Berliner Kiezclub Türkiyemspor Gegen die Mechanismen der Ausgrenzung

Hohe Arbeitslosenquote, hohe Kriminalitätsrate: Neukölln und Kreuzberg sind Berliner Problemviertel - und die Heimat des Fußballclubs Türkiyemspor. Der Verein kämpft auf dem Platz um Punkte und daneben gegen soziale Probleme. Doch oft ist der Kampf für Integration eine Einbahnstraße.

Von Ronny Blaschke, Berlin


Cetin Özaydin jammert nicht, das ist nicht seine Art, er sucht lieber nach Lösungen. Lange hatte er als Gewerkschafter gearbeitet, wenn es sich lohnte zu protestieren, dann protestierte er auch. Als er 1992 in Rostock-Lichtenhagen gegen die massiven Anschläge auf Ausländer demonstrierte, wurde er festgenommen. Er musste die Nacht in einer Sporthalle verbringen, doch das war ihm egal. "Gegenwehr gibt es immer", sagt er. Das ist bei Türkiyemspor nicht anders. Ein Jahresetat von rund 100.000 Euro steht dem Verein zur Verfügung, das sind Peanuts im Vergleich zum Profifußball. Özaydin hat es schwer, Sponsoren zu finden, vor allem deutsche Firmen engagieren sich lieber woanders. So ist man auf Hilfe in der Gemeinschaft angewiesen, auf einen Trikotsatz eines spendablen Fans oder auf ein paar Kisten Wasser aus dem türkischen Geschäft um die Ecke.

Türkiyemspor-Geschäftsführer Firat: "Es geht uns nicht um Rassen"
Ronny Blaschke

Türkiyemspor-Geschäftsführer Firat: "Es geht uns nicht um Rassen"

Der größte Teil des Budgets fließt in den Sportbetrieb, in das Oberligateam und in die rund 250 Mitglieder starke Nachwuchsabteilung. Demnächst soll zu den drei Mädchenteams eine Frauenauswahl hinzukommen, mit einer türkischen Trainerin, im konservativen Wertesystem der Türkei wäre das undenkbar. Was an Geld übrig bleibt, fließt in Sozialarbeit. Cetin Özaydin und seine Kollegen sind fast jeden Tag unterwegs, in Schulen, Kindertagesstätten, Jugendclubs, Vereinsheimen oder Moscheen. Türkiyemspor hat ein Netzwerk aus Projekten aufgebaut, gegen Rassismus oder Gewalt gegen Frauen. "Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer die gleichen", erläutert Özaydin, "ob es sich um Türken, Homosexuelle, Juden oder Behinderte handelt." Für eine Initiative gegen Homophobie ließen sich Spieler sogar nackt für ein Schwulenmagazin fotografieren.

Am eigenen Leib gespürt, was es heißt, unerwünscht zu sein

In diesem vielfach ausgezeichneten Netzwerk geht es nicht um Geld, sondern um den Austausch von Erfahrungen. Demnächst will Türkiyemspor Deutsch- und Musikkurse anbieten. Das Arbeitsgebiet ist schließlich groß. In den Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain leben etwa eine Million Menschen, vielen geht es schlecht. Arbeitslosenquote und Kriminalitätsrate liegen über dem Durchschnitt. "Ein Verein, der hier so viele Menschen bewegt, sollte Hilfe leisten", sagt Cetin Özaydin. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, für andere ist es das nicht. Hertha BSC ist ein Beispiel. Der Jahresetat liegt bei weit über 60 Millionen Euro, aber abgesehen von ein paar Plakaten und der einen oder anderen als Benefizspiel getarnten Testpartie hatte der Bundesligist lange Zeit wenig Ideen zu bieten im Kampf gegen die Ablehnung von Minderheiten.

Das wird auch Mehmet Matur bestätigen. Er kommt eine Stunde zu spät zum Interview, doch er entschuldigt sich höflich. Er hat Ärger mit zwei Vereinen gehabt, das konnte er nicht länger hinauszögern. Seit 2004 ist er Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbandes, er kümmert sich um die Sorgen der Migrantenvereine. Matur, 47, ist als Aufklärer tätig, als Dolmetscher und Schlichter. Und so klingt er auch, verständnisvoll und abwägend. Seit mehr als dreißig Jahren lebt er in Deutschland, er kennt die Hürdenläufe durch die Bürokratie, er hat oft um seine Aufenthaltserlaubnis kämpfen müssen, und er hat am eigenen Leib gespürt, wie es ist, unerwünscht zu sein.

