Peter Ahrens

Bilanz der Fußball-EM Europäisches Roulette

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Die großen Themen dieses EM-Turniers waren keine sportlichen – weil die Uefa trotz Pandemie auf ihrem irren Modus beharrte.
Das Wembley-Stadion

Das Wembley-Stadion

Foto: JUSTIN TALLIS / Pool via REUTERS

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Was war diese Fußball-Europameisterschaft? Das ist wahrscheinlich noch nie so schwer zu beantworten gewesen wie bei diesem Turnier.

Sonst ist es recht einfach, eine sportliche Bilanz zu ziehen, nach möglichen fußballerischen Trends zu gucken. Diese EM war anders. Zu viele Dinge haben sich überlagert, und das Sportliche tat sich schwer, die Hauptrolle zu übernehmen.

Um dennoch zunächst darauf zu schauen: Italien und England stehen im Finale, die einen mit viel Emotion und Spielfreude, die anderen eher abgeklärt und sicherlich auch vom Heimvorteil begünstigt.

Es spricht vieles dafür, dass es ein gutes Finale werden kann, es sind zwei Mannschaften, die nicht das Glück oder eine gute Auslosung ins Endspiel geweht hat. Zwei, die von Turnieranfang an zu den Favoriten zählten, haben sich durchgesetzt.

Diese EM – auch im Nachhinein eine irre Idee

Andere, die man weiter vorne erwartet hätten, scheiterten überraschend früh, Weltmeister Frankreich vor allem. Die Elf von Joachim Löw hatte sich auch hohe Ziele gesetzt, die Ansprüche konnte das Team nur in Ansätzen erfüllen. Das Aus im Achtelfinale war folgerichtig.

Die Aufregung über das frühe deutsche Scheitern hielt sich in Grenzen. Es sind andere Themen dieser EM, die die Leute beschäftigt haben, und daran kann man ermessen, wie sehr sich der Fußball verändert hat und der Blick auf den Fußball mit ihm.

Eine EM in einer Pandemie auszurichten, die entscheidenden Matches in London in einem gefüllten Wembley-Stadion auszutragen, dort, wo die Delta-Variante tobt, die Zahlen der infizierten Fans nach dem Besuch des Spiels in Sankt Petersburg – das Turnier ist das Thema Corona, wie zu erwarten war, nicht losgeworden.

An dem Plan festzuhalten, ausgerechnet in Coronazeiten elf verschiedene Länder mit der Veranstaltung zu betrauen, ist auch im Nachhinein eine irre Idee gewesen. Man muss kein Alarmist oder Polemiker sein, um zu sagen: Diese EM hat Menschen in gesundheitliche Gefahr gebracht. Weil es die Uefa partout so wollte.

Herzgeste als eines der Bilder des Turniers

Auch sonst drangen Themen an die Spitze der Aufmerksamkeit, die wenig mit Dreierkette und Umschaltspiel zu tun hatten. Die große Debatte über die Erleuchtung der Arena in Regenbogenfarben vor dem Spiel der Ungarn in München hat tagelang den Fußball überlagert. Es war letztlich eine gute Debatte, denn erst durch die Weigerung der Uefa, dem Ansinnen des Münchner Stadtrats zuzustimmen, hat sich die Diskussion so richtig verbreitet.

Es hat auch den Fußball, die Fußballer zu Stellungnahmen genötigt, die Herz-Geste von Leon Goretzka nach seinem Tor hat all dem die Sahnehaube aufgesetzt. Das Herz gegen den Schwarzen Block der Ungarn-Hools, eines der Bilder dieses Turniers. Es war die Bestleistung eines deutschen Fußballers bei dieser EM.

Ein Gleitflieger von Greenpeace, der in München vor dem Frankreichspiel auf dem Rasen landete und dabei um Haaresbreite an einem Unglück vorbeischrammte, auch das wird in Erinnerung bleiben. Es war ein fast symbolisches Bild, wie sich die Politik ihren Weg aufs Fußballfeld sucht. Das Spielfeld ist kein Platz mehr allein für die Fußballer. Wenn das überhaupt jemals so war.

Vor allem und über allem sind es allerdings die dramatischen Ereignisse um Christian Eriksen gewesen, sein Herzstillstand auf dem Platz im Spiel gegen Finnland am zweiten Tag der EM, die dieses Turnier geprägt haben.

Es ist am Ende zum großen Glück glimpflich ausgegangen, aber gleich zu Beginn stand diese Europameisterschaft auf der Kippe.

Wäre es an jenem Nachmittag anders ausgegangen: Niemand, womöglich nicht einmal die Uefa, hätte sich vorstellen können, dass danach noch weitergespielt worden wäre.

So jedoch wurde sogar am selben Tag in Kopenhagen noch weitergespielt, auch das ist etwas, das dem europäischen Verband wahrlich nicht zur Ehre gereicht.

Die Geschehnisse um Eriksen haben die Geschichte des dänischen Teams beeinflusst, der Weg der Mannschaft bis ins Halbfinale, wo die Elf von Kaspar Hjulmand unglücklich an den Engländern und an einem Elfmeterpfiff scheiterte, die Identifikation im Land mit dieser Elf, die Begeisterung, die Dänemark auch bei Fans in ganz Europa hervorrief, all das wird gerne dann als die Kraft des Fußballs gedeutet.

Es ist jedoch viel eher die Kraft des Menschlichen. Aber auch sie und gerade sie tut dem Fußball gut.

Es war der Lichtblick einer EM, die alles war. Nur nicht ein rein sportliches Fußballturnier.

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