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BVB nach Champions-League-Spiel "Wir wurden wie Tiere behandelt, nicht wie Menschen"

Der Ärger bei den Spielern von Borussia Dortmund darüber, dass sie schon einen Tag nach dem Sprengstoffanschlag wieder spielen mussten, war groß. Trainer Tuchel kritisierte die Uefa heftig. Doch die widerspricht.

Es ist alles anders gewesen an diesem Tag. Statt die letzten Stunden vor dem Spiel im Mannschaftshotel zu verbringen, war Marcel Schmelzer zu Hause. Ihm sei von der Familie geraten worden, sich die Erklärung der Bundesanwaltschaft gar nicht anzuschauen. "Aber du willst ja wissen, was passiert ist. Ich glaube, es würde es uns noch einen Tick einfacher machen, das zu verarbeiten, wenn wir wüssten, wer dahinter steckt", sagte der Kapitän des BVB. Nachdem er dann von dem Metallstift gehört hatte, der sich in eine Kopflehne des Mannschaftsbusses gebohrt hatte, war ihm mehr als zuvor bewusst: "Wir haben unfassbar Glück gehabt. Das wissen wir alle."

Schmelzer fand, dass Borussia Dortmund das Beste aus der Situation gemacht habe, auch wenn das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League 2:3 gegen AS Monaco verloren ging.

In jedem Satz klang mit, dass der Kapitän und seine Kollegen den Schock des Vortags viel lieber auf andere Weise verarbeitet hätten als auf dem Fußballplatz. "Wir hätten uns sehr, sehr, sehr darüber gefreut, wenn es an einem anderen Tag hätte stattfinden können", sagte Schmelzer, "bei aller Größe des Wettbewerbs: Wir sind alle Menschen."

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Dortmunds Niederlage gegen Monaco: Gut gespielt, knapp verloren

Foto: Dean Mouhtaropoulos/ Bongarts/Getty Images

Sokratis, der beinharte Verteidiger, der sich nach dem Spiel mit Tränen in den Augen bei den Fans für die Unterstützung bedankte, sagte: "Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen."

Nuri Sahin sagte in einem Interview mit dem norwegischen Fernsehen: "Ich weiß nicht, ob das die Leute verstehen können, aber bis ich in der zweiten Halbzeit auf dem Platz war, habe ich nicht an Fußball gedacht." Sahin war in der Pause eingewechselt worden. "Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist. Und ich weiß, dass wir sehr viel Geld verdienen, ein privilegiertes Leben haben. Aber wir sind auch nur Menschen und es gibt sehr viel mehr als Fußball auf dieser Welt. Das haben wir vergangene Nacht gefühlt."

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Der Ärger in der Mannschaft über den angeblich alternativlosen Nachholtermin war groß, Trainer Thomas Tuchel schlug in dieselbe Kerbe. Per SMS sei er über die Ansetzung informiert worden. Niemand habe ihn oder einen Spieler gefragt: "Wir hatten das Gefühl, behandelt zu werden, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen." Es war allerdings ein Anschlag auf das Leben von Menschen, die dann schon am nächsten Tag wieder zu spüren bekamen: "Wir haben zu funktionieren."

Er selbst hatte ein "Gefühl der Ohnmacht", weil er überhaupt keinen Einfluss nehmen konnte auf einen neuen Termin. Tuchel stellte es so dar, als habe die Uefa "in den Büros in der Schweiz" eine einsame Entscheidung getroffen. Er hätte sich "einfach ein paar Tage mehr Zeit" für die Mannschaft gewünscht.

Der europäische Fußballverband wies die Vorwürfe am Mittwoch zurück. Beide Vereine hätten zugestimmt, die Partie schon 22 Stunden nach dem zunächst geplanten Anstoß nachzuholen. Diese Version war schon am Tag zuvor bei der eilig einberufenen Pressekonferenz im Dortmunder Polizeipräsidium bekanntgeworden und von allen Teilnehmern bestätigt worden, auch vom Verein.

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BVB-Präsident Reinhard Rauball war auch schnell der Meinung gewesen, dass die Mannschaft es schaffen werde, die Ereignisse rasch zu verdrängen. "Das sind Profis. Da bin ich der Auffassung, dass sie das wegstecken können", sagte Rauball. Vermutlich kam auch er zu dem Urteil, ohne mit den Spielern gesprochen zu haben. Es gibt zumindest keinerlei Hinweise darauf, dass die Vereins- und die Geschäftsführung über die großen Bedenken von Trainer und Spielern Bescheid wussten.

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte am Mittwochmorgen die Mannschaft auf dem Trainingsgelände besucht. Über die Inhalte berichtete der Klub später auf seiner Homepage. "Ich habe gerade in der Kabine an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken", wurde Watzke zitiert, "wir spielen heute nicht nur für uns. Wir spielen für alle. Egal ob Borusse, Bayer oder Schalker."

Das war deutlich zu viel der Last für die jungen und sehr jungen Männer, denen gar nicht nach Fußball war. Schmelzer sagte: "Obwohl du dich aufs Spiel vorbereiten willst, redest du trotzdem nur über dieses eine Thema."

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