Borussia Dortmund Ein Paradies für den Bessermacher

Nach zähem Saisonstart hat der BVB bei der Aufholjagd in Leverkusen alle Qualitäten gezeigt, an deren Stärkung seit Monaten gearbeitet wird. Für Trainer Favre gibt es aber auch noch einiges zu verbessern.

Lucien Favre
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Lucien Favre

Aus Leverkusen berichtet


Als Heiko Herrlich klar wurde, wie seine Revanche für diese Niederlage seiner Leverkusener gegen Dortmund aussehen könnte, erschien für einen kurzen Moment doch noch ein Lächeln auf seinem müden Gesicht. "Die Miete wird nicht erhöht", entschied der Trainer kurzerhand und nickte Lucien Favre wohlwollend zu.

Herrlich ist nicht nur ein sehr freundlicher Trainer, er ist auch ein angenehmer Vermieter für Favre, der in einem Haus wohnt, das dem Leverkusener Trainer gehört, der einst in Dortmund spielte. Das Geschäftsverhältnis der beiden soll nicht belastet werden von diesem Fußballabend, an dessen Ende die Leverkusener haderten und völlig euphorisierte Dortmunder Fans sangen: "Wer wird Deutscher Meister, BVB Borussia."

Borussia Dortmund ist nach dem 4:2 in Leverkusen Tabellenführer. "Sehr, sehr schön" sei das, sagte Favre, der regelrecht berauscht wirkte von diesem hinreißenden Fußballspiel. Die Dortmunder hatten einen 0:2-Halbzeitrückstand in einen Sieg verwandelt, haben nun mit 19 Treffern den besten Sturm der Liga und sind als einziger Bundesligist noch ungeschlagen. Mit einer Mischung aus Willenskraft, individueller Klasse und einem klugen fußballerischen Konzept hat der BVB erstmals in seiner Bundesligageschichte einen 0:2-Halbzeitrückstand auf des Gegners Platz in einen Sieg verwandelt, vermeldeten Statistiker nach dem Abpfiff.

Nur BVB-Boss grollt und schweigt

Nur Hans-Joachim Watzke war etwas missgestimmt, als er durch die Gänge des Stadions lief. Ob er ein paar Worte zu diesem tollen Spiel sagen könne, wurde der Geschäftsführer gefragt, doch sein Groll auf die Kritiker der vergangenen Wochen saß noch zu tief. "Vor zwei Wochen habt ihr noch geschrieben, wir können nichts", erklärte Watzke, weil nach weniger überzeugenden Leistungen und von viel Glück beeinflussten ersten vier Saisonpartien Zweifel am Projekt Neubeginn artikuliert worden waren. Also werde er schweigen.

Dieser Abend taugt auch ohne Watzkes Analyse als starkes Gegenargument. Alles, was die Dortmunder nach dem Trainerwechsel und der Grundsanierung des Kaders entwickeln wollen, war zumindest phasenweise sichtbar. Nicht in Perfektion, aber insgesamt sei der BVB "einfach besser" gewesen, sagte Jacob Bruun Larsen. Zumindest für die zweite Halbzeit traf das zu.

Neu auf der Habenseite: die Siegermentalität

Nach dem rauschhaften 7:0 gegen den 1. FC Nürnberg haben die Dortmunder nun nicht nur spielerisch überzeugt, zu einem entscheidenden Faktor wurde die in Vorjahren so häufig auf der Sollseite aufgeführte Siegermentalität. "Die Mannschaft hat wirklich an sich geglaubt, die Gier ist im Moment sehr groß, der Glaube ist immens", sagte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Marco Reus wächst immer besser in die Rolle des Kapitäns und Anführers hinein, das 1:2 in Leverkusen bereitete er mit einem kunstvollen Volleyschuss vor, Bruun Larsen staubte ab. Das 2:2 erzielte er nach einer großartigen Kombination mit Jandon Sancho selbst. "Wenn Du so eindrucksvoll zurückkommst, ist das schon stark", sagte Reus, der sich auch außerhalb des Platzes sehr gut mit Sancho versteht und zu einer Art Mentor für den jungen Engländer zu werden scheint.

Es sind diese kleinen Geschichten von Zusammenhalt und individuellem Fortschritt, die den Dortmunder Höhenflug recht stabil erscheinen lassen. Dan-Axel Zagadou machte in der Innenverteidigung sein bisher wohl bestes Spiel für den BVB, Paco Alcácer wurde beim Stand von 0:2 eingewechselt, das 3:2 erzielte er wie ein Weltklassestürmer nach einem perfekt getimten Laufweg und einem hoch komplizierten Abschluss, das 4:2 war bereits sein dritter Treffer in gerade mal 51 Bundesligaminuten.

Axel Witsel wurde nach der weniger guten ersten Hälfte doch noch zum strategischen Zentrum des Dortmunder Spiels, Rechtsverteidiger Achraf Hakimi war immer wieder gut ins Kombinationsspiel eingebunden. Und Roman Bürki hat sich in den vergangenen Wochen von einem unsicher wirkenden Nervenbündel zu einem kompletten Torhüter mit imposanter Ausstrahlung verwandelt.

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Den "allergrößten Anteil" an all diesen Entwicklungen, habe Favre, erklärte Sebastian Kehl. Der Trainer hat einen fruchtbaren Nährboden für individuellen Fortschritt und für die Entstehung eines harmonischen Kollektivs geschaffen. Das ist das Fundament, auf dem Spitzenteams entstehen können. Dass diese derzeit so überzeugende Mannschaft noch über deutlich sichtbares Verbesserungspotenzial verfügt, und in Favre einen Trainer hat, der es liebt, an Feinheiten zu arbeiten, wirkt nun wie eine Idealkombination.

Das Passspiel von Thomas Delaney ist verbesserungsbedürftig, Manuel Akanji war an beiden Gegentreffern beteiligt und ermöglichte Leverkusen überdies eine Großchance zum 3:0. Maximilian Philipp spielt seit Wochen blass und auch Christian Pulisic hatte schon bessere Phasen. Aber hoch veranlagt sind all diese Spieler; für einen Tüftler und Bessermacher wie Lucien Favre muss der BVB dieses Herbstes ein Paradies sein. Und einen netten Vermieter hat er auch noch.

Bayer 04 Leverkusen - Borussia Dortmund 2:4 (2:0)
1:0 Weiser (9.)
2:0 Tah (40.)
2:1 Bruun Larsen (65.)
2:2 Reus (69.)
2:3 Alcácer (85.)
2:4 Alcácer (90.+4)
Leverkusen: Hradecky - Weiser (70. Jedvaj), Tah, S. Bender, Wendell - L. Bender, Kohr - Volland, Havertz, Brandt (79. Paulinho) - Alario (70. Bailey)
Dortmund: Bürki - Hakimi, Akanji, Zagadou, Diallo - Witsel, Delaney (46. Dahoud) - Pulisic (68. Sancho), Bruun Larsen - Philipp (63. Paco Alcácer), Reus
Schiedsrichter: Brych
Gelbe Karten:
Wendell - Delaney
Zuschauer: 30.210



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
retterdernation 30.09.2018
1. Dortmund jetzt an Eins ...
finde ich super. Nach dem 0:2 Pausenrückstand war diese wundervolle Wandlung der Borussen nicht zu erwarten. Was die jetzt ausgelöste Euphorie wert ist - wird man in den Spitzenspielen gegen München, Berlin, Bremen sehen. Lassen wir uns außerhalb der ehemaligen, mittelalterlichen Handelsmetropole also nicht davon anstecken und warten genüsslich auf die Gegner der Borussia, die mit den Gelben auf Augenhöhe sind. Und danach schauen wir mal, wer dann von der Meisterschaft träumt.
twister13 30.09.2018
2. Finde den Fehler
Rechtsverteidiger Achraf Hakimi war immer wider gut ins Kombinationsspiel eingebunden.
Broko 30.09.2018
3.
Der wie vielte Duselssieg ist das bereits nun schon? Favres BVB spielt ganz gewaltig mit dem Feuer ...
wiesenflitzer 30.09.2018
4. Wenn die Dortmunder das Potential,
über welches das Team derzeit verfügt, weiterhin auf den Platz bringen können, werden sie unzweifelhaft Meister. Noch fehlt mir der Glaube daran, wünschenswert wäre es allemal.
Orthoklas 30.09.2018
5. Das Gute am BvB-Erfolg...
Die Meisterschaft ist wieder spannend. Das ist das Gute! Ich hätte mir zwar ein anderes Team ganz oben gewünscht, aber dieser Spieltag hat die Mannschaften zusammenrücken lassen! Das braucht die Liga.
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