Fotostrecke

Mario Götze: Wunderkind, WM-Held, Bankdrücker

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Analyse zum BVB-Star Abschied vom Dribbler - Götzes Wandel

Einst galt er als kommender Weltstar, doch Mario Götze ringt seit Jahren um seine Top-Form. Zahlen belegen, wie sehr er sich verändert hat. Ist er deshalb auch ein schlechterer Fußballer?

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert." "Oh!" sagte Herr K. und erbleichte.

"Das Wiedersehen" ist eine der bekanntesten Parabeln Bertolt Brechts; der Mann, der mit Bestürzung darauf reagiert, dass er sich nicht entwickelt zu haben scheint, gehört in vielen Schulen zum Pflichtprogramm im Deutschunterricht.

Mario Götze, 24, hat kurz vor dem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub Bayern München am Samstag (18.30 Uhr, TV: Sky; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Interview gegeben, das manchen Leser an Herrn K. erinnerte. "In München", wird der Profi von Borussia Dortmund in der "Sport Bild" zitiert, "habe ich viel dazugelernt", er sei "gereift und habe auch aus Rückschlägen gelernt". Und: "Jeder Fußballer entwickelt sich weiter. Den alten Mario Götze wird es nicht mehr geben."

Video: Götzes Suche nach der Leichtigkeit

kicker.tv

Wer Götzes Werdegang verfolgt hat, seine Zeit als Supertalent, das Siegtor im WM-Finale 2014, seine Krisen und Kritiker, auf den wirken die Sätze nicht wie Eigenlob im Brecht'schen Sinne, sondern wie das Flehen um Verständnis: Hört endlich auf, so zu tun, als hätte ich das Fußballspielen verlernt.

Hat er das etwa nicht?

Spieldaten geben Aufschluss über Götzes Entwicklung. Sie belegen, wie wenig der aktuelle Mario Götze mit dem aus seiner ersten Zeit beim BVB gemein hat; sie bieten auch einen Erklärungsansatz für das Gefühl mancher Kritiker, Götze sei ein Schatten besserer Tage.

Der alte Götze glich auf dem Platz einer Naturgewalt. In der Saison 2012/2013 gab der damals 21-Jährige beim BVB meist den Zehner im offensiven Mittelfeld, in Ballbesitz fungierte er als freies Radikal, in der Champions League war er damals in elf Partien an zehn Treffern direkt beteiligt. Erhielt er den Ball, suchte er den Abschluss, typisch Talent, stets auf den eigenen Torschuss aus.

Seit seinem Wechsel zum FC Bayern verliert Götze zunehmend an Torgefahr, immer seltener ist er direkt an Abschlüssen beteiligt. Zu Beginn seiner Profizeit* stieg der Wert kontinuierlich, seinen Höhepunkt erlebte Götze in seiner damals letzten BVB-Saison. Vier Jahre später ist er im Schnitt nur an knapp halb so vielen Chancen beteiligt.

Ein anderer Wert liefert dafür die Erklärung: Je älter er wird, desto seltener taucht Götze im gegnerischen Strafraum auf. Auch hier verläuft die Leistungskurve ähnlich, sie steigt zunächst, kulminiert diesmal im ersten Bayern-Jahr, ehe sie beginnt, abzusinken. In seinem ersten Profijahr als Stammspieler besaß Götze mehr Strafraumpräsenz als heute.

Dabei sind die Werte für sich genommen nicht schlecht. Es ist das Wissen darum, dass Götze besser spielen kann, als er es derzeit tut, das zur latenten Kritik bei vielen Beobachtern führt.

Rückblick: In seiner ersten Zeit bei der Borussia ist Götze ein Tempomacher und Ballzauberer, oft dribbelt er direkt auf Verteidiger zu, was Mut erfordert und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Häufig sprintet er in die Tiefe, um sich für einen Steilpass anzubieten.

Nach einem eigenen Pass setzt Götze sich in Bewegung, nie scheint er stillzustehen, stets bietet er sich an für den Folgepass. Wer das Prinzip "Spielen und gehen" erklären will, kann auf Götzes flüssige Freilaufbewegungen von damals verweisen.

Die Gegenwart: Götze spielt ökonomisch, aus spielen und gehen ist spielen und stehen geworden. Im Schnitt sprintet er aktuell 24,3-mal in 90 Bundesliga-Minuten. Das ist weniger als fast alle anderen Offensivspieler beim BVB, nur Adrián Ramos unterbietet den Wert, im Kadervergleich liegt Götze auf dem 16. Platz von 20.

Schon während seiner Zeit in München lobte Trainer Josep Guardiola, Götze fände "immer die richtige Position". Wer es positiv sehen will, sagt, Götze spielt nun bewusster, reifer. Doch beim Unterfangen, seine Mitspieler glänzen zu lassen, verblasst er zunehmend. Götze spielt selbstlos und muss aufpassen, dass er dabei nicht sich selbst los wird.

Die Daten zeigen auch, wie viel seltener Götze das Eins-gegen-Eins sucht. Seit seinem ersten Bayern-Jahr (8,7 Dribblings pro Partie) versucht Götze sich immer seltener daran, am Gegenspieler vorbeizukommen, derzeit sind es nur noch 3,7 Anläufe. Frühere Weggefährten sagten dem SPIEGEL im vergangenen Sommer, Götze habe sich zu viele Muskeln antrainiert und deshalb die Spritzigkeit verloren, an seinen Gegenspielern komme er schlicht nicht mehr vorbei.

Fotostrecke

Mario Götze: Wunderkind, WM-Held, Bankdrücker

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Die Zahlen lassen den Schluss zu, Götze sei mit 24 Jahren bereits über seinen Zenit. Als sei bei ihm alles früher geschehen als bei andere Top-Talenten, der Aufstieg zum Star mit 19, dann der sukzessive Abstieg, nur eben mit Anfang 20 statt Anfang 30.

Dabei lassen sich die Daten auch anders interpretieren. Womöglich zeigen sie die Entwicklung eines Stürmers hin zum zentralen Mittelfeldspieler auf. Götze selbst und seine Trainer sind lange auf der Suche nach einer Idealposition, in München verschob ihn Trainer Guardiola von links nach rechts und zurück, im DFB-Trikot muss er im Sturmzentrum ran. Beim BVB begann er zuletzt im Derby gegen Schalke als Achter im Zentrum. Dort spielt mangelnde Explosivität keine so große Rolle, Abgeklärtheit und Spielintelligenz sind dafür umso wichtiger.

Götze war als Dribbler einer der aufregendsten Fußballer Europas, doch damit müsste dann abgeschlossen werden. In seiner neuen Rolle wäre Mario Götze nicht mehr Vollstrecker und Vorbereiter von Toren, sondern Initiator von Spielzügen, ein Strippenzieher.

Und wenn Götze über sich sagt, er sei nicht mehr derselbe - dann hätte er Recht.

*Die Saison 2009/2010 wird aufgrund der geringen Spielanteile - Götze kam in der Bundesliga nur 41 Minuten zum Einsatz - ausgeklammert.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.