Nach Niederlage gegen Schalke Der BVB gibt auf

"Der Titel ist gespielt. Das ist klar." Nach der Pleite gegen Schalke hat Dortmunds Trainer Lucien Favre den Meisterschaftskampf für beendet erklärt. Das Team wirkte nach Rückschlägen verunsichert - mal wieder.

David Hecker / EPA-EFE/REX

Von , Dortmund


Die Gratulation per Handschlag kam mit einiger Verspätung. "Ich habe es vergessen", entschuldigte sich Lucien Favre. Dazu machte der Trainer von Borussia Dortmund eine Handbewegung, die ausdrücken sollte, dass er bislang mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen sei. Sein Kollege Huub Stevens zeigte Verständnis. Der Schalke-Trainer hätte gewiss auch ohne einen Handschlag eine angenehme Rückfahrt und einen schönen Sonntag gehabt.

Die nächsten Tage von Favre, vielleicht sogar Wochen, dürften hingegen getrübt sein. Für ihn endete am 31. Spieltag mit der 2:4-Niederlage im Revierderby die Saison. "Der Titel ist gespielt. Das ist klar", sagte Favre und sendete damit indirekt Glückwünsche an den FC Bayern.

"Schwer zu verdauen"

Zum ersten Mal verließ der BVB-Coach Favre das eigene Stadion nach einem Bundesligaspiel als Verlierer. Der Traum von der Meisterschaft, er platzte für den Trainer in seiner ersten Saison beim BVB gegen Schalke. Schlimmer geht es kaum. "Das ist schwer zu verdauen", sagte Favre, die Stimme brüchig.

Dortmund gibt auf, auch wenn es ein paar zaghafte Stimmen gab, die dem FC Bayern noch eine Gratulation verweigerten. "Je nachdem, wie das Spiel morgen ausgeht. Es kann sich aber jeder denken, wie es ausgeht. Wir sind ja alle keine Träumer", blickte Sportdirektor Michael Zorc auf die Münchner Aufgabe beim 1. FC Nürnberg am Sonntag (18 Uhr, TV: Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Zwar steht die Borussia aktuell nur einen Punkt hinter dem Tabellenführer. Im Falle eines Bayern-Sieges wären es vier - bei noch drei ausstehenden Spieltagen. Der Rückstand wäre kaum aufzuholen.

Im Derby träumte der BVB nur ein paar Minuten nach dem Führungstreffer von Mario Götze (14. Minute). Der Ausgleich durch Daniel Caligiuris verwandelten Strafstoß brachte die Dortmunder aus dem Konzept. Favre prangerte die Umstände an, unter denen auf den Handelfmeter entschieden worden war. Er nannte die Auslegung generell "den größten Skandal in der Geschichte des Fußballs" und klagte an: "Die Regel ist so lächerlich. Wer sie gemacht hat, hat keine Ahnung vom Fußball."

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Revierderby: Sechs Tore, zweimal Rot

Es erstaunte, wie der 61 Jahre alte Schweizer seinen Puls in solche Höhen schrauben ließ. Diese Leidenschaft, dieser Eifer, mit dem er gegen die Handspielregel wetterte, fehlte ihm während des Spiels - und auch seiner Mannschaft. Das Team wirkte nach dem Ausgleich hilflos, gehemmt, ohne jegliches Vertrauen. Und das ist ein wiederkehrendes Phänomen.

In der Rückrunde entglitt dem BVB das Spiel gegen die TSG Hoffenheim nach einer 3:0-Führung, in München, beim 0:5, ergab sich die Mannschaft nahezu von Beginn an, zwei Wochen vor der Derbyniederlage wackelte sie trotz einer 2:0-Führung gegen den Mainz bedenklich und zitterte einen knappen Sieg ins Ziel.

Die schwachen Nerven äußerten sich gegen Schalke auch durch die groben Fouls von Marco Reus (60.) und Marius Wolf (65.), die jeweils Platzverweise nach sich zogen. "Es war eine klare Rote Karte. Ich komme zu spät", sagte Reus zu dem Tritt in die Achillessehne von Suat Serdar.

Allein Jadon Sancho traute sich etwas zu

Der BVB-Kapitän war schon ein paar Minuten vorher mit einem Foul aufgefallen. Er dürfte gefrustet gewesen sein nach einer sehr schwachen Leistung.

"Wir haben uns das selbst zuzuschreiben. Wir haben uns nicht so viele Chancen erspielt, trotz hohen Ballbesitzanteils", legte Lizenzspielerchef Sebastian Kehl den Finger in die Wunde. Allein Jadon Sancho traute sich etwas zu, suchte das Dribbling, zeigte Schalkes Schwächen im Zweikampfverhalten auf.

Favre stellte erst spät auf ein System mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler um. Vorher wählte er gegen das sehr defensive Schalker 5-3-2 seine konservative 4-2-3-1-Ordnung.

In kritischen Situationen überfordert

Als der BVB den Schweizer verpflichtete, wussten die Dortmunder, dass sie einen exzellenten Fußballlehrer geholt hatten, einen herausragenden Analytiker, aber eben auch einen Zauderer, der in kritischen Situationen überfordert zu sein scheint. Ein Spieler, der dieses Defizit ausbügelt, war in der Hinrunde Axel Witsel. Aber auch der Mittelfeldspieler verlor in der Rückrunde seine Führungsstärke.

