Ein Jahr DFL-Sicherheitspapier Alles bleibt besser

Vor knapp einem Jahr verabschiedeten die 36 deutschen Proficlubs das DFL-Papier "Sicheres Stadionerlebnis". Was hat sich seitdem getan? Ist es tatsächlich ruhiger in den deutschen Fußballarenen geworden? Der Verband zog jetzt in Frankfurt Bilanz.
DFL-Geschäftsführer Rettig: "Diese Vögel werden wir nicht erreichen"

DFL-Geschäftsführer Rettig: "Diese Vögel werden wir nicht erreichen"

Foto: DPA

Es gibt Politiker, die die Hochachtung von Andreas Rettig genießen. Boris Pistorius zum Beispiel. Der Vorsitzende der Bundesinnenministerkonferenz verzichte laut dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) auf Populismus, überzeuge durch "Sachkompetenz". Pistorius unterscheide sich damit von den "Krakeelern" und "Scharfmachern", die Rettig in der Politiker-Zunft eher weniger gut leiden kann.

Namen wollte Rettig nicht nennen. Die Zuhörer seiner Rede während der DFL-Konferenz in Frankfurt am Main durften aber davon ausgehen, dass er damit die jüngsten Forderungen der Bremer SPD meinte, nach denen die Fußballvereine die Kosten der Polizeieinsätze in und um ihre Stadien selbst tragen sollen.

Die DFL hat also erneuten Ärger mit der Politik. Dabei ist es gerade einmal ein Jahr her, dass der deutsche Fußball sich inmitten einer Sicherheitsdebatte befand, in der er das Heft des Handelns zu verlieren drohte. Ruhe kehrte erst ein, als die Vertreter der 36 Proficlubs vor knapp einem Jahr nach langem Hin und Her das DFL-Papier mit dem Titel "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedeten.

96 Prozent der Stadionbesucher fühlen sich sicher

Es dürfte keine Überraschung sein, dass die Bilanz aus Sicht der DFL seither positiv ausfiel. Selbst die Polizei-Statistiken dokumentieren einen Rückgang an physischer Gewalt und decken sich offenbar auch mit dem subjektiven Sicherheitsempfinden der Fans. Rettig zitierte eine selbst in Auftrag gegebene Studie, wonach 96 Prozent der Stadionbesucher mit der Sicherheitslage zufrieden seien, aber nur 68 Prozent der Gesamtbevölkerung die Stadien für sicher halten.

Es ist vielleicht ein ähnliches Phänomen wie in Pflegeheimen: Auch dort berichten Angestellte, dass ihnen Senioren, die seit Jahren das Haus nicht verlassen haben, raten, sich beim Gang vor die Tür zu bewaffnen. Die Welt da draußen sei doch so gefährlich geworden - das hätten sie im Fernsehen gesehen.

Bei der DFL ist man allerdings redlich genug, den Gewaltrückgang nicht gänzlich dem vor einem Jahr verabschiedeten Sicherheitskonzept zuzuschreiben. Denn der Alltag in der Liga hat sich seitdem weder positiv noch negativ wirklich verändert, wie sowohl Fan- als auch Vereinsvertreter hinter vorgehaltener Hand berichten. Noch immer brennen in den Stadien regelmäßig die Pyrofackeln, noch immer kommt es auf An- und Abreisen zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern.

Allerdings hat sich die Atmosphäre zwischen den dialogbereiten Fanvertretern einerseits und DFL und Vereinen andererseits seither deutlich verbessert. Und das dürfte mittelfristig fast wichtiger sein. Der Dialog, kündigte Rettig an, werde fortgeführt, "egal, ob es am Samstag einen Bengalo mehr oder weniger gab".

DFL stellt Mittel zur Finanzierung von Fanprojekten zur Verfügung

Außerdem beteiligt sich die DFL laut Rettig mittlerweile mit drei statt wie bisher mit 1,6 Millionen Euro an der Finanzierung von Fanprojekten und stellt 500.000 Euro zur Verfügung, um beispielsweise Initiativen gegen Rechtsextremismus zu fördern. Wer all das auch als Fingerzeig an die Politiker wertete, dass der Fußball doch bereits freiwillig große finanzielle Lasten schultere, lag wohl nicht falsch.

Allerdings ist auch der Liga-Verband nicht über Nacht zum Hort der Jugendsozialpädagogik geworden. Rettig berichtete vom Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig, bei dem mehrere Reihen vermummter 96-Fans die Polizisten mit Pyrotechnik beschossen und Braunschweiger Fans den Eingangsbereich zum Gästeblock gestürmt hätten. "Die Vögel werden wir nicht erreichen. Da sind wir überfordert und bleiben auf Hilfe Dritter angewiesen."

Das dürfte man bei "Pro Fans" oder "Unsere Kurve" nicht anders sehen. Vertreter der beiden Fanorganisationen lobten zuletzt den Dialog mit der DFL, befürchten aber, dass die Hardliner in der Politik durch solche Fälle wieder Oberwasser bekommen. "Es ist eine ähnliche Situation wie vor einem Jahr", sagt Philipp Markhardt, "die Politik versucht, die Verbände vor sich her zu treiben."

Im Übrigen würden sich die Fans freuen, wenn auch Fälle mutmaßlicher Polizeigewalt - wie jüngst beim Spiel von Union Berlin in Kaiserslautern - aufgeklärt würden, sagt Markhardt: "Ich bin gespannt, ob die DFL das ernsthaft angeht."

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