Borussia Dortmund in der Bundesliga An der Schmerzgrenze

Was spricht im Titelkampf noch für Borussia Dortmund? Bayerns höhere Belastung. Die gute Form von Mario Götze. Der "fighting spirit" der Spieler. Wahr ist aber auch: Momentan wirkt der BVB wie ein ausgelaugter Marathonläufer.

Jadon Sancho
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Jadon Sancho

Von , Dortmund


Den einen deutschen Nationalspieler, den Borussia Dortmund aktuell hat, lässt ihnen Joachim Löw. Auch wenn Marco Reus vier Monate älter ist als Bayern Münchens Thomas Müller, dürfte der Kapitän des BVB für die kommenden beiden Länderspiele gegen Serbien und die Niederlande berufen werden. Eventuell schafft es ja auch Mario Götze zurück in die Gunst des Bundestrainers. Der Weltmeister zeigte beim 3:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart erneut, dass ihm das Mittelfeld deutlich besser liegt als der zentrale Angriff.

Aber die Frage, ob Götze wieder Nationalspieler wird, fehlt derzeit ganz gewiss auf der Agenda des BVB, vermutlich auch auf der des DFB. Die gute Form des 26-Jährigen ist eines der wenigen Argumente, die der entthronte Tabellenführer der Bundesliga im Kampf um die deutsche Meisterschaft derzeit hat.

Dortmund versucht, Schritt zu halten mit den Bayern, die durch die Bundesliga rauschen und nun die Führung übernommen haben. Der BVB wirkte gegen den VfB wie ein ausgelaugter Marathonläufer, der bei Kilometer 35 den Anschluss zu verlieren droht, sich aber mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Fersen des Führenden heftet und dort auch bei Kilometer 36 noch zu finden ist. Jeder ahnt jedoch, wie es im Ziel aussehen wird.

"Wir sehen, dass wir uns die Dinge hart erarbeiten müssen. Wir kriegen nichts geschenkt", sagte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, nach dem Kraftakt gegen den Abstiegskandidaten.

Paco Alcácer hätte es leichter machen und vor allem aussehen lassen können. Sein eleganter Lupfer zum möglichen 2:0 blieb jedoch an der Hand von Stuttgarts Torwart Ron-Robert Zieler hängen. Stattdessen traf der Spanier mit einem Schuss, der technisch nach unterklassigem Fußball aussah, von Trainer Lucien Favre daher umso höher bewertet wurde: "Das ist ein Tor von einem Stürmer."

Alcácer hat nun, genau wie Marco Reus, 14 Saisontore zu Buche stehen. Nur zwei davon erzielte er jedoch in der Rückrunde. Wenn der Gegner dem BVB freiwillig den Ball überlässt und das Zentrum verdichtet, wie es der VfB mit drei Mittelfeldspielern vor drei Innenverteidigern machte, büßt Alcácer viel von seiner Qualität ein. Ein Blick auf das Restprogramm mit Spielen gegen Hertha BSC, Mainz 05, Freiburg und Düsseldorf zeigt, dass den Dortmundern dieses Schicksal noch häufiger droht.

Alcácer ist jedoch der einzige Spieler im Kader des BVB, der im zentralen Angriff seine Bestimmung sieht und findet. Wie zu hören ist, möchten die Dortmunder das Problem der Quantität im Sommer angehen und einen größeren, robusteren Stürmer verpflichten.

Transfers sind aber auch nur am Rand ein Thema bei der Borussia. Die bestimmende Frage bleibt, wie der BVB mit den Bayern Schritt halten will, bevor es am 6. April zum direkten Vergleich in München kommt. "Wir sind immer noch im Rennen", sagte Axel Witsel passend zum Bild des Marathonlaufs. Der Mittelfeldspieler leistete sich gegen Stuttgart einige Schlampereien, bevor er in der Nachspielzeit mit letzter Energie in den Strafraum zog und das 3:1 durch Christian Pulisic vorbereitete.

Witsel lobte den "fighting spirit" in seiner Mannschaft, die schon länger vergeblich nach Lösungen sucht, die eleganter und einfacher aussehen. "Es war lange sehr zäh", sagte auch Kehl: "Aber es war heute einfach enorm wichtig, die drei Punkte zu holen, damit wir ein bisschen Ruhe reinkriegen." Immerhin: Die Dortmunder Spieler ließen sich vom zwischenzeitlichen Ausgleich durch Marc-Oliver Kempf nicht irritieren, spielten weiter auf Sieg und wurden für ihre Einstellung belohnt.

