BVB-Gala gegen Gladbach "Besser geht's kaum"

Der BVB fegt Borussia Mönchengladbach aus dem Stadion und nährt die Hoffnung der Liga: Nach fünf Jahren Langeweile an der Tabellenspitze kann es wieder richtig spannend werden im Rennen um die Meisterschaft.

Aus Dortmund berichtet


Ein paar weniger erfahrene Besucher des Westfalenstadions begannen sich ernsthaft zu sorgen während der Feierlichkeiten nach dem Abpfiff dieses mitreißenden Fußballabends. Ist das hier etwa immer so nach großen Siegen? Oder doch ein Erdbeben? Denn die Betontribünen schwankten beängstigend, während die Menschenmassen hüpften und einen BVB-Klassiker mit so viel Überzeugung grölten wie schon lange nicht mehr: "Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia!"

Er habe "keine Ahnung, was die Fans da singen", sagte Peter Bosz später kokett und lächelte. Natürlich will der Trainer noch nichts wissen von solchen Träumereien. "Er trichtert uns ein, dass wir von Spiel zu Spiel denken", berichtete Julian Weigl.

Niemand mochte über längerfristige Perspektiven sprechen. Aber das Fundament für eine große Saison haben sie schon mal gelegt, und so langsam hat die souveräne Tabellenführung auch eine gewisse Aussagekraft. Denn im Moment gibt es einfach kein Team in der Bundesliga, das derart überzeugend spielt.

Mit 6:1 hatten die Dortmunder Borussia Mönchengladbach aus dem Stadion gefegt und dabei lauter unglaubliche Zahlen produziert. Noch nie ist der BVB besser in eine Saison gestartet, nie hat der Klub 19 Treffer in den ersten sechs Partien erzielt, das Torverhältnis ist doppelt so gut wie das der Bayern. Außerdem steuerte Pierre-Emerick Aubameyang drei Tore, eine Vorlage und drei Pfostentreffer zu diesem Fußballfest bei, und Weigl erzielte sein erstes Bundesligator überhaupt - vor der berühmten Süd, "das habe ich mir immer gewünscht, es ist traumhaft", sagte der Nationalspieler, dessen Rückkehr nach langer Verletzung das Spiel des BVB noch ein Stück schneller macht.

Die Wirren der Vorsaison scheinen überwunden

Vor allem aber bleibt von diesem Abend ganz unabhängig von der Tabellenführung ein zuckersüßes Gefühl: Die Wirren der Vorsaison mit den Konflikten um den entlassenen Trainer Thomas Tuchel und dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus sind überwunden, der bittere Beigeschmack den die Erfolge der ersten Jahreshälfte immer hatten, ist verschwunden. Und der Bosz-Fußball entwickelt sich.

Immer häufiger finden die Dortmunder Räume für kunstvolle Steilpässe, "für uns ist wirklich wichtig, dass unser System funktioniert, wir sehen, dass wir vorne unheimlich gefährlich sind", sagte Weigl. Schon unter Jürgen Klopp und unter Tuchel waren die Dortmunder Heimspiele oftmals aufregend und spektakulär, Boszs noch riskanterer Spielansatz bietet in Verbindung mit diesen hochbegabten Fußballern ebenfalls beste Voraussetzungen für richtig wilde Fußballabenteuer. Wobei die Philosophie dieses Trainers auch eine dunkle Seite hat.

"Wir hätten heute auch fünf Tore schießen können", sagte der ernüchterte Gladbacher Trainer Dieter Hecking, und das war keine Übertreibung. Der Vorwärtsverteidigungsfußball des neuen BVB macht die Mannschaft konteranfällig. Vier, fünf mal liefen die Gladbacher alleine auf das Dortmunder Tor zu, "das hätte Real Madrid anders bestraft, das muss man ganz klar sagen", räumte Sportdirektor Michael Zorc in Anspielung auf den Champions-League-Besuch der Spanier am Dienstag ein.

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Wenn die alte Weisheit, dass die Offensive zwar Siege erringen könne, Titel aber von der Defensive gewonnen werden, dann ist dieser BVB vielleicht doch kein Meisterschaftskandidat. Und Bosz ist ein Trainer, der noch nichts gewonnen hat. In Holland begeisterte er im vorigen Jahr mit Ajax Amsterdam die Fußballnation, wurde aber nur Zweiter in der Liga und verlor das Europa League-Finale. Zufall? Es wird spannend sein, ob dieses Team variabel genug ist, das Risiko in Partien gegen wirklich hochklassige Gegner anzupassen. Wobei dieser neue BVB zumindest personell äußerst flexibel ist.

Fünf Spieler hatte Bosz gegenüber dem 3:0 in Hamburg ausgetauscht, das Dreiermittelfeld ersetzte er komplett: Statt Nuri Sahin, Shinji Kagawa und Gonzalo Castro spielten Weigl, der sehr starke Mahmoud Dahoud und Mario Götze - ohne Qualitätsverlust. Und im Angriff saß der zuletzt so gefeierte Andrej Yarmolenko 90 Minuten lang auf der Bank, dafür verzauberte Maximilian Philipp das Publikum mit wunderschönen Toren zum 1:0, zum 2:0 und lieferte eine brillante Vorarbeit zum 3:0.

"Die Qualität in der Mannschaft ist sehr hoch, deshalb können wir rotieren, und man sieht, dass es dann keinen Leistungseinbruch gibt", erklärte Jeremy Toljan, der ebenfalls neu ins Team gerückt war. Der Neuzugang aus Hoffenheim war ganz gerührt angesichts der Wucht der Emotionen, die im Verlauf dieser hinreißenden Fußballshow entstanden waren. "Wahnsinn! Abendspiel! 6:1-Sieg gegen einen guten Gegner. Besser geht's kaum." Real kann kommen.

Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 6:1 (3:0)
1:0 Philipp (28.)
2:0 Philipp (38.)
3:0 Aubameyang (45.)
4:0 Aubameyang (49.)
5:0 Aubameyang (62.)
5:1 Stindl (66.)
6:1 Weigl (79.)
Dortmund: Bürki - Piszczek (69. Zagadou), Sokratis (83. Bartra), Toprak, Toljan - Weigl - Mario Götze, Dahoud - Pulisic (63. Pulisic), Aubameyang, Philipp.
Mönchengladbach: Sippel - Elvedi, Ginter, Vestergaard, Wendt - Kramer (75. Hofmann), Zakaria - Hazard, Johnson (72. Herrmann) - Stindl, Raffael (61. Cuisance). Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: Zuschauer: 81.360
Gelbe Karten: - / Elvedi



insgesamt 25 Beiträge
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anders_denker 24.09.2017
1. Die schwäche von Bayern
ist es wohl eher, die die Meisterschaft spannend machen könnte. Oder langweilig, wenn sie anhält! In Hamburg würde man jedenfalls beginnen laut über einen neuen Trainer nachzudenken. Also Bayern!
Bueckstueck 24.09.2017
2. Hmmm
Vor nicht ganz zwei Wochen habt ihr noch gehadert weil sie in der CL gegen einen durchschnittlichen Gegner unter die Räder gekommen sind - und da war der Trainer schon angezählt. Jetzt ist alles wieder anders. Und am Ende heisst der Meister dann doch Bayern?
hardeenetwork 24.09.2017
3. BVB Deutscher Meister?
Ein schöner Gedanke. Hoffen wir mal das er wahr wird.
realpress 24.09.2017
4. Wäre schon traurig
wenn Bosz nur in Noord- oder in Zuid-Holland begeistert hätte. Gruss aus Amsterdam
DerDifferenzierteBlick 24.09.2017
5. Einspruch
1. Wenn der BVB weiterhin solche Ergebnisse holt, dann wird die Meisterschaft gerade nicht spannend... 2. Allerdings kann noch sehr viel passieren. 6 Spieltage sind überhaupt nichts. Ich erinnere da nur an Gladbach, die vor 2 Jahren die ersten 5 Spiele verloren haben und am Ende mit 55 Punkten noch in die CL kamen. 3. Auch der Unterschied zu den Bayern ist nicht so groß: Tatsächlich haben BVB und FCB in dieser Saison gleich viele Punkte geholt - wenn man alle Wettbewerbe beachtet. Und auch das Torverhältnis ist nicht so unterschiedlich.
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