Zwölf Jahre hatte er bei der Berliner Verkehrsgesellschaft als Weichensteller und Schaffner gearbeitet, er wurde beleidigt, bedroht, von Fahrgästen und Kollegen, manchmal mit Messern, manchmal mit Schäferhunden. Mittlerweile betreibt er mit seiner Familie eine Bäckerei, nebenbei hilft er in den Sportgeschäften seines Bruders aus. Oft steht er morgens um vier auf und kehrt spät abends nach Fußballangelegenheiten zurück. "Wir wurden in Deutschland dazu erzogen, dem Staat nicht zur Last zur fallen", sagt Matur mit ruhiger Stimme: "So ist das im Leben, und so ist es auch im Fußball."

"Die anderen müssen ihre Einstellung ändern"

Er hat vieles probiert, um die ethnischen Vereine zu etablieren. Er hat Versammlungen abgehalten, Integrationsfeste veranstaltet, Anti-Gewalt-Kurse organisiert. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die sich zu einem Berg auftürmen, und die dann einen Club die Gemeinnützigkeit kosten: ungeöffnete Briefe vom Verband, missverstandene Anordnungen oder nicht bezahlte Strafen. "Viele Funktionäre sind die deutsche Ordnung nicht gewohnt", erklärt Matur. "In der Türkei gibt es keine gefestigten Breitensportstrukturen mit Ehrenämtern." Er versucht dagegen anzukämpfen, mit seiner Stimme, doch manchmal kommt auch er nicht mehr weiter. Wenn er seinen achtjährigen Sohn zum Training von Türkiyemspor fährt, nimmt er auch dessen Freunde mit, die von ihren Eltern vernachlässigt werden. Einmal wurde Mehmet Matur von der Polizei gestoppt, weil sich sechs Kinder in sein Auto gequetscht hatten. Wenn er seinen Sohn wieder abholt, bleibt ihm oft nichts anderes übrig, als die Kinder wieder mitzunehmen. Sie hätten sonst ewig warten müssen, ihre Eltern hatten sie vergessen.

Firat Tuncay redet sich in Rage, wenn er über seine Erfahrungen über Benachteiligungen spricht. Sein Vater, ein Gründungsmitglied von Türkiyemspor, stammt aus der Türkei, er selbst wurde in Berlin geboren. Doch er fühlt sich noch immer als Ausländer. Mit 16 wartete er in einer Schlange stundenlang auf eine Arbeitserlaubnis, für einen Bücherausweis musste er seine Geburtsurkunde vorzeigen. Mittlerweile ist Tuncay, 33, Geschäftsführer von Türkiyemspor, er will seinem Verein die Ausgrenzung ersparen. Es gab Ideen, den Clubnamen in Berlinspor zu ändern, den Berliner Bären in das Wappen zu integrieren oder Kreuzberg in Richtung Spandau zu verlassen, aber diese Pläne wurden schnell verworfen. "Türkiyemspor ist eine bekannte Marke geworden. Sind wir etwa deutscher, indem wir deutscher klingen?", fragt Tuncay und klopft mit der Handfläche auf den Tisch. "Wir müssen nicht unseren Namen ändern, die anderen müssen ihre Einstellung ändern."

Er kann den Vorwurf nicht ausstehen, dass sich Migranten in ethnischen Vereinen vor der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Aber viele Spieler sehen keinen anderen Ausweg, sie müssten woanders mehr Leistungen bringen, um in die Startelf zu kommen, das ist auf ihren Arbeitsplätzen nicht anders. Firat Tuncay erwähnt die Rote-Karten-Statistik der vergangenen Oberligasaison: Türkiyemspor, Berlin Ankaraspor und Yesilyurt führten diese Wertung an. "Daran wird sich dieses Jahr nichts ändern", vermutet Tuncay. Sind Migranten gewaltbereiter? Oder reicht der Rassismus weiter, als viele glauben, also auch in das Schiedsrichter- und Funktionärswesen? Firat Tuncay verzieht sein Gesicht und hebt fragend die Schultern, er will wegen seiner Kritik nicht wieder zum Verband zitiert werden. Eines aber will er festhalten: "Es geht uns nicht um Rassen, sondern um Fußball und soziale Gemeinschaft. Wir müssen nicht erst den Personalausweis kontrollieren, jeder ist willkommen." Kurze Pause, er schaut auf sein leeres Teeglas, dann hebt er seine Stimme: "Jeder!"



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