Spielerisch ist der BVB eigentlich in der Lage, die Münchner Meisterserie zu beenden. Die psychische Belastung eines engen Rennens könnte sich aber tatsächlich als zu groß erweisen. Es waren die Dortmunder, die im Derby aufgrund der klaren Favoritenrolle mehr zu verlieren hatten als die Schalker. Und das schien sie zu lähmen, so wirkte es nach dem ersten Rückschlag, dem strittigen Elfmeter. Dabei waren da noch 72 Minuten zu spielen. Aber diese Chance hat der BVB verstreichen lassen. Ob er im Titelkampf noch eine erhält, liegt nun vor allem am FC Bayern.

Borussia Dortmund - Schalke 04 2:4 (1:2)
1:0 Mario Götze (14.)
1:1 Caligiuri (18., Handelfmeter nach Videobeweis)
1:2 Salif Sané (28.)
1:3 Caligiuri (62.)
2:3 Witsel (84.)
2:4 Embolo (86.)
Dortmund: Bürki - Wolf, Weigl, Akanji, Diallo - Witsel, Delaney (56. Paco Alcacer) - Sancho, Reus, Guerreiro (78. Pulisic) - Mario Götze (83. Bruun Larsen). - Trainer: Favre
Schalke: Nübel - Caligiuri (67. Rudy), Salif Sané, Stambouli, Nastasic, Oczipka - McKennie (77. Bruma), Mascarell, Serdar - Embolo (87. Matondo), Burgstaller. - Trainer: Stevens
Schiedsrichter: Zwayer (Berlin)
Zuschauer: 80.196 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Caligiuri (9), Serdar (2), Embolo (4), McKennie (6), Mascarell (2), Rudy (4)
Rote Karten: Reus wegen groben Foulspiels (60.), Wolf wegen groben Foulspiels (65.) -

insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Affenhauptmann 27.04.2019
1. Kein Winner
Favre ist einfach kein Winner - Typ. Bayern muss morgen erst einmal gewinnen, aber mit einem Trainer wie Favre würde der BVB auch aus einem Bayern Lapsus kein Kapital schlagen können. Das er ein Weiner und kein Winner ist, das hat er ja mittlerweile oft genug bewiesen.
usprof 27.04.2019
2. Favre ist ausgezeichnet, aber ...
Was man in Dortmund in diesen kritischen Spielen gebraucht hätte, ist jemand mit großer Leidenschaft, einen Trainer, der auch kämpfen kann und seine Spieler zum Kämpfen bringen kann. Das liegt Favre leider nicht; seine analytischen Fähigkeiten sind herausragend, aber in manchen Momenten ist der Kampfgeist, der dann auch alle Spieler mitreißt, ebenso wichtig. Schade, daß es dieses Jahr mit der Meisterschaft nicht geklappt hat.
eurusiii 27.04.2019
3. Mimimi
Aufgrund solch einer Aussage hätte ich Favre den Trainerjob entzogen ! "Es ist erst vorüber wenn die Dicke Lady gesungen hat". Regt sich heute über den Elfmeter auf, der zum 1:1 führte und wo noch alles drin war. Vergisst aber die beiden berechtigten roten Karten zu erwähnen, die erst zur Niederlage führten. Favre ist ein Schönwettertrainer, wenn es läuft schwatzt er ungefragt ohne Ende aber wenn es mal schwierig wird , ist die gesamte Welt gegen ihn, der Mann hat Null Selbstreflexion bzw Selbstkritik.
spon_2937981 27.04.2019
4. Schwach
Schwach, dass die Dortmunder aufgeben! Als Fan mag man ja die Hoffnung verlieren, aber ein Beteiligter, insbesondere Trainer und Spieler, dürften jetzt noch nicht aufgeben. Bayern hat mit Leipzig und Frankfurt noch zwei Gegner, bei denen mit Punktverlusten absolut zu rechnen ist. Und Ausrutscher morgen oder am nächsten Spieltag sind ja auch möglich. Aber ohne Reus hat es der BVB in den letzten Spielen auch nicht unbedingt leicht. Gut, mich als Bayerfan würde es natürlich freuen, wenn die Meisterschaft jetzt entschieden wäre. Und nächstes Jahr darf es dann gerne Gladbach werden, oder Frankfurt, Bremen, Schalke, Freiburg... (aber bitte nicht der BVB)
mats73 27.04.2019
5. eigentlich hat der BVB zugegeben, dass der
eigentlich hat der BVB ja selbst zugegeben, dass der Elfer gerechtfertigt war, inzwischen sprechen sie ja davon, dass die Regel unsinnig ist... was aber soll der Schiri machen, als sich nach den Regeln zu richten. genau dafür ist er da: die Regeln durchsetzen bzw die Spieler zur Einhaltung der Regeln bringen, die sie selbst nur als Empfehlung ansehen und nicht meinen selbst einhalten zu müssen...
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