Biermanns Ballbehandlung Sperren ist nicht sperren

Für welche Jubelposen gibt es Gelb? Was sind die feinen Unterschiede beim "Sperren ohne Ball"? Christoph Biermann wurde zuletzt mit kniffligen Regelfragen überschüttet. Zusammen mit Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer füllt er die Wissenslücken der Leser.


Moin moin, warum hat eigentlich noch niemand die bescheuerte Regel abgeschafft, dass man für das Trikotausziehen beim Torjubel eine gelbe Karte bekommt? Kann ein Spieler eigentlich die Gelbe Karte umgehen, indem er ein zweites Trikot unter dem seinem Haupttrikot trägt? Und für welche Jubelposen bekommt man eigentlich noch Gelb? Tobias Hilsenbeck

Fürths Stürmer Cidimar: Als er ohne Trikot auf dem Zaun jubelte, sah er Gelb-Rot. Hier blieb es bei Gelb.
DPA

Fürths Stürmer Cidimar: Als er ohne Trikot auf dem Zaun jubelte, sah er Gelb-Rot. Hier blieb es bei Gelb.

Lieber Herr Hilsenbeck, man merkt, dass auch Thorsten Kinhöfer mit der Reglementierung des Torjubels nicht ganz glücklich ist, denn er weist gleich auf einen besonders bizarren Fall hin. In Fürth wurde kürzlich der Torschütze Cidimar zunächst verwarnt, weil er nach seinem Treffer das Trikot ausgezogen hatte. Als er auch noch zum Jubeln auf den Zaun kletterte, sah er Gelb-Rot. "Aber wir Schiedsrichter sind die Polizei und nicht der Gesetzgeber", sagt Kinhöfer. Ansonsten meint er, man solle sich diesen Fragen "mit gesundem Menschenverstand" nähern, ohne aber die Regeln zu verletzen. "Eindeutig verboten bleibt aber das Ausziehen des Trikots, auch wenn man noch eines drunter hat. Das gilt auch für das Hochziehen des Trikots, wobei man das Gesicht bedeckt. Auf den Zaun zu klettern, zieht ebenfalls eine Gelbe Karte nach sich. Weitere unsportliche Jubelszenen, wie das Provozieren von Gegenspielern oder Fans, können ebenfalls Verwarnungen nach sich ziehen."

Guten Tag Herr Biermann, "Sperren ohne Ball" wird dann gepfiffen, wenn ein Spieler, der dem Ball hinterherrennt, an seinem Drang gehindert wird, in dem ein Gegenspieler ihm seinen Körper mehr oder weniger plump in den Weg stellt. An der Grundlinie, wenn ein Ball auf das Aus zurollt, passiert oft genau dasselbe. Der angreifende Spieler versucht den Ball zu bekommen, der Verteidiger stellt seinen Körper dazwischen und blockt so ab, dass der Ball zum Abschlag ins Toraus rollen kann. Warum pfeifen Schiedsrichter das nie? Mit freundlichen Gruß, Stephan Leitner aus Chemnitz.

Guten Tag Herr Leitner, sperren und sperren ist nicht das Gleiche, erklärt Kinhöfer. "In der beschriebenen Situation sperrt der Verteidiger spielend, und dieses Abblocken des Balls ist erlaubt, da der Ball in Spielnähe ist."

Sehr geehrter Herr Biermann, war die Rote Karte für Zidane im Endspiel 2006 regelkonform? Zwei Dinge sprechen meiner Meinung nach dagegen: "Nur" der vierte Offizielle hat den Kopfstoß gesehen, und das auch nicht live, sondern nur auf einem Bildschirm. Außerdem war das Spiel nach dem vom Schiedsrichter-Gespann nicht wahrgenommenem Kopfstoß bereits einmal unterbrochen und wieder fortgesetzt worden, sodass eine persönliche Strafe (Rote Karte) nicht mehr hätte ausgesprochen werden dürfen (lediglich eine Eintragung im Spielbericht über Zidanes Verhalten hätte folgen dürfen). Normalerweise hätte Zidane weiterspielen dürfen und wäre dann aufgrund der Eintragung im Spielbericht für die kommenden Spiele gesperrt gewesen. Meiner Meinung nach hätte Frankreich rein regeltechnisch Einspruch gegen die Wertung des Spiels einlegen können wegen einer regelwidrigen Entscheidung des Schiedsrichters. Liege ich damit richtig? Schon jetzt herzlichen Dank für Ihre Hilfe und viel Spaß beim Beantworten dieser nicht sehr leichten Frage wünscht, Horst G. Kellermann

Lieber Herr Kellermann,
das ist wirklich knifflig. Wir halten es nicht für erwiesen, dass der vierte Offizielle im WM-Finale den Kopfstoß nur am Bildschirm gesehen hat. "Das wäre verboten. In der Bundesliga kann es übrigens nicht passieren, weil in der Nähe der vierten Männer kein Bildschirm ist", erklärt Kinhöfer. Ansonsten sind sie keine schlechteren Zeugen als die drei Referees auf dem Platz. "Sie sollen, wenn sie etwas Entscheidendes wie eine Tätlichkeit sehen, den Assistenten auf seiner Seite des Spielfelds benachrichtigen, der funkt den Schiedsrichter an." Was die Frage der Regelauslegung betrifft, hat sie sich insofern geändert, als dass solch schwere Vergehen auch mit Verzögerung noch geahndet werden dürfen. "Und danach geht es mit Schiedsrichterball weiter", erklärt Thorsten Kinhöfer.

Herzlichen Dank an ihn für seine Erläuterungen der Wunderwelten des Regelwerks.



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