BVB-Saisonstart Dortmunds Schwäche hat System

Borussia Dortmund erarbeitet sich nur wenige Torchancen. Das liegt an Lucien Favres Spielsystem - und an der Formschwäche von Mario Götze und Shinji Kagawa. Hoffnung macht ein Talent.
Von Tobias Escher
Shinji Kagawa

Shinji Kagawa

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

55 Minuten dauerte es, ehe Christian Pulisic sich gegen 1899 Hoffenheim ein Herz fasste. Als er den Ball auf Höhe des Mittelkreises erhielt, sprintete er einfach los. Sein plötzlicher Antritt überrumpelte seinen direkten Gegenspieler, einen weiteren Verteidiger düpierte er mit einer Körpertäuschung. Kurz vor der Grundlinie hob der Amerikaner den Kopf, sah den völlig frei stehenden Shinji Kagawa im Strafraum. Doch der Japaner vergab die Großchance.

Diese Szene ist ein Fingerzeig für die herausragende Klasse des 20-jährigen Pulisic. Beim 1:0-Sieg in der Champions League gegen den FC Brügge sowie beim 1:1 gegen die TSG Hoffenheim blieb er einziger Dortmunder Torschütze. Er ragt derzeit aus der Mannschaft heraus (SPIX gegen Hoffenheim: 90,5).

Gleichzeitig steht diese Szene symptomatisch für den Dortmunder Saisonstart. Erschreckend: Kagawas Versuch nach knapp einer Stunde war der erste Dortmunder Schuss Richtung Hoffenheimer Tor. Zugrunde lag keine Kombination über mehrere Stationen, sondern eine Einzelleistung. Chancen aus dem Spiel? Mangelware bei Borussia Dortmund.

Dortmunds schwache Offensive hat System. Der neue Trainer Lucien Favre legt den Schwerpunkt auf die Sicherung des eigenen Tors. Gerade auswärts steht Dortmund im Ballbesitz eher tief. Im Mittelfeld setzt Favre auf Abräumer. Mahmoud Dahoud und Axel Witsel sollen vor allem Bälle gewinnen. Sie leiten zwar auch das eigene Ballbesitzspiel aus der Tiefe ein, halten sich aber selbst mit Vorstößen zurück. Häufig befinden sich nur die drei Stürmer des 4-3-3-Systems vor dem Ball. Witsel und Dahoud haben keine Anspielstationen in der Tiefe.

Dortmunds Hoffnungen in diesem Bereich ruhten auf Mario Götze und Shinji Kagawa. Götze kam gegen Brügge zum Einsatz, gegen Hoffenheim bekam Kagawa seine Chance. Sie sollten sich zwischen den Linien anbieten und von dort aus Chancen einleiten. Beide ließen sich jedoch weit fallen. Waren sie doch einmal in der Offensive zu finden, verloren sie den Ball.

Insofern war Kagawas vergebene Chance auf eine weitere Art symptomatisch: Das offensive Mittelfeld ist im Moment die Dortmunder Schwachstelle. Abseits seines Fehlschusses war Kagawa an keiner einzigen Dortmunder Chance beteiligt (SPIX: katastrophale 2,8.). Götze hatte gegen Brügge kaum besser gespielt.

Die Dortmunder Angreifer können einem angesichts der fehlenden Unterstützung fast leidtun. Die Rolle des einsamen Dribblers füllt Pulisic derzeit noch am besten. Marco Reus hingegen gelang gegen Hoffenheim kein einziges Dribbling (SPIX im Bereich Dribbling: 0,7). Marius Wolf wiederum fehlte in der ungewohnten Rolle als einziger Stürmer jegliche Bindung zum Spiel (SPIX: 2,9).

Es passt ins Bild, dass Dortmunds Offensive gegen Hoffenheim erst mit der Einwechslung von Jadon Sancho Fahrt aufnahm. Der schnelle Flügelspieler kann mit seinen Dribblings für die genialen Momente sorgen, die Dortmund angesichts der spielerischen Schwächen zur Einleitung von Chancen benötigt. Mit ihm auf dem Feld erspielte sich Dortmund ein Chancenübergewicht. Das spiegelt sich auch in seinem höheren SPIX für die Teamleistung wieder. Diese berücksichtigt nur die Zeit, in der ein Spieler auf dem Platz stand.

Hoffnung macht vor Dortmunds Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (Mittwoch, 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE / TV: Sky) die Statistik: Während Dortmund in vier Auswärtspflichtspielen gerade einmal vier Tore gelangen, waren es zu Hause in zwei Spielen bereits sieben. Mit der Südtribüne im Rücken trauen sich die Außenverteidiger und die Achter mehr Vorstöße, wenn auch Dortmund noch immer stark auf defensive Stabilität bedacht ist. Und falls selbst diese Vorstöße nicht gegen den Aufsteiger helfen: Im Zweifel haben sie ja noch Pulisic.

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