Bestechungsskandal Löwen-Chef Wildmoser wegen Korruptionsverdacht in Haft

Der Präsident des Fußball-Bundesligisten 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser, ist verhaftet worden. Er soll beim Bau des neuen Münchner Stadions "Allianz Arena" Bestechungsgelder kassiert haben. Mehr als 30 Objekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden durchsucht - auch Dependancen des FC Bayern.




Wildmoser sen.: Der letzte Patriarch der Bundesliga
DPA

Wildmoser sen.: Der letzte Patriarch der Bundesliga

München - Ein Bestechungsskandal um das neue Stadion "Allianz Arena" mit Karl-Heinz Wildmoser im Mittelpunkt erschüttert die Münchner Fußball-Szene. Nach umfangreichen Hausdurchsuchungen wurde der Präsident des Fußball-Bundesligisten TSV 1860 München am Dienstag verhaftet, wie das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) mitteilte. Wildmoser soll nach Informationen des Bayerischen Rundfunks Details aus der Ausschreibung an die Baufirma, die dann den Zuschlag erhielt, weitergegeben und 2,8 Millionen Euro kassiert haben.

Hauptbeschuldigter ist jedoch Wildmoser junior. Die beiden Wildmosers wurden zunächst zu einer Anhörung bei der Staatsanwaltschaft München I gebracht, Wildmoser senior bereits dem Haftrichter vorgeführt. Es ist damit zu rechnen, dass sie die Nacht im Gefängnis Stadelheim verbringen. Gegen zwei weitere Personen wurde ebenfalls Haftbefehl erlassen. Dabei handelt es sich um einen Schulfreund von Wildmoser junior sowie einen Angestellten der Wildmoser-Immobilienfirma in Dresden.

Keine Vorwürfe an den FC Bayern

Die Polizei hatte am Dienstagvormittag in München die Räume der Fußballclubs TSV 1860 und FC Bayern durchsucht. Insgesamt waren 21 Staatsanwälte, 70 Kriminalbeamte und 30 Steuerfahnder im Einsatz, die über 30 Objekte im Bundesgebiet sowie in Österreich und der Schweiz unter die Lupe nahmen.

Auch in den Wohnungen des Club-Präsidenten und seines Sohnes Karl-Heinz Wildmoser junior wurde nach belastenden Daten gefahndet. Der Sohn ist einer der beiden Geschäftsführer der ebenfalls durchsuchten "Allianz Arena München Stadion GmbH", die der FC Bayern und der TSV 1860 als gemeinsame Betreibergesellschaft für das neue Stadion errichtet hatten. Beim TSV 1860 ist der Wildmoser-Sohn Geschäftsführer der Fußballabteilung. Der FC Bayern stehe nicht im Visier der Ermittlungen, dort sei nur nach möglichen Beweismitteln gesucht worden, betonte das LKA.

Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sagte, nachdem er bei der Ankunft in Madrid vor dem Champions-League-Hit am Mittwoch gegen Real mit den Nachrichten der Wildmoser-Festname konfrontiert wurde: "Ich gebe jetzt keinen Kommentar ab. Wir werden uns später dazu äußern, mehr möchte ich dazu nicht sagen."

Fotostrecke

9  Bilder
Karl-Heinz Wildmoser: Der letzte Patriarch der Bundesliga

Die Ermittlungen haben inzwischen internationales Ausmaß genommen. Insgesamt seien mehr als 30 Objekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchsucht worden, bestätigte das Landeskriminalamt am Dienstag in München. Auch die mit dem Bau beauftragte Firma Alpine Bau Deutschland GmbH wurde nach Angaben einer Firmensprecherin durchsucht.

Nach Angaben des LKA führt die Staatsanwaltschaft München I bereits seit Ende vergangenen Jahres ein Ermittlungsverfahren durch. Der Stadionbau, der insgesamt rund 300 Millionen Euro kosten soll, wird von beiden Vereinen gemeinsam getragen. Neben Wildmoser junior war zuletzt Fritz Scherer Geschäftsführer der Stadion GmbH. Scherer, ehemaliger Präsident von Bayern München, war allerdings in der vergangenen Woche (3. März) überraschend zurückgetreten. Der 64-Jährige hatte die Gesellschafter-Versammlung gebeten, ihn aus "persönlichen, gesundheitlichen Gründen" zum 1. April 2004 von seinen Aufgaben zu entbinden.

Sein Rücktritt habe indes mit den Ermittlungen "überhaupt nichts zu tun", stellte Scherer am Dienstag klar: "Das waren persönliche und gesundheitliche Gründe, weil ich auf Dauer keinen Ganztagsjob mehr machen wollte." Der FC Bayern stehe mit den vermuteten Straftaten in keinerlei Verbindung: "Wir sind alle rein. Ich habe mit den Angelegenheiten nichts zu tun - hundertprozentig."

Münchner Oberbürgermeister erschüttert

"Ich bin erschüttert", sagte der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Das Ansehen des Fußballs, des Stadionprojekts und der Stadt München sei beschädigt worden. Ude sagte dem Bayerischen Rundfunk, er wisse seit Ende des vergangenen Jahres von den Ermittlungen. Die Korruptionsabteilung bei der Staatsanwaltschaft München I habe sehr sorgfältig recherchiert. Der festgestellte Geldfluss sei nicht anders erklärbar, als dass bei der Ausschreibung Informationen an eine Baufirma über Konkurrenzangebote weitergegeben wurden. Eine Baufirma habe damit gewusst, wie teuer sie sein dürfe und wie billig sie sein müsse, um den Zuschlag zu erhalten. Das Ganze sei ein schwer zu verkraftender Vorgang, erklärte Ude.

"Wir sind sehr überrascht", sagte ein Sprecher des Versicherungskonzerns Allianz, der die Namensrechte am Stadion besitzt. Man hoffe, dass an den Vorwürfen "nichts dran ist". Die Auswirkungen auf das Ansehen der Sportstätte seien noch nicht absehbar. "Geschäftsstelle vorübergehend geschlossen", stand am Dienstag auf einem Schild am Eingang zum TSV 1860. In einer Stellungnahme erklärte der Verein: "Die Geschäftsführung der TSV 1860 München GmbH & Co. KGaA sowie das Präsidium des TSV 1860 München wurden von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Herren Wildmoser überrascht. Die Ermittlungen richten sich weder gegen Verein noch gegen die GmbH & Co.KGaA." Der Club betonte des weiteren, dass er mit seinen beiden Vizepräsidenten und der sonstigen Struktur weiterhin voll handlungsfähig sei.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.