Hendrik Buchheister

Besuch im englischen Hillsborough-Stadion 96 Sitze bleiben frei

1989 ereignete sich in Sheffield die Hillsborough-Tragödie, 96 Zuschauer starben. Heute wirkt das Stadion vor allem schrullig. Zu Gast in einer Gedenkstätte, in der noch immer Fußball gespielt wird.
Hillsborough

Hillsborough

Foto: Adam Fradgley - AMA/ West Bromwich Albion FC via Getty Images

Gegen Ende der Partie zwischen Sheffield Wednesday und Leeds United war am Himmel ein Hubschrauber zu hören. Vor dem Stadion fuhr ein Krankenwagen mit Blaulicht vorbei, das konnte ich sehen durch die Lücke zwischen der Gegentribüne und der Tribüne hinter dem Tor.

Eigentlich sind das normale Eindrücke am Rande eines Fußballspiels, doch in diesem Fall fühlte ich mich für einen Moment seltsam bedrückt, denn ich war in keinem normalen Stadion, sondern am Ort einer Tragödie.

Als ich im vergangenen Jahr nach England umgesiedelt bin, tat ich das auch mit dem Ziel, die bedeutendsten Stätten des britischen Fußballs zu besuchen. Ich wollte ein Pokalfinale im Wembley-Stadion und eine dieser mythischen Europapokal-Nächte an der Anfield Road erleben, wollte einem Spiel im Celtic-Park in Glasgow und im St. James' Park in Newcastle (für mich eines der schönsten Stadien überhaupt) beiwohnen. Alles erledigt.

Autoren-Info
Foto: Verena Knemeyer

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

Kolumne Life Goals

Neulich habe ich ein Stadion besucht, das ich ebenfalls unbedingt sehen wollte. Es bezieht seine Bedeutung allerdings nicht aus großen sportlichen Ereignissen oder seiner Ästhetik, sondern daraus, dass es eine Gedenkstätte ist, in der Fußball gespielt wird. Ich war im Hillsborough-Stadion in Sheffield.

Im April 1989 wurde es zum Schauplatz der größten Zuschauerkatastrophe in England mit 96 Toten, vor allem Fans des FC Liverpool. Die Katastrophe hat den britischen Fußball geprägt. Dass es in Englands Profistadien keine Stehplätze mehr gibt, ist eine Folge des Desasters. Der Kampf um die umfassende Aufarbeitung der Ereignisse hat mehr als zwei Jahrzehnte lang die Menschen in Liverpool beschäftigt.

Foto von der Hillsborough-Katastrophe 1989

Foto von der Hillsborough-Katastrophe 1989

Foto: DPA

Wenn ich den Namen Hillsborough höre, laufen in meinem Kopf YouTube-Schnipsel von Krankenwagen ab, die über den Rasen fahren, und von Fans, die von anderen Zuschauern aus dem überfüllten Unterrang in den Oberrang gezogen werden.

Bislang setzte sich mein Bild zu Hillsborough aus Internetvideos und Zeitungsartikeln zusammen, doch das ist die Sicht aus der Ferne. Für die Fans von Sheffield Wednesday, das übrigens im Moment von Jos Luhukay trainiert wird, bedeutet das Stadion Heimat. Auch aus neutraler Perspektive hat es seinen Reiz.

"This is a proper football ground!", sagte der Kollege neben mir zur Begrüßung. Ein sehr anständiges Stadion also. Das ist das größte Kompliment, das man in England einer Fußball-Spielstätte machen kann. Wer sich für die typisch britische, manchmal ein bisschen schrullige Stadionarchitektur begeistert, dem ist ein Besuch im Hillsborough dringend empfohlen.

Die Tragödie ist immer präsent

Alle vier Tribünen unterscheiden sich voneinander, in die Lücken zwischen der Gegentribüne und denen hinter den Toren sind zusätzliche Ränge gequetscht worden, was genauso improvisiert aussieht, wie so mancher Anbau an einem der berühmten Londoner Backsteinhäuser. Das Wellblechdach der Haupttribüne erinnert an einen riesigen Geräteschuppen. Der Spielertunnel ist nicht, wie es sich gehört, auf Höhe der Mittellinie, sondern ein bisschen versetzt, rund zehn Meter in der rechten Spielfeldhälfte.

Die Tragödie von 1989 ist auf dezente und sehr angemessene Weise präsent. Auf der Westtribüne, dem Leppings Lane End, wo sich die Katastrophe ereignete, sind in den ersten beiden Reihen anstatt der üblichen blauen Sitzschalen 96 weiße Sitze angebracht, für die 96 Fans, die hier ihr Leben verloren.

Bei dem Spiel gegen Leeds waren auf der Tribüne die Leeds-Fans untergebracht. Der Rang war dicht besetzt, doch die weißen Sitze blieben frei. Entweder aus Zufall oder aus Respekt. Oder, und das ist ein ziemlich beklemmender Gedanke: weil niemand auf den Plätzen von Toten sitzen wollte.