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19. Februar 2019, 07:29 Uhr

Dortmunder Remis in Nürnberg

Ohne Reus reicht's nicht

Aus Nürnberg berichtet

0:0 beim Tabellenletzten, fünf Spiele ohne Sieg: Borussia Dortmund steckt in der ersten Krise unter Trainer Lucien Favre. Die Mannschaft hat ein Problem.

Den sonst so kontrollierten Lucien Favre hielt es nicht mehr auf der Bank. Wild gestikulierend trieb der Dortmunder Trainer seine Elf nach vorne, es liefen die Schlussminuten in der Bundesliga-Partie beim 1. FC Nürnberg , Spielstand: 0:0. Vielleicht dachte Favre an die Hinrunde, als Dortmund viele Begegnungen mit Last-Minute-Treffern gewann. Im Pokal bei Greuther Fürth und gegen Union Berlin, beim FC Brügge in der Champions League oder beim 4:3 über Augsburg in der Bundesliga. Doch die Erfolge der Hinrunde scheinen gerade weit entfernt.

In Nürnberg gelang am Montagabend kein Treffer mehr. Der Tabellenführer BVB verpasste damit den sicher geglaubten Sieg beim Letzten, einer Mannschaft, die in zuvor 21 Partien 38 Punkte weniger geholt hatte.

"Eine kleine Krise", nannte das Dortmunds Axel Witsel hinterher. Wer würde ihm da widersprechen? Seit fünf Pflichtspielen wartet Dortmund nun auf einen Erfolg, Pokal-Aus und ein überraschend deutliches 0:3 in der Champions League bei Tottenham Hotspur inklusive. Drei Punkte trennen das Favre-Team von Verfolger Bayern München. Kleiner war Dortmunds Vorsprung zuletzt am neunten Spieltag gewesen.

"Es war frustrierend, zuzuschauen"

Favre betonte nach dem 0:0, dass seine Mannschaft doch eigentlich ganz gut gespielt habe. Was die Dortmunder aber aus ihrem spielerischen Übergewicht machten, war zu wenig, als dass es den Ansprüchen einer Mannschaft gerecht werden würde, die Nürnbergs Interimstrainer Boris Schommers "eine der aktuellen Topmannschaften in Europa" nannte.

Vor allem Mario Götze hatte immer wieder Abschlüsse (34. Minute, 53., 63., 87.). Und dennoch hatte Nürnbergs Enrico Valentini recht, wenn er fand, dass "keine Riesendinger dabei waren". So sah es auch BVB-Keeper Roman Bürki. "Es war frustrierend, von hinten zuzuschauen. Wir haben die eine oder andere Chance, aber nichts Zwingendes."

Genau darin lag das Problem: Die Dortmunder lassen den Ball gefällig laufen und haben mit Witsel einen der wenigen Ausnahmefußballer der Liga in ihren Reihen. Und sie hatten am Montag einen bestens aufgelegten Götze. Doch der war mit seinen Ideen häufig auf sich allein gestellt. Vor allem aber Maximilian Philipp war ihm keine große Hilfe beim Versuch, das Nürnberger Bollwerk zu knacken. Dass sich das Dortmunder Lager nach dem Spiel über einen nicht gegebenen Elfmeter echauffierte, war verständlich. Denn tatsächlich hatte Tim Leibold ("Ich habe ihn irgendwie touchiert") Jadon Sancho im Strafraum gefoult.

Es zeigte aber auch, wie groß die Verzweiflung bei einem Tabellenführer ist, der gegen ein Team, das erst zwei Saisonspiele gewonnen hat, nicht so richtig zum Zuge kam. Erst als der zuletzt angeschlagene Paco Alcácer für Philipp kam, wurde es ein wenig besser.

Warten auf Retter Reus

So drängte sich die Frage auf, wie lange es wohl dauert, ehe der Mann wieder zur Verfügung steht, ohne den der BVB derzeit nur ein recht gutes Bundesligateam ist, aber keines, das die Liga auf so beeindruckende Weise dominiert wie in der Vorrunde: Marco Reus. Trainer Favre wich aus, als er gefragt wurde, ob Reus am Sonntag gegenLeverkusen wieder zur Verfügung stehe. "Es bringt nichts, über verletzte Spieler zu sprechen. Wir wissen nicht, wann sie zurückkommen. Wir müssen über die Spieler sprechen, die da sind."

Doch das Thema Reus drängt sich auf. Ohne ihn fehlt es dem BVB nämlich an vielem. Es fehlt derjenige, der Tore schießt (13), aber sie aber auch vorbereitet (neun). Es fehlt derjenige, neben dem Spieler wie Sancho besser sind, weil er Aufmerksamkeit auf sich zieht. Einer, der ins Eins-gegen-eins geht, wenn andere eher den Sicherheitspass wählen. Weniger Pässe im letzten Drittel, mehr Druck auf dem Weg in den Strafraum, das forderte Favre von seinen Spielern. "Wir müssen mehr mit dem Ball gehen, mehr provozieren." Es war die Beschreibung dessen, was Reus kann.

Der Zeitpunkt seiner Rückkehr ist im Titelrennen damit ein Detail, das mitentscheidend sein kann. Wer am 18. Mai die Meisterschale in der Hand halten wird, München oder Dortmund, ist jedenfalls wieder völlig offen. Eines ist aber klar: Im Gegensatz zu den vergangenen Saisons wird der Deutsche Meister in diesem Jahr keine Übermannschaft sein.

1. FC Nürnberg - Borussia Dortmund 0:0
Nürnberg: Mathenia - Valentini, Mühl, Ewerton, Leibold - Petrak - Behrens, Löwen (77. Bauer) - Kubo (85. Palacios) - Matheus Pereira, Zrelak (66. Ishak)
Dortmund: Bürki - Wolf, Weigl, Zagadou, Diallo - Witsel, Delaney (80. Bruun Larsen) - Sancho, Philipp (63. Alcácer), Guerreiro - Götze
Schiedsrichter: Osmers
Gelbe Karten: Mathenia / Witsel
Zuschauer: 50.000

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