Acht Pflichtspiele zuvor mit nur einem Sieg bei gleichzeitig heranrauschenden Bayern nährten die Zweifel, dass der BVB Meister werden kann. Dass er es werden will, sprach Kehl nun deutlich aus: "Ich will maximalen Erfolg." Das hörte man in den vergangenen Monaten nicht so häufig in Dortmund. In der Rolle des Jägers legt der BVB das Von-Spiel-zu-Spiel-denken-Mantra ab.

Im Gegensatz zu den Münchnern bleibt den Dortmundern nur ein Wettbewerb, um den maximalen Erfolg zu erreichen. Die zusätzlichen Rennen der Bayern sind einer der wenigen Punkte, die zur Abwechslung mal wieder für einen anderen Deutschen Meister sprechen. Ein weiterer ist, dass Prognosen über einen Zeitraum von mehreren Monaten schwierig sind. Wenn die Dortmunder sich am Mittwoch aus dem Sessel anschauen, wie der FC Bayern gegen den FC Liverpool um das Viertelfinale in der Champions League spielt, werden sie sich daran erinnern, dass den Münchnern bei der Auslosung das Aus so sicher prophezeit wurde wie nun die siebte Meisterschaft hintereinander.



insgesamt 52 Beiträge
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Levator 10.03.2019
1. Ausgelaugt
Dieser Begriff trifft die Dortmunder Situation mittig ins Schwarze. Der BVB läuft nur noch auf drei Zylinder der Zielgeraden entgegen weil die Verantwortlichen die Mannschaft nach der Vorrunde überschätzt haben. Eigentlich hätte dieser Personenkreis aufgrund von Erfahrungswerten wissen müssen, dass kein Team 34 Spiele lang Vollgas geben kann. Die Reaktionen der Mannschaft und eine gleichzeitige Botschaft an die Verantwortlichen war das Ausscheiden im Pokal und in der Champions League. Sozusagen ein Hilferuf, dass nichts mehr geht.
doppelnass 10.03.2019
2. Kann nicht sein
Also, der beste und allwissendste Experte hier im Forum, Oihme, hat vor Monaten gesagt, die Bayern verlieren immer in der zweiten Halbzeit, da sie zu alt sind und keine Kraft mehr haben. Und da Oihme und seine Nicks immer recht haben, kann dieser Artikel nicht stimmen.
vhn 10.03.2019
3. Daumen drücken
Da hofft man doch mal, dass die Borussen Fans am Mittwoch den Bayern die Daumen drücken. Denn wenn die aus der CL fliegen, wird's garantiert nix mit der Meisterschaft für schwarz gelb.
Turbo 10.03.2019
4. Trifft es ganz gut
Ausgelaugt trifft es ganz gut. Und wenn sich Gonzales bei dem Konter und Rempler im Strafraum fallen lässt (was vermutlich 90% der Spieler machen würden) und es nach 20 Minuten Elfmeter Stuttgart gibt, läuft das Spiel vermutlich anders. Manchmal muss man Spielglück eben auf diese Weise erzwingen können. Was für die Mannschaft spricht ist ganz offensichtlich Reus. Nicht nur sein Auftreten auf dem Platz, auch seine Interviews und Aussagen nach dem Spiel stehen doch in starkem (positiven) Kontrast zu einem gewissen Vakuum im Rest des Kaders. Sollte es der BVB wirklich schaffen, den Titel zu holen, dürfte sich Reus in der Tat ein kleines Denkmal setzen.
Oihme 10.03.2019
5. Naja, ...
... man kann sicherlich darüber streiten, ob die Formkurve des BVB nach dem "schlimmen Februar" weiter nach unten oder nicht inzwischen doch wieder nach oben zeigt. Hinweise für Letzteres wäre bei sachlicher Betrachtung auch zu finden gewesen, nicht nur Götze kommt immer besser ins Rollen, auch Sancho scheint seinen zwischenzeitlichen Durchhänger überwunden zu haben. Die zum Rückrundenbeginn verletzten Spieler wie Reus und Akanji kämpfen sich offenbar ebenfalls in die alte Form zurück. Um auf das Bild vom Marathonlauf zurückzukehren, dann ist es genauso wahrscheinlich, dass jetzt den Bayern nach ihrer anstrengenden Aufholjagd der letzten Wochen die letzten Körner fehlen könnten. Auch das 6:0 täuscht ja nicht darüber hinweg, dass auch viele der Bayernsiege der letzten Zeit äußerst mühsam zustandekamen.
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