Dortmund Tuchel zieht Bilanz

Borussia Dortmund hat mit dem Einzug in die Champions League das erste Ziel erreicht. Trainer Thomas Tuchel zog schon vor dem Pokalfinale die Bilanz eines aufreibenden Jahres, vermutlich seines letzten beim BVB.

Thomas Tuchel
DPA

Thomas Tuchel

Aus Dortmund berichtet


Im Pressekonferenz-Raum des Dortmunder Stadions trat Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke mit dem BVB-Trainer vor die Journalisten. Die beiden Verantwortlichen sprachen von Vertrauen und Schulterschluss - ohne sich dabei anzusehen. Es bot sich ein bizarres Schauspiel.

Das war Ende Oktober 2006. Der Trainer war Bert van Marwijk. Gut fünf Wochen später wurde bekannt gegeben, dass der Niederländer zum Saisonende gehen müsse. Zwei weitere Wochen später war er entlassen.

Knapp elf Jahre später klopfte Watzke nun Thomas Tuchel auf die Schulter. Und Tuchel klopfte bei Watzke. Der BVB hatte gerade ein spektakuläres Bundesligaspiel 4:3 gegen Werder Bremen gewonnen. Das bedeutete den dritten Tabellenplatz und damit mindestens 20 Millionen Euro Einnahmen aus der kommenden Champions-Leage-Saison. Ein erstes Saisonziel war erreicht.

Es herrschte eine ausgelassene Stimmung: Marc Bartra, der erstmals nach dem Bombenanschlag auf die Dortmunder Mannschaft und seiner daraus resultierenden Verletzung wieder gespielt hatte, wurde enthusiastisch gefeiert, genau wie Pierre-Emerick Aubameyang. Der Stürmer erhielt noch auf dem Platz die Torjägerkanone - 31 Treffer, einer mehr als sein ehemaliger Kollege, der nun mit dem FC Bayern Meister wurde. "Robert Lewandowski ist der beste Stürmer der Welt. Es ist Wahnsinn, ihn zu schlagen", lachte Aubameyang.

Pierre-Emerick Aubameyang (l.), Thomas Tuchel
DPA

Pierre-Emerick Aubameyang (l.), Thomas Tuchel

Aber mitten in der Feierlaune sind zwei wichtige Personalien beim BVB ungewiss. Die eine ist Aubameyang. Schon bald will er "mit dem Verein sprechen". Worüber will er wohl reden, wenn nicht über einen Wechsel? Der Vertrag ist noch bis 2020 gültig. Die andere ist Tuchel. Bis 2018 läuft der Vertrag des Trainers beim BVB. Es ist weiter äußerst fraglich, ob er auch so lange für die Mannschaft verantwortlich sein wird. Die Umarmung mit Watzke sollte in ihrer Art eher als Bestätigung des zerrütteten Verhältnisses gesehen werden. Das kühle Gesicht von Watzke sprach Bände.

Es geht seit Wochen in Dortmund für beide Seiten in erster Linie darum, möglichst gut aus der Nummer herauszukommen. Watzke lehnte nach dem Sieg gegen Bremen jede Stellungnahme ab. Tuchel nutzte die Pressekonferenz, um Bilanz zu ziehen - schon vor dem Pokalfinale am Samstag (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Frankfurt in Berlin, wo Dortmund die Saison krönen soll. "Es gab extrem viele Themen, die es alle drei Tage sehr anspruchsvoll gemacht haben", sagte Tuchel. In die Ausführungen zur "enormen Verletzungsproblematik" baute er "die Anschlagssituation" ein, nach der Marc Bartra "nicht mehr einsatzfähig gewesen" sei.

Fotostrecke

16  Bilder
Bundesliga: Lahms Abschied, Aubas Rekord

Tuchel wiederholte, dass die direkte Qualifikation für die Champions League ein sehr ambitioniertes Ziel gewesen sei nach einem Umbruch, den Watzke als "den größten der letzten zehn Jahre" bezeichnet habe. "Es hat immer Spaß gemacht, auch in den Phasen, die hart waren", sagte Tuchel und fand lobende Worte für die Mannschaft: "Sie hat immer und immer wieder geliefert."

Bei einem der komplizierten Siege, in der Champions League bei Sporting Lissabon, hätten "zum Schluss drei A-Jugendliche" auf dem Platz gestanden. "Eigentlich hätten wir diese Jungs eine Woche um den Borsigplatz fahren müssen", so Tuchel. Stattdessen sei drei Tage später gefragt worden, warum der BVB nur ein 3:3 in Ingolstadt erreicht habe.

So, wie sich Tuchel am Abend nach dem Sieg gegen Bremen vor die Mannschaft warf, hätte es ihm sicher gutgetan, ähnlich Positives aus der Mannschaft zu hören. Aber da kam weiter gar nichts bis wenig. Roman Bürki gab immerhin zu, dass es "auch gut für den Coach" sei, dass der BVB eine gute Saison gespielt habe. Die nächsten Pressekonferenzen mit Protagonisten aus Dortmund werden mit Spannung erwartet.

insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stoffi 21.05.2017
1. Schade
wenn er geht, er hätte den Verein noch weit bringen können.
Freidenker10 21.05.2017
2. Unglaublich dämlich!
Ich halte es immer noch für unglaublich dämlich Tuchel zu entlassen. Hoffe Watzke und Co. schrauben ihr Ego zum Wohle des Vereins nochmal runter! Man muss Tuchel bestimmt nicht mögen, aber er ist relativ sicher das beste was dem BVB passieren kann. Und in Anbetracht der Abgänge im letzten Jahr ist das erreichte aller ehren wert! Ob ein Favre nun zu bekommen ist und ob er dem BVB weiterhilft ist vollkommen offen. Also sich selbst ohne Not dermaßen zu schwächen kann man doch nur dämlich nenen!
peter-11 21.05.2017
3.
Nach den Abgängen von Hummels und Co. war es tatsächlich ein großer Umbruch und die direkte Quali zur Championslique keinesfalls selbstverständlich. Daher Glückwunsch! Sicherlich auch mit ein Verdienst von Herrn Tuchel. Wenn allerdings die Chemie zwischen Geschäftsführung und Trainer nicht passt, wird man sich trennen. Kein so unnormaler Vorgang. Allerdings jetzt von den Spielern eindeutige Statements, mit dem Wissen um das Verhältnis ... Geschäftsleitung und Trainer ... zu verlangen ist unsinnig, weil es immer eine Parteinnahme wäre. Die immer gleichen Fragen und Phrasen der Reporter sind oft nur noch peinlich.
janowitsch 21.05.2017
4. Spannendes Saisonfinale
Ich wünsche dem BVB den Pokalsieg. Damit hätte man dann das Optimale aus dieser verwurstelten Saison herausgeholt. Wenn danach Tuchel dennoch entlassen wird, dann wird offensichtlich, dass es sich um nichts als persönliche Animositäten zwischen Watzke und Tuchel handelt. Watzke sollte dann aber auch sein Handeln in Frage stellen und ob er immer das Beste für den BVB will oder nur seine persönliche Befriedigung.
IvicaMarkovic 21.05.2017
5.
Armer Tuchel, aber Undank ist der Welten Lohn. Watzke ist ein höchstens durchschnittlicher Geschäftsführer, der nur dank dem Glücksgriff mit Herrn Klopp heute so gut dasteht. Das derartige Rausekeln von Tuchel ist unwürdig und unmoralisch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.