Dortmunds Ousmane Dembélé Junior in der Chefrolle

Borussia Dortmund hat Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang. Wichtigster Spieler ist derzeit aber Ousmane Dembélé, der 19-jährige Franzose wird mehr und mehr zur prägenden Figur des BVB.

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Aus Dortmund berichtet


Die Kapuze seiner grellgelben Winterjacke hatte der Held des Abends tief ins Gesicht gezogen, als er aus der Kabine kam. Etwas unsicher blickte Ousmane Dembélé auf die vielen Mikrofone und Kameras, irgendwie schien er sich fremd zu fühlen. Er ging durch die Ausgangstür, kam kurz zurück, um dann doch in der Winternacht zu verschwinden. So klein, schmächtig und schüchtern, wie Dembélé in diesem Momente wirkte, war viel Fantasie erforderlich, um zu glauben, dass dieser dünne 19-Jährige zuvor 80.000 Menschen fasziniert hatte. Mal wieder.

Julian Weigl prophezeite in der Euphorie des Dortmunder Erfolgs gegen Hertha BSC Berlin im Elfmeterschießen, dass seinem immer noch kindlich wirkenden Mitspieler "keine Grenzen gesetzt" seien. Das war ein großer Satz, aber niemand in Dortmund käme derzeit auf die Idee, diese These in Frage zu stellen. Dembélé ist schon jetzt ein Gigant, in den ersten Wochen des neuen Jahres ist er der mit Abstand spektakulärste Spieler des Revierklubs. Und an diesem Abend schrieb er eine echte Heldengeschichte.

Dembélé war zwischenzeitlich weg, minutenlang musste er sich während der Verlängerung auf der Bank behandeln lassen, mit einem Ganzkörperkrampf, wie Trainer Thomas Tuchel später erzählte. Alle rechneten damit, dass die Dortmunder, die ihr Auswechselkontingent erschöpft hatten, zu zehnt weiterspielen würden. Die medizinische Abteilung habe Dembélé "fünf Minuten lang reanimieren" müssen, sagte Tuchel, und als die zweite Hälfte der Verlängerung begann, war der Franzose plötzlich wieder da.

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Etwas schwerfälliger zwar, aber, und das ist der erstaunliche Aspekt der Entwicklung: als Persönlichkeit, die den BVB trägt. Tuchel berichtete, wie er Dembélé vor dem Elfmeterschießen gefragt habe, ob er antreten wolle, erwartet hatte der Coach eine Absage. "Aber seine Antwort war: Ich möchte den ersten schießen. Das hat er wirklich gesagt", so der staunende Trainer.

Dembélé traf, und Tuchel schwärmte. "Ous hat das gewisse Etwas, auch an Zorn, den er entwickeln kann, wenn es darum geht, zu gewinnen. Das steckt tief in ihm drin, und das lieben wir." Es ist ein Juwel, das der BVB da für rund 15 Millionen Euro von Stade Rennes verpflichtet hat. Ein Fußballer, den die Algorithmen eines Schweizer Instituts jüngst anhand von Leistungsdaten, Alter und Vertragslaufzeiten als wertvollsten Spieler der Bundesliga identifizierten. Aber es gibt auch ein Problem bei diesem raketenhaften Aufstieg. Im Moment ist der BVB geradezu abhängig von diesem schüchternen Teenager, der in praktisch allen Offensivaktionen Richtung Hertha-Tor seine Füße im Spiel hatte.

Wenn sein längst noch nicht austrainierter Körper eine Pause braucht, dann lahmt das Spiel, das zeigte sich auch gegen die Berliner. Der Dortmunder Kader ist längst nicht so ausgewogen wie im Vorjahr, vermeintliche Führungskräfte wie Pierre-Emerick Aubameyang, André Schürrle oder Mario Götze sind mit sich oder der eigenen Form beschäftigt. Dies bedeutet viel Verantwortung auf Dembélé, öffnet ihm aber zugleich Entfaltungsräume, die er wohl bei keinem anderen europäischen Spitzenklub vorfinden würde.

BVB-Torwart Roman Bürki
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BVB-Torwart Roman Bürki

Wobei es an diesem Abend natürlich noch einen weiteren Helden gab: Torhüter Roman Bürki, der den Elfmeter von Vladimír Darida hielt und bei den Treffern von Alexander Esswein und Sami Allagui dran war.

Der Dortmunder Trend des Jahres 2017 ist also in Ordnung, sieben Punkte aus den ersten drei Bundesligapartien und das Erreichen des Pokalviertelfinals, in dem mit dem Drittligisten Sportfreunde Lotte eine lösbare Aufgabe wartet, sind eine gute erste Bilanz. Allerdings waren auch die in Dortmund derzeit zum Alltag gehörenden Nebengeräusche wieder laut. Vor der Partie trug Marcel Schmelzer per Videobotschaft ein Statement des Klubs und der Mannschaft zur Gewalt gegen Leipziger Fans vor. "Wir Spieler waren und sind sehr entsetzt", erklärte der Kapitän zu den Vorkommnisse vom vorigen Samstag. "Wir verurteilen komplett Gewalt gegen andere. Wir entschuldigen uns dafür, was dort passiert ist. Und es tut uns wirklich sehr, sehr leid."

Fast überall auf der Südtribüne wurden Poster und Transparente für eine friedliche Fankultur hochgehalten, nur unten in der Mitte, im Hoheitsgebiet der Ultragruppen, gab es keine solchen Bekundungen. Statt Schmelzer zuzuhören, dokumentierte dieser Block das eigene Desinteresse durch demonstrative Gesänge, ganz offenkundig gibt es Leute, die direkt auf eine weitere Eskalation des Konfliktes zwischen Ultras und Klubführung hinarbeiten. Und dieses Problem kann selbst ein Wunderknabe wie Ousmane Dembélé nicht lösen.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
petz64 09.02.2017
1. die Mannschaft des BVB
Vom glücklichen Ausgang abgesehen, konnte man über die 120 Min. an einer Nebensache gut das Problem erkennen (neben der mangelnden Chancenverwertung, aber das gehört wohl zu diesem BVB wie Watzke und die Südtribüne :-) : Die Kapitänsbinde, die als Wanderpokal durch die halbe Mannschaft ging. Ein Führungsspieler wie Hummels ist nicht so leicht zu ersetzen, und weder Reus noch Auba noch auch Dembele (oder Sokratis ? Spaß beiseite) können diese Rolle gegenwärtig übernehmen, nicht Schürrle, nicht Götze, Weigl oder Ginter oder oder oder - diese Mannschaft hat viele geniale Spieler, aber keinen Kopf.
die Stechmücke 09.02.2017
2. Faszinierend
Ousmane spielen zu sehen. Es ist Aufgabe der Schiedsrichter solche Künstler zu schützen und ihm einen Leidensweg wie der von Marco Reus zu ersparen.
Pless1 09.02.2017
3.
Zitat von petz64Vom glücklichen Ausgang abgesehen, konnte man über die 120 Min. an einer Nebensache gut das Problem erkennen (neben der mangelnden Chancenverwertung, aber das gehört wohl zu diesem BVB wie Watzke und die Südtribüne :-) : Die Kapitänsbinde, die als Wanderpokal durch die halbe Mannschaft ging. Ein Führungsspieler wie Hummels ist nicht so leicht zu ersetzen, und weder Reus noch Auba noch auch Dembele (oder Sokratis ? Spaß beiseite) können diese Rolle gegenwärtig übernehmen, nicht Schürrle, nicht Götze, Weigl oder Ginter oder oder oder - diese Mannschaft hat viele geniale Spieler, aber keinen Kopf.
In den aller wenigsten Spitzenmannschaften gibt es den einen "Kopf", den Leitwolf, der sein Team alleine führt. Das war so im Fußball 1.0, in den 80er, 90er Jahren und ist heute weitgehend passé. Nehmen wir den FC Bayern: Kapitän ist Lahm, aber andere Führungsspieler drücken dem Spiel mindestens genau so ihren Stempel auf: früher Schweinsteiger, heute Vidal, aber auch Boateng und bald wohl Hummels, daneben auch "Robbery" wenn sie fit sind. So geht Fußball heute. Dass es gestern beim BVB vier (!) Träger der Binde gab hat mit mangelnder Führungsstärke nichts zu tun, denn die Leute mussten ja nach und nach angeschlagen raus. Aus meiner Sicht fehlt nicht ein "Kopf" im Sinne von Führungsspieler sondern eher das kreative Moment von hinten heraus - das, was in der Vorsaison Gündogan und Mhkitarjan darstellten. In der Offensive ist Borussia fulminant besetzt, aber es fehlt noch an der Unterfütterung von hinten mit kreativen Ideen. Diesbezüglich kann Bartra nicht an Hummels heranreichen (Spieleröffnung) und auch Weigl scheint etwas an Unbekümmertheit eingebüßt zu haben, spielt eher auf Sicherheit. Ich finde es bringt nichts, wenn alle Offensivkräfte in und um die Box agieren bei gut gestaffeltem Gegner. Der Ball kommt oft zu langsam, zu kompliziert nach vorne, dann ist die gegnerische Abwehr formiert. Ich würde in der Defensivabteilung auf kreativere Köpfe setzen, die das Spiel von hinten heraus lesen und beschleunigen können um die guten Jungs vorne schneller zu bedienen. Dafür würde ich beispielsweise Castro weiter nach hinten beordern. Der agiert aktuell eher als 10er. Als offensiv ausgerichteter 6er könnte er aus der Defensive heraus eher den tödlichen Pass spielen als ein Sokratis oder ein Bartra. Sokratis ist defensiv einer der besten IV der Liga, nach Boateng vielleicht sogar der Beste. Aber beim Spiel nach vorn