Prügelnde Fußball-"Fans" in Dortmund Morgens Spießer, abends Schläger

Die Gewaltexzesse in Dortmund waren kein Ausdruck eines vereinsinternen Machtkampfes beim BVB. Schläger und Normalo-Fans prügelten sich in einen Rausch. Schuld an dem Desaster sind viele - die Polizei vor Ort ist es nicht.
Polizeieinsatz in Dortmund

Polizeieinsatz in Dortmund

Foto: Ingo Hahne/ dpa

Gerade einmal drei Tage liegen die Ausschreitungen von Dortmund zurück, und schon läuft die Aufarbeitung wieder nach bekanntem Muster. Oppositionspolitiker fordern Ausschüsse, Gewerkschafter wollen "mehr Polizei". Und auch in den Fanszenen kommen manche Verwirrte aus der Deckung. Der Samstag sei "zu krass" gewesen - aber es habe ja nicht die Falschen getroffen.

Mittendrin propagiert DFB-Präsident Reinhard Grindel den "Aufstand der Anständigen". Ganz so, als seien es vor allem Outlaws und Kriminelle gewesen, die die Leipziger Fans verprügelten. Und nicht auch Hunderte, die sich selbst als hochanständig bezeichnen würden, und die am Montag wieder mit Schlips und Anzug den Hund Gassi führen.

Zur Klarstellung deshalb vorab zwei Selbstverständlichkeiten. Erstens: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, andere Menschen zu verprügeln. Zweitens: Wer Vorschläge macht, wie solche Jagdszenen in Zukunft vermieden werden sollten, sollte diese von seinen eigenen Interessen trennen.

Es ging am Samstag überhaupt nicht um Vereinsinterna

Das gilt auch für die Whistleblower in der Dortmunder Geschäftsstelle, die gerade einen Konflikt zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und der Ultraszene konstruieren. Nein, was am Samstag passierte, hatte nicht das Geringste damit zu tun, dass sich alle drei Dortmunder Ultragruppen gegen Watzke und dessen Kampf gegen rechts verbündet hätten.

Die Ultras begrüßen es vielmehr, dass Neonazis ihre Dauerkarten entzogen bekommen, denn es waren die Ultras, die auf das Treiben der Rechten schon aufmerksam gemacht hatten, als beim BVB in dieser Frage noch die drei Affen die Vereinspolitik bestimmten und man nichts hören, sehen und sagen wollte. Es ging am Samstag nicht um Vereinsinterna. Es ging um den Plan, die Einfahrt des Leipziger Busses zu blockieren. Als der misslang, entstand ein Rausch, für den sich einige BVB-Fan noch heute feiern und sich andere schämen.

Bleibt die Frage, ob das Ganze nicht hätte verhindert werden können. Es ist eine Frage, die für alle Beamtinnen und Beamten zynisch klingen muss, die sich anspucken und treten lassen mussten und die auf dem Stadionvorplatz tatsächlich Schlimmeres verhindert haben. Kritische Fragen müssen sich nicht die Einsatzkräfte vor Ort gefallen lassen. Sondern die, die für die Einsatzplanung verantwortlich sind.

Der starke Hass wurde ignoriert

Hier müssen sich die Polizeiführer - längst nicht nur in Dortmund - fragen lassen, warum sie die Dinge im Vorfeld so oft ganz anders bewerten als es selbst Menschen mit rudimentären Fan-Kenntnissen tun. Die Frage, ob 1000 Red-Bull-Fans, die einem Sonderzug in Stadionnähe entsteigen, von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet werden sollen, würden wohl 99 Prozent der Menschen bejahen, die eine Dauerkarte haben. Die Dortmunder Polizeiführung hat diese Frage verneint. Und das offenbar, weil sie nach einem Schema vorgegangen ist, das der Apparat selbst entworfen hat. Fans werden dort in Kategorien von A bis C eingeteilt.

Aus der Tatsache, dass RB selbst keine gewaltbereiten Fans mitbringt, wurde geschlossen, dass keine Gefahr drohe. Dabei wurde ignoriert, wie stark der Hass bei anderen gegen all das ist, wofür RB in deren Augen steht. Der Hass von B- und C-Fans, aber auch der Hass von Fans, die als absolut friedlich einsortiert werden. Die mit dem Schlips und Anzug, sie heißen übrigens A-Fans. Dass im Vorfeld bei Landes- und Bundespolizei sehr konkrete Warnungen von Fanbetreuern beider Seiten in den Wind geschlagen wurden, macht die Sache noch schlimmer.

Schuld an den Gewaltexzessen ist aber nicht nur die Einsatzleitung der Polizei, auch wenn sich das in einigen Fanforen schon wieder so anhört. Schuld tragen vor allem diejenigen Ultras, die sich am Samstag so verhalten haben, wie sie sich verhalten haben. Und Schuld tragen auch die vielen Hundert "normalen" BVB-Fans, die genau denselben blinden und verstörenden Hass an den Tag gelegt haben.

Man muss RB Leipzig nicht mögen. Aber wer in jedem Fan dieses Vereins nicht zuerst den Menschen sieht, der hat jedes Recht verloren, sich dazu irgendwann noch einmal zu äußern.

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