Bilanz der Bundesliga-Hinrunde Zauberlehrlinge und Pfennigfuchser

Ein Torhüter zitiert Goethe, ein Holländer verweigert die Integration, ein BVB-Spieler ist der beste Neueinkauf seit dem Pleistozän - die Bundesliga-Hinrunde hatte Kurioses, Bewundernswertes und Preiswürdiges zu bieten. Christoph Biermann prämiert bemerkenswerte Leistungen und Akteure.

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Es ist nicht nur Weihnachtszeit, es ist auch die Zeit der Jahresrückblicke - und der Preisverleihungen. Überall werden Auszeichnungen für echte oder vermeintliche Leistungen des zu Ende gehenden Jahres vergeben, erst am Sonntag wurden die Sportler des Jahres gekürt. SPIEGEL ONLINE schließt sich der Preisverleihungswelle an und vergibt sie: Die ultimativen Awards der Bundesliga-Hinrunde.

Warren-Buffett-Preis der aufgehenden Sonne

Wie schön es ist, Geld zu verschleudern, das wissen sie in Dortmund. Dort wurde diese Disziplin für die Bundesliga so entschlossen etabliert, dass es den BVB fast dahingerafft hätte. Nun wissen sie bei der Borussia inzwischen aber auch, dass es viel schöner ist, raffinierte Pfennigfuchser zu sein und den Yen lieber zweimal umzudrehen. Also bestaunen sie Shinji Kagawa und sich selbst für den besten Neueinkauf seit dem Pleistozän, denn der Billig-Japaner (350.000 Euro) hat einen Kurssprung gemacht, der selbst Börsen-Guru Warren Buffett vor Freude weinen lassen würde.

Modefoul der Saison

Nachdem der Fashion-Award fürs Wehtun des Gegners in der vergangenen Saison der immer noch gern benutzte Ellenbogenschlag in der Luft war, heißt das große Aua nun: Sohle drüber.

Sonderpreis Gotteslästerung

Zu einem guten Fußballspieler gehört ein starkes Ego, zu einem großen Spieler gehört ein richtig großes Ego. Faryd Mondragon jedoch verfügt über ein geradezu göttliches Ego. Diesen Eindruck musste man jedenfalls auf jener denkwürdigen Pressekonferenz bekommen, auf der der kolumbianische Torwart des 1. FC Köln 20 Minuten lang, ohne Nachfragen zu erlauben, seine Weltsicht darlegte. Eigentlich ging es nur darum, dass er nicht wirklich abgesprochen zu einem Länderspiel in die USA gefahren war und deswegen vom Kölner Trainer auf die Bank verbannt wurde, aber für Mondragon ging es um mehr: "Ich fühle mich, als hätte ich ein Messer im Rücken. Auch Jesus Christus wurde hinterhältig behandelt und verraten." Oh Gott!

Preis für kritischen Journalismus

Am 26. September 2010 hat Rolf Töpperwien vom ZDF zum letzten Mal von einem Bundesligaspiel berichtet. Danach war Leere, denn wer sagt uns jetzt, dass Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer vom SC Constantin Herne kommt? Welcher Reporter schiebt nun derart begeistert seine Nase ins Bild und wird künftig für seine Arbeit mit dem Entenorden des Karnevalsvereins Rote Funken Recklinghausen ausgezeichnet? Wer wird die Idee auch in die nächste Generation tragen, dass die Bundesliga ein großer Kindergeburtstag ist?

Thilo-Sarrazin-Preis für gescheiterte Integration

Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß prangert zu Recht den mangelnden Integrationswillen von Trainer Louis van Gaal an: "Es hat bei uns keinen Sinn, dem Trainer reinzureden - dann macht er genau das Gegenteil."

Sepp-Herberger-Preis für den Trainer der Hinrunde

Wenn man mit einer Mannschaft, deren Personalkosten im letzten Tabellendrittel liegen, auf dem zweiten Platz landet und das nicht nur aufgrund seltsamer kosmischer Glückskonstellationen, sondern durch aufregenden Angriffsfußball, kann die Auszeichnung nur an den Mainzer Trainer Thomas Tuchel gehen.

Goethepreis der Deutschen Fußball Liga

Eigentlich kennen wir HSV-Keeper Frank Rost als dauerschlechtgelaunten Meckerkopp, der sich zum Lachen in den Keller zurückzieht, weil dort seine Märklin-Eisenbahnlandschaft steht. Weil es ihm wohl aber zu langweilig wurde, Züge im Kreis fahren zu lassen, hat er Goethes Ballade vom "Zauberlehrling" gelesen. Das traf sich gut, denn nach der letzten Heimniederlage des Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen konnte er dann raunen: "Bei uns geht es zu wie im Zauberlehrling." Was er damit meinte, weiß bis heute niemand, vermutlich nicht einmal Rost selbst. Oder wie Goethe schon sagte: "Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, verstünden sie auch."

Echte-Freunde-kann-niemand-trennen-Sonderpreis

Entschlossen sind Manager Jörg Schmadtke und Trainer Mirko Slomka in die Saison gegangen, um diese ganzen klebrigen Theorien von freundschaftlich respektvoller Zusammenarbeit in die Tonne zu hauen. Schließlich geht es auch, wenn man sich gegenseitig nicht so toll findet, um es mal vorsichtig zu formulieren: beste Hinrunde in der Geschichte von Hannover 96.

Stephen-William-Hawking-Preis für Fußballmathematik

Gladbachs Verteidiger Tobias Levels stellte nach dem 4:0-Derbysieg beim 1. FC Köln fest: "Auf dem Papier sind das drei Punkte, gefühlt sind es neun." Mit den sechs Punkten aus dem anderen Derbysieg (6:3 in Leverkusen) ist das der gefühlte erste Platz in der Rheinlandliga, die es leider aber nicht gibt. Insgesamt hat die Borussia zehn Punkte, steht am Tabellenende, und man will gar nicht wissen, wie sich das anfühlt.

Sigmund-Freud-Preis

Wäre der VfB Stuttgart ein Mensch, würde man zu einer Therapie raten. Schlimme Hinrunde, tolle Rückrunde, schlimme Hinrunde, tolle Rückrunde, schlimme Hinrunde, klingt nach einer Neurose, die bislang nur mit Trainerwechseln behandelt wird.

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Seite 1
MrCase, 20.12.2010
1. Überraschung
Die Flash-Seite ist wohl falsch verlinkt, mir wird jedenfalls Bayer Leverkusen, gefolgt von Schalke, als Tabellenführer angezeigt (2009/2010 anstatt von 2010/2011).
donfuan, 20.12.2010
2.
"Gladbachs Verteidiger Tobias Levels stellte nach dem 4:0-Derbysieg beim 1. FC Köln fest: "Auf dem Papier sind das drei Punkte, gefühlt sind es neun." Mit den sechs Punkten aus dem anderen Derbysieg (6:3 in Leverkusen) ist das der gefühlte erste Platz in der Rheinlandliga, die es leider aber nicht gibt. Insgesamt hat die Borussia zehn Punkte, steht am Tabellenende, und man will gar nicht wissen, wie sich das anfühlt." Ganz wunderbar Herr Biermann, ganz wunderbar.
un-Diplomat 20.12.2010
3. falsch
Zitat von MrCaseDie Flash-Seite ist wohl falsch verlinkt, mir wird jedenfalls Bayer Leverkusen, gefolgt von Schalke, als Tabellenführer angezeigt (2009/2010 anstatt von 2010/2011).
Dieses Forum gehört nicht zum Biermann-Artikel. Das Biermann-Forum soll wohl nicht weitergeführt werden. Wer es noch nutzen will, auf der Nachrichtenseite (nicht Sport) funktioniert es noch.
zico65 20.12.2010
4. Rheinlandlige
Ich muss dem Schreiber des Artikels leider widersprechen. Es gibt eine Rheinlandliga, es ist die oberste Spielklasse des Fußballverbandes Rheinland, gemeinhin früher als Verbandsliga bezeichnet.
mr-ck 20.12.2010
5. Preis für kritischen Journalismus
Mein Alternativ-Vorschlag da bei weitem unterhaltsamer: Jörg Dallmann vs. Luis van Gaal. Das für mich witzigste Interview-Battle des Jahres.
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