Peter Ahrens

Viktor Orbán zu Besuch bei Union Berlin Politisch im Nebel

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Die Stippvisite von Regierungschef Viktor Orbán bei Union Berlin löst Unverständnis aus. Vor allem, weil der Klub dazu keine Stellung bezogen hat. Er nährt damit das Bild eines Vereins, der nicht genau weiß, wo er steht.
Viktor Orbán bei der EM 2021

Viktor Orbán bei der EM 2021

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Robert Michael / dpa

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Der 1. FC Union Berlin macht so vieles richtig. Sportlich ist es immer weiter aufwärts gegangen – mit dem aktuellen Höhepunkt der Tabellenführung in der Bundesliga. Die Kaderplanung ist überragend, der Trainer ist es nicht minder, im Hintergrund steht ein cleveres und weitblickendes Management, und all das wird getragen von einer Fanbasis, deren Treue mit dem Wort »eisern« angemessen umschrieben wird. Es gibt immer noch wenig Schöneres als einen Fußballnachmittag in der Alten Försterei. Und niemals vergessen: Eisern Union.

Man muss diesen Klub lieben. Eigentlich. Aber.

Das Bild hat Schrammen. Und in der vergangenen Woche sind wieder zwei dazugekommen. Erst gab es am Donnerstag verstörende Fernsehaufnahmen aus dem Union-Fanblock beim Europa-League-Spiel in Malmö, als Feuerwerkskörper auf den Platz flogen. Und seit diesem Dienstag ist eine kleine Staatsaffäre hinzugekommen. Der Besuch von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán beim ungarischen Union-Profi András Schäfer auf dem Klubgelände in Köpenick hat jetzt schon einen erheblichen Imageschaden angerichtet.

»Nicht offiziell empfangen«

Der Besuch sei als »privat« deklariert gewesen, hat Union-Kommunikationschef Christian Arbeit anschließend versucht, die Wogen zu glätten. Union habe den Ministerpräsidenten nicht offiziell empfangen. Dass Orbán selbst anschließend stolz Bilder postete, in denen er mit Schäfer, Arbeit und Union-Geschäftsführer Michael Parensen am Tisch saß, schwächt diese Version des Klubs.

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Ein Bundesligaverein mag sich schwertun, dem Regierungschef eines anderen Landes den Besuch auf dem eigenen Gelände zu verwehren. Das hätte vermutlich diplomatische Verwerfungen mit sich gebracht. Aber dass ein Klub wie Union, der sich als werteorientiert versteht, es stillschweigend und kommentarlos geschehen lässt, dass ein Politiker, der alle diese Werte mit Füßen tritt, durch die Alte Försterei marschiert, bleibt ein Armutszeugnis. Zumal Orbán diesen vermeintlichen Privatbesuch definitiv nicht als Privatmann vorgenommen hat. Sondern auf der Mission Selbstinszenierung als starker Politiker.

Und es ist Wasser auf die Mühlen derer, die dem Verein ein politisches Irrlichtern vorwerfen. Union-Präsident Dirk Zingler ist in der Pandemie zwischen unterschiedlichen Positionen hin und her mäandert, in manchen Äußerungen hat er sich dabei »Querdenker«-Ansichten bedenklich angenähert. Noch im September hat er in einem großen Interview mit der »Berliner Zeitung«  beklagt, dass Impfgegner von der Politik diskriminiert worden seien. Über das Gendern und veganes Essen hat sich Zingler auch schon öffentlich aufgeregt, auch das ist dann wahrscheinlich »privat« gewesen.

Nur schwer einzuordnen

Zinglers Credo lautet, Union sei ein »humanistischer« Verein. Orbán steht für die Unterdrückung der Pressefreiheit, er steht für die Unterdrückung queeren Lebens, er steht für die Gängelung der Opposition. Ein humanistischer Verein sollte dagegen Stellung beziehen. Union hat das nicht getan.

Der Klubboss hat in dem Interview auch kopfschüttelnd kritisiert, dass der »Sport sabotieren, boykottieren, ausgrenzen« solle, wenn es nach dem Willen von Politik und Teilen der Öffentlichkeit gehe. Er bezog sich dabei auf die WM in Katar, die er gegen westliche Kritik verteidigte, aber man kann das auch auf Orbáns Visite übertragen.

Zingler und der Klub, dem er seit 2004 vorsteht und den er so erfolgreich bis heute führt: Beide stehen für eine politisch nebelhafte Haltung, diffus, schwer einzuordnen. Am Ende bleibt Union dann doch vor allem der Fußballklub des Ostens, darauf kann man sich verständigen. Wenn es darüber hinausgeht, wird es unübersichtlich.

Der Regenbogen hätte geholfen

Das ist das gute Recht des Klubs, kein Verein ist dazu gezwungen, sich zu allem Möglichen zu positionieren. Gleichzeitig kokettiert der 1. FC Union allerdings auch mit dem Bild des coolen, mit Restbeständen des Punkigen und der Arbeiterkultur versehenen Klubs mit Herz für die Underdogs, für die Schwachen. Viktor Orbán hat kein Herz für die Schwachen.

Dabei hätte es vermutlich eine hübsche Möglichkeit gegeben, den Besuch des Ministerpräsidenten in Köpenick zu verhindern. Man hätte nur die Alte Försterei mit Regenbogenfahnen ausflaggen müssen. Auf die reagiert Orbán bekanntlich allergisch, bei der EM im Vorjahr sagte er seinen Besuch in München ab, nachdem die Debatte über die Illumination der Arena in den Farben des Regenbogens losgegangen war.

Aber auch dazu hat Zingler sich in jenem vielsagenden Interview mit der »Berliner Zeitung« geäußert: »Und dann sollen wir unser Stadion mit einer Fahne anstrahlen, egal welcher, um Solidarität mit etwas oder jemandem zu bekunden.« Für ihn ist das eben nur »Symbolpolitik«.

Bei seinem Besuch in der deutschen Hauptstadt hatte auch Orbán die »Berliner Zeitung« besucht und sich dort auf einem Podium den höflichen Fragen des Verlegers gestellt. Dabei sagte er: »In Fragen des Nationalstolzes, des Familienkonzepts und der Genderpolitik geht eine Trennungslinie durch Europa.« Auf welcher Seite dieser Grenze Orbán steht, ist klar. Wo der 1. FC Union steht, könnte er ab und an ein bisschen deutlicher machen.

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