Nachruf auf Bernard Tapie Jongleur am Abgrund

Bernard Tapie mischte mit – in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport. Aber Triumph und Absturz gehörten dabei immer gleichermaßen zum Leben des französischen Unternehmers.
Bernard Tapie: Startete seine Karriere Fernsehverkäufer

Bernard Tapie: Startete seine Karriere Fernsehverkäufer

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© POOL New / Reuters/ REUTERS

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Es wäre einfacher aufzuschreiben, was Bernard Tapie nicht war. Diese 78 Jahre Leben, die am Sonntag zu Ende gegangen sind, sie hätten für drei Leben gereicht.

Tapie war Politiker, Städtebauminister unter François Mitterrand, er saß in der Nationalversammlung und im Europaparlament, er war natürlich Geschäftsmann, schillernd, wie man das so gerne nennt, wenn man nicht genau weiß, ob jemand Held oder Schurke war.

»Von den einen verehrt, von den anderen verdammt, verstörte er ebenso wie er faszinierte, weil er alle Hürden auf dem Weg seines Erfolgs übersprang«, hieß es in der Würdigung des Élysée-Palastes. Eine solche Ambivalenz in einem offiziellen Nachruf bekommt auch nicht jeder.

Sänger, Schauspieler, Rennfahrer

Tapie war Sänger, Schauspieler, Rennfahrer, Musiker und Fernsehmoderator, er war millionenschwer und insolvent. Tapie war Chamäleon und Paradiesvogel, in der Politik, in der Wirtschaft, er war immer da, auch wenn er weg war.

Und er war über viele Jahre eine der prägenden Figuren im Sport. Sportbusiness, Fußball, Radsport, auch hier gab es wenig, an dem Tapie nicht mitmischte.

1983 übernahm er, damals schon aufgestiegen zum Geldadel durch den Aufkauf zahlreicher Unternehmensbeteiligungen, den französischen Profirennstall La Vie Claire, für den unter anderem Bernard Hinault und Greg Lemond unter Vertrag standen. Beide Stars gaben Tapie das zurück, was er investierte: Hinault gewann 1985 die Tour de France, Lemond ein Jahr später.

Sogar Beckenbauer war da

Mission erfüllt, also wandte sich Tapie dem nächsten Projekt zu: dem Fußball. Bis heute ist sein Name mit Olympique Marseille untrennbar verbunden, mit der großen Zeit dieses Vereins, aber auch mit dem totalen Absturz. Ein besseres Spiegelbild des Schaffens von Tapie kann man nicht finden.

Geld spielte ab 1986 keine Rolle mehr in Marseille, es war im Übermaß vorhanden, und es wurde für alle Zwecke eingesetzt. Tapie holte prominente Spieler nach Südfrankreich, Alain Giresse, Jean-Pierre Papin, aus Deutschland Karl-Heinz Förster, Klaus Allofs, später Rudi Völler.

Die Champions-League-Sieger 1993 mit Tapie und Pokal

Die Champions-League-Sieger 1993 mit Tapie und Pokal

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Beate Mueller / Getty Images

Und als sei das alles nicht genug, wurde auch noch Franz Beckenbauer direkt nach seinem WM-Triumph 1990 als Trainer verpflichtet. Ein Jahr blieb der Kaiser in Marseille, erst als Coach, dann als sogenannter Technischer Direktor. Der Erfolg stellte sich postwendend ein, Olympique erreichte 1991 das Endspiel des Europapokals der Landesmeister.

Gegen Roter Stern Belgrad verlor man das Finale noch, zwei Jahre später jedoch schoss Basile Boli den Klub gegen den AC Mailand zum Champions-League-Sieger. Das hat kein französischer Verein seitdem wieder geschafft.

Zwangsabstieg und Gefängnis

Tapie schien auf dem Höhepunkt angekommen, und doch war dieses Jahr 1993 nicht nur der Anfang vom Ende, es war sogar schon das Ende. Dabei war es fast ein Nebenaspekt, dass um die Gewinner auch Dopinggerüchte waberten. Als aber herauskam, dass vor der Partie von OM gegen Valenciennes in der französischen Liga Schmiergelder mit Wissen und auf Initiative Tapies geflossen waren, war es mit der Herrlichkeit von Klub und Präsident vorbei.

Olympique musste zwangsabsteigen, der Klubchef wanderte ins Gefängnis. Und jetzt ging alles den Bach runter. 1990 hatte Tapie die Mehrheit bei Adidas gekauft, auch das war für ihn Segen und Fluch gleichermaßen. Nachdem er 1993 seine Anteile an die Bank Crédit Lyonnais verkauft hatte und die anschließend mit dem Weiterverkauf an Robert Louis-Dreyfus fast das Doppelte eingenommen hatte, fühlte sich Tapie von der Bank geprellt.

Es folgte ein ewiger Rechtsstreit, flankiert von politischen Skandalen, vom Ruch der Korruption und der Steuerhinterziehung begleitet, an dessen Ende Tapie zwar als Sieger dastand und mehr als 400 Millionen Euro zugesprochen bekam, aber ihn selbst geschwächt, ausgezehrt hinterließ. Krank war er schon lange, am Sonntag hat er den Kampf gegen den Krebs verloren.

Das politische Roulettespiel, das Jonglieren zwischen Macht, Geld und Ansehen, zwischen Politik, Wirtschaft, Sport und Glamour, für Frankreich von Mitterand bis Sarkozy ebenso stilbildend wie fatal, beherrschte er jahrelang, dieser Mann aus kleinen Verhältnissen, der als Fernsehverkäufer angefangen hatte und zwischendurch selbst mehrere Medien besaß.

Dass er anfangs politisch eher rechts dachte, dann sich den Sozialisten zuwandte und schließlich bei Sarkozy landete, passt in das Bild des durchs Leben mäandernden Bernard Tapie.

Bernard Hinault, der große Rad-Heros Frankreichs, hat am Sonntag den würdigenden Satz über Tapie gesagt: »Es gibt Gewinner und Verlierer.« Hinault rechnete ihn zu den Gewinnern. Aber Tapie war immer beides.

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