Lukas Rilke

Der Fußball und sein Selbstverständnis Bewegungstherapie: Kopfschütteln

Lukas Rilke
Ein Kommentar von Lukas Rilke
Die Bayern fühlen sich »verarscht«, Leipzig spielt in Ungarn, und die DFL tastet sich an Selbstverständlichkeiten heran – eine bittere Wochenbilanz des deutschen Fußballs.
Rummenigge (links) und Hoeneß in Vor-Corona-Zeiten

Rummenigge (links) und Hoeneß in Vor-Corona-Zeiten

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Swen Pförtner/ dpa

Die Tage trist und eintönig, Langeweile und Sorgen um Existenz und Gesundheit, dazu Winterwetter, sodass man das Haus kaum verlassen möchte. Perfekte Bedingungen für den Fußball, um zu glänzen. Eigentlich.

Wenn sonst fast nichts los ist, kann man sich so gut wie jeden Tag Bundesliga- oder Pokalspiele anschauen, dazu internationale Wettbewerbe.

Doch statt sich als Krisenhelfer verdient zu machen, hat der Fußball innerhalb weniger Tage dafür gesorgt, dass man sich zumindest um den eigenen Bewegungsmangel kaum noch Sorgen machen musste: Man kommt aus dem Kopfschütteln kaum noch raus.

Mit dafür verantwortlich war der FC Bayern und seine Reisestrapazen. Hier können Sie die Details des Vorfalls nachlesen, im Kern geht es darum, dass die Münchner etwas zu spät dran waren, um noch am Freitagabend von Berlin aus nach Katar aufzubrechen, und deswegen die Nacht am Flughafen verbringen mussten.

»Ein Skandal ohne Ende« war das für Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge fühlte sich von der Politik »verarscht«, die Verantwortlichen wüssten gar nicht, was sie »der Mannschaft angetan haben«.

Einen Tag nach der Posse um den Bayern-Flieger hat einen RB Leipzig staunen lassen. Der Fall ist anders gelagert, aber er verdeutlicht ebenfalls das Selbstverständnis des Profifußballs.

Dribbling durch die Gesetzeslücke

Die Leipziger stehen im Achtelfinale der Champions League und treffen nun auf Jürgen Klopps FC Liverpool. Ein großes Spiel – für dessen Organisation laut Uefa-Statuten RB als Gastgeber zuständig ist. Liverpool ist allerdings die Einreise aus dem Mutationsgebiet England untersagt, das Gesuch der Leipziger um eine Ausnahmeregelung wurde von der Bundespolizei abgelehnt.

Mutationsgebiet, Bundespolizei – eigentlich keine Begriffe, die dazu einladen, ins Gesetzeslückendribbling zu gehen. Irgendwann gelangen ja auch Hygienekonzepte an ihre Grenze. Die Leipziger haben nun einen von der Uefa gebilligten Weg eingeschlagen: Sie haben das Spiel auf neutralen Platz verlegt, nach Ungarn.

Dort wurde gerade mal wieder der Notstand verlängert, es gelten weiter Auflagen wie Ausgangssperren und Versammlungsverbot. Die Regierung von Viktor Orbán hat zudem Notfallzulassungen für Impfstoffe aus Russland und China herausgegeben. Mit anderen Worten: Von Corona verschont ist Ungarn auch nicht.

Egal, Hauptsache, es findet sich ein Ort, wo gespielt werden darf. Dann schnell wieder weg, es muss ja weitergehen.

Der Fußball hat einen bewährten Weg gefunden, sein Geschäftsmodell am Laufen zu halten und gleichzeitig sein Verantwortungsgefühl vor sich herzutragen.

Für das erste gibt es Regeln, wie die, an die sich die Leipziger jetzt gehalten haben.

Das andere sind Absichtserklärungen, Richtlinien, Konventionen – sprich: schön unverbindliche Vorgaben, die immer dann bemüht werden, wenn es heißt, der Fußball habe jeden Realitätsbezug verloren und gebe eine fürchterliche Vorbildfunktion ab.

So heißt er bei der Uefa in der Präambel zum Plan, wie der Fußball in Corona-Zeiten weitergehen kann : »Die Spieler und alle anderen Beteiligten sollten daran denken, dass ihr Handeln [...] als starkes Symbol für die Millionen von Zuschauern auf der ganzen Welt [dient]. Die Interessenträger im europäischen Fußball haben die kollektive Pflicht, eine Führungsrolle zu übernehmen und bei der rigorosen Anwendung dieser Maßnahmen mit gutem Beispiel voranzugehen.«

Der deutsche Fußball muss sich da nicht verstecken, Doppelmoral kann er auch.

Vergangene Woche hat eine Task Force einen Ergebnisbericht vorgelegt, wie man die Bundesligisten zu mehr »Kostendisziplin« und »gesellschaftlicher Verantwortung« bringen könnte. Eines der Ziele, das für 2030 angestrebt wird, lautet wörtlich: »Bundesliga und 2. Bundesliga schützen und achten die Menschenwürde orientiert an den UN Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte und sorgen für faire Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeitenden einschließlich der Spieler und Trainer*innen.«

Selbstverständlichkeiten werden groß aufgepustet vor sich hergetragen – wenn sie denn überhaupt umgesetzt werden. Denn es handelt sich auch hierbei natürlich nur um Handlungsempfehlungen, die im DFL-Präsidium diskutiert werden sollen.

Abwarten, was von diesen Zielen in zehn Jahren noch übrig ist.

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