieb während des Prozesses unbeachtet. Genau wie seine codierten Chatprotokolle, die viel über die Umsatzstärke des Malaien verrieten. Die Einsatzkräfte machten sich nicht die Mühe, sie zu entschlüsseln. Stattdessen entschied man sich aus "prozessökonomischen Gründen" für einen Deal, bei dem Lim einige manipulierte Spiele zugab und dafür zu zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung setzte sich der Asiate umgehend Richtung Singapur ab.
  • Als Ante Sapina und seine Anwälte im Bochumer Verfahren, das 2011 für den Berliner mit einem Schuldspruch von fünfeinhalb Jahren endete, die Hintermänner und das System des Wettbetrugs erklären wollten, blockierte der damalige Richter und unterbrach die Sitzung. Er sagte, dass man die Hintergründe nicht hören wolle, da das eine Hinauszögerung des Verfahrens bedeuten würde. Falls Sapina darauf bestehe, diese zu erläutern, müsse er damit rechnen, wieder zurück in Untersuchungshaft zu gehen. Sapina nahm seinen Antrag zurück, gab lediglich ein paar seiner in Europa manipulierten Spiele zu und wurde verurteilt. Mittlerweile hat der Bundesgerichtshof das Urteil aufgehoben, der Prozess muss in Teilen neu verhandelt werden.

Dies ist die Erkenntnis aus dreien der wichtigsten Wettbetrugsprozesse: Es gibt bislang keine gefassten Hintermänner und kaum relevante Verurteilungen, viele der Urteile wurden aufgrund ihrer schwachen Beweisführung abgemildert oder gänzlich gekippt. Noch immer gibt es kein länderübergreifendes Sportbetrugsrecht und noch immer sind die Frühwarnsysteme der Fußballverbände unbrauchbar.

Und die Drahtzieher, wie etwa die Asiaten Dan T., Erik H. oder Frank C., die immer wieder in den einzelnen Prozessakten der jeweiligen mit Europol kooperierenden Länder auftauchen, sitzen weiterhin in Singapur, Manila oder Kambodscha, um von dort aus Spiele zu manipulieren.

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