Publikumsliebling Höwedes zu Juventus Schalker Schmerz

Für Fans ist der bevorstehende Abgang ein harter Schlag: Mit Benedikt Höwedes verlässt die letzte Klubikone Schalke 04. Doch sportlich war der Wechsel unvermeidbar, der Weltmeister passt nicht zum neuen Trainer.

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Wenn Ralf Rangnick vorgeworfen wird, RB Leipzig sei ein Kunstprodukt, das ohne die zum Fußball gehörende Sentimentalität geführt werde, verweist er gerne auf Borussia Dortmund. "Die Erfolgsgeschichte von Jürgen Klopp hat damit begonnen, dass er die Spieler Frei und Petric freigestellt hat - obwohl eine Umfrage bei den Fans höchstwahrscheinlich ergeben hätte, dass genau diese beiden Spieler bleiben müssen." So gesehen ist eine gewisse Fähigkeit zur Gefühlskälte der Anfang der erfolgreichen BVB-Jahre unter Klopp.

Es ist eine Geschichte, die viele Schalker im Zusammenhang mit dem Abschied von Klubikone Benedikt Höwedes nicht gerne hören. Der 29-Jährige wird kurz vor dem Ende der Transferperiode für eine Gebühr von vier Millionen Euro zu Juventus Turin verliehen, mit anschließender Kaufoption. Insgesamt könnte der FC Schalke 20 Millionen Euro einnehmen.

Das Geld spielt nur eine untergeordnete Rolle in den kontroversen Debatten, die in Gelsenkirchen über den Vorgang geführt werden. Wichtiger sind diese Fragen: Kann man diesen Fußballer, der Schalker durch und durch ist, einfach so gehen lassen? Den einzigen Weltmeister im Kader? Den Helden, der sich auch mit Verletzungen in Zweikämpfe schmiss? Viele Fans sagen: niemals!

Auf der anderen Seite sehnen genau dieselben Anhänger nichts mehr herbei, als vor einer ähnlich erfolgreichen Zeit zu stehen, wie der BVB in den Jahren 2008 und 2009, als die treffsicheren Publikumslieblinge Alexander Frei und Mladen Petric aussortiert wurden. Die beiden "passten nicht zu Klopps Idee von Fußball", sagt Rangnick, der hier ein gutes Beispiel dafür sieht, dass es möglich ist, Traditionsvereine auch gegen Widerstände zu modernisieren.

Warum Höwedes nicht zum Tedesco-Fußball passt

Auf Schalke hat Trainer Domenico Tedesco im Verlauf der Sommerpause festgestellt, dass die Spielweise von Höwedes nur schwer mit seiner Vorstellung von einem modernen Verteidiger in Einklang zu bringen ist. Der Nationalspieler ist ein starker Zweikämpfer, er kann mit seinem Auftreten ein Team und das Publikum antreiben. Aber fußballerisch ist er aus der Zeit gefallen.

Höwedes' Passspiel mangelt es an Präzision, seinen Spieleröffnungen fehlt die Inspiration. Als Linksverteidiger im WM-Team von 2014 inmitten von lauter brillanten Fußballern ließ sich das kompensieren. Nicht aber beim FC Schalke, wo die Mittelfeldspieler dringend auf saubere Anspiele aus der Verteidigungskette angewiesen sind. Im Vorjahr war deutlich zu sehen, wie sehr das Spiel des Teams ohne solche Qualitäten leidet.

Wegen dieser Schwäche und wegen Formschwankungen zählte Höwedes zu den Gründen für die sportliche Talfahrt. Ein Umbruch funktioniert nicht mit Höwedes als Stammspieler. Dass ihm dieser Status quo in aller Offenheit erläutert wurde, hat ihn offenbar schwer gekränkt. Denn der Wechselwunsch hat auch etwas Trotziges. Höwedes reagierte auf die Absetzung als Mannschaftskapitän nicht mit dem Kampfgeist, für den er immer bewundert wurde, sondern mit der Bitte, den Klub verlassen zu dürfen. Und Tedesco sagte: "Reisende soll man nicht aufhalten." Das kam beim Schalker Anhang nicht gut an.

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Benedikt Höwedes: Abschied nach 16 Jahren Schalke

Wer den Fußball weniger emotional betrachtet, kann den neuen Coach verstehen. Aber zum Leidwesen von Modernisierern wie Manager Christian Heidel und Tedesco ist der Faktor "Emotionalität" ein wichtiger auf Schalke. Am Sonntag beim 0:1 in Hannover hing ein Banner im S04-Fanblock: "Respektvoller Umgang mit einem verdienten Spieler", war darauf zu lesen.

Mit Höwedes geht nach 16 Jahren Klubzugehörigkeit eine Institution, die die guten alten Schalker Werte verkörpert wie kein anderer aktueller Spieler: Treue, Zuverlässigkeit und Disziplin. "Ich habe den Vertrag mit pochendem Herzen unterschrieben. Die Kohle geht, die Kumpel bleiben", hatte Höwedes nach seiner Vertragsverlängerung von eineinhalb Jahren voller Pathos gesagt.

Dass nun ein noch unerfahrener Trainerneuling nicht mehr an den Diensten des Publikumslieblings interessiert ist, birgt Risiken. Wenn die Mannschaft keinen Erfolg hat, wird die Geschichte noch mehr Gewicht kriegen. Andererseits setzt Tedesco mit dieser Konsequenz ein starkes Zeichen echten Reformwillens - und vielleicht ist es der Aufbruch in eine Zeit, nach der sich viele Schalker sehnen: eine Erfolgsphase.

insgesamt 27 Beiträge
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mameluk 30.08.2017
1. wer ist länger dabei?
Der Trainer Tedeco bei Schalke oder Höwedes bei Juventus?
Olexus 30.08.2017
2. Frechheit
Tedesco's Bermerkung "Reisende soll man nich aufhalten" ist eine glatte Unverschämtheit. Tedesco war es schließlich der Höwedes nicht mehr wollte. Veständlich, daß dieser dann lieber geht, insbesondere wenn ein sogar besserer Club anklopft. Was besseres als Juventus kann Höwedes doch gar nicht passieren, da gewinnt er wenigstens mal einen Titel. Schade nur für die Fans, ...Höwedes hätte natürlich einfach Tedesco aussitzen können, in einem halben Jahr ist der eh wieder weg. Aber die mangelnde Rückendeckung hat ihn vertrieben..
lektra 30.08.2017
3. Ohne Emotionalität wäre der Profifußball am Ende
Emotionalität im Fußball ist nicht etwas Überflüssiges, was im Zweifel dem Erfolg entgehen steht. Der sportliche Erfolg ist nur ein Teil des Erfolgs. Das Geld, das den Profifußball finanziert, kommt einzig und allein aus der Emotionalität der Fans, die deshalb viel Geld ausgeben für Tickets, Trikots, Bezahlfernsehen, ... Ohne sportlichen Erfolg wird es natürlich auch bei aller Emotionalität schwierig für einen Verein. Mit guten Ergebnissen kommen auch die Erfolgsfans. Doch die Basis der Fanbindung, die Vereine wie Bremen, Dortmund, Schalke oder Köln auch durch schwierige Zeiten trägt, darf man nicht unnötig gefährden. Dass Höwedes sportlich nicht mehr zu Schalke passt, kann man diskutieren. Dass man eine Lösung findet, die Spielern erlaubt, erhobenen Hauptes zu gehen, ist unabdingbar.
lock_vogell 30.08.2017
4.
Zitat von OlexusTedesco's Bermerkung "Reisende soll man nich aufhalten" ist eine glatte Unverschämtheit. Tedesco war es schließlich der Höwedes nicht mehr wollte. Veständlich, daß dieser dann lieber geht, insbesondere wenn ein sogar besserer Club anklopft. Was besseres als Juventus kann Höwedes doch gar nicht passieren, da gewinnt er wenigstens mal einen Titel. Schade nur für die Fans, ...Höwedes hätte natürlich einfach Tedesco aussitzen können, in einem halben Jahr ist der eh wieder weg. Aber die mangelnde Rückendeckung hat ihn vertrieben..
ach blah... höwedes war ein super spieler bis er kapitän geworden ist, danach hat er mich über jahre eigentlich immer wieder enttäuscht. natürlich nie mit seinem engagment, oder seiner professionalität, aber die abwehrschwäche die schalke seit einigen jahren hat lag nicht zuletzt an höwedes. ich mein immer diese unsäglichen treffer, die gefühlt in zeitlupe über die torlinie kullern, weil mal wieder die abseitsfalle aufgehoben wurde, oder ein starker kopfballspieler am ende von uchida gedeckt wurde, das ging garnicht. und genau das ist doch die aufgabe vom "abwehrboss", die abwehr ordentlich zu organisieren. das ist meiner meinung nach viel eher der grund, warum höwedes nicht in tedescos konzept passt, die eröffnung, dass passspiel und das einschalten in die offensive sind meiner meinung nach sogar eher stärken von höwedes... und neben einem, der die abwehr organisiert wird höwedes auch wieder erfolgreich spielen, deswegen war er doch auch bei der WM so gut, da er eben nicht die abwehr zu organisieren hatte.
derboesewolfzdf 30.08.2017
5. Wenn es nicht klappt....
....ist Tedesco einfach nur der 14. entlassene Trainer in den letzten 10 Jahren. Das nennt sich Business as usual. Auf Schalke träumt man von Erfolgen, vor allen von vergangenen. Aber bisher wurde nicht daran gearbeitet.
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