BVB-Rückspiel in Paris Der Preis des Erfolges

Zieht der BVB gegen PSG ins Viertelfinale der Champions League ein, hat sich die ökonomischere Transferstrategie durchgesetzt. Doch die Personalkosten in Dortmund steigen - und damit der Erfolgsdruck.
Winter-Zugang Emre Can (l.) und Axel Witsel

Winter-Zugang Emre Can (l.) und Axel Witsel

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DAVID HECKER/EPA-EFE/REX

Mario Götze ist bei Borussia Dortmund seit Wochen außen vor. Es läuft auf einen stillen Abschied hinaus. Der Vertrag ist nur noch bis zum 30. Juni gültig. Für das Spiel des BVB bei Paris Saint-Germain am Abend (21 Uhr Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky) könnte er allerdings dank seiner Erfahrung etwas beitragen. Götze war dabei, als der FC Bayern im September 2014 ein Spiel ohne Zuschauer in der Champions League austrug. Damals waren es rassistische Ausfälle der Fans von ZSKA Moskau, die zum Zuschauerausschluss führten. Nun ist es das Coronavirus, dass die Sitze im Pariser Prinzenpark frei bleiben lässt.

Wie das in der französischen Hauptstadt und dann auch im Derby am Samstag gegen den FC Schalke 04 werden wird, kann niemand genau vorhersagen, auch Götze nicht. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Ersatzbank sitzen, wenn der BVB eines seiner wichtigsten Spiele der vergangenen Jahre bestreitet. Gegen das vom ehemaligen Trainer Thomas Tuchel angeleitete PSG nach dem knappen 2:1-Sieg im Hinspiel ins Viertelfinale vorzudringen, wäre aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen ein großer Erfolg.

Mit Sancho und Zagadou gegen Neymar und Mbappé

Es wäre auch eine Bestätigung, mit einem anderen Weg als der Gegner zum engsten Kreis der europäischen Elite gehören zu können. Ángel Di María, Edinson Cavani und Neymar zu verpflichten, war eine Frage des Geldes, genau wie bei Kylian Mbappé. Der war zwar erst 17 Jahre alt, als ihn PSG von der AS Monaco holte, Mbappé hatte aber schon einem Millionenpublikum gezeigt, über welch herausragende Fähigkeiten er verfügt.

In abgestufter Form gilt das auf Dortmunder Seite für Erling Haaland. Der 19 Jahre alte Norweger, der beide Tore im Hinspiel erzielte, hatte in der Gruppenphase schon achtmal für RB Salzburg getroffen und damit viele andere Vereine aufgeschreckt. Einer dieser typischen BVB-Transfers wäre Haaland gewesen, wenn er schon mindestens ein halbes Jahr eher in Westfalen gelandet wäre.

Ein Transfer etwa wie Jadon Sancho, der für die Profis von Manchester City noch kein Spiel bestritten hatte, bevor er zum BVB wechselte. Ousmane Dembélé gehört in diese Kategorie, auch Pierre-Emerick Aubameyang, selbst wenn er bei der Verpflichtung schon 24 Jahre alt war. Beide kamen von mittelmäßigen französischen Klubs. Dan-Axel Zagadou wurde zwar von Paris Saint-Germain verpflichtet, aber aus der zweiten Mannschaft. Der Innenverteidiger ist einer, der ein Vielfaches von dem an Ablöse bringen dürfte, die er kostete - genau wie Sancho.

Neue Transferstrategie in drohender Insolvenz

In den vergangenen zehn Geschäftsjahren überstiegen die Transfereinnahmen des börsennotierten Fußballunternehmens aus Dortmund fünf Mal die Ausgaben. Bei den Konkurrenten FC Bayern und RB Leipzig war das nur je einmal der Fall. Der Transfersaldo des BVB für diesen Zeitraum ist nach Berechnungen des Portals "transfermarkt.de" mit 106 Millionen Euro positiv . Die Bayern gaben etwa 328 Millionen Euro mehr aus als sie einnahmen. Sogar bei den Leipzigern, die erst seit der Saison 2016/2017 in der Bundesliga spielen, ist der Saldo mit etwa 188 Millionen Euro deutlich negativ.

Die Strategie, Talente mit hohem Entwicklungspotenzial und der Aussicht auf eine deutliche Steigerung des Marktwerts früh zu entdecken, wurde in Dortmund aus der finanziellen Not im Zuge der drohenden Insolvenz 2005 heraus geboren. Im Jahr 2010 soll selbst die Ausbildungsentschädigung von etwa 350.000 Euro für Shinji Kagawa noch eine Investition gewesen sein, über die länger nachgedacht wurde.

Im selben Sommer wurde Robert Lewandowski für knapp fünf Millionen Euro von Lech Posen verpflichtet, Mario Götze stieß aus der Jugend zur Profimannschaft. Sie wurden unter Jürgen Klopp zu Topspielern entwickelt. Der Trainer war der wichtigste Faktor in der Strategie des Ausbildungsvereins, die allerdings schon unter ihm und auch in den Jahren danach teilweise scheiterte.

Alexander Isak (r.) überzeugt bei Real Sociedad San Sebastian

Alexander Isak (r.) überzeugt bei Real Sociedad San Sebastian

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VINCENT WEST/ REUTERS

Emre Mor, Leonardo Bittencourt, Sergio Gomez, Mikel Merino und Alexander Isak sind Namen, bei denen es nicht aufging. Merino und Isak zeigen jedoch aktuell bei Real Sociedad in San Sebastián, dass der BVB vielleicht zu wenig Geduld hatte. Eine Ungeduld, die möglicherweise viel Geld kostet und auf eine Abkehr des Weges hindeutet.

Mats Hummels, Axel Witsel und nun Emre Can sind Transfers, die auch bei den Gehältern teuer sind. Der kürzlich veröffentlichte Halbjahresbericht zeigt an, dass es beim BVB - zumal nach den Verpflichtungen von Haaland und Can im Winter - auf Gehaltskosten von deutlich mehr als 200 Millionen Euro hinausläuft. Das birgt Gefahren. Je weniger Spieler mit hohem Marktentwicklungspotenzial im Kader sind, desto größer der wirtschaftliche Druck, jedes Jahr in die Champions League kommen zu müssen. Und dort dann mindestens das Achtelfinale erreichen zu müssen. Der BVB befindet sich in Sachen Transfers auf einem schmalen Grat.

Denn ob Giovanni Reyna mal so wertvoll wird wie Sancho, ob Youssoufa Moukoko bei den Profis auch so treffen wird wie derzeit in der U19 - das ist fraglich. Ob der 16 Jahre alte Jude Bellingham, bei dem der BVB nach SPIEGEL-Informationen gute Chancen auf eine Verpflichtung hat, in der Bundesliga mal so prägend im Mittelfeld sein könnte wie aktuell bei Birmingham City in der zweiten englischen Liga - auch das ist fraglich. Er wäre nach alter Lesart aber sicher ein typischer Transfer des BVB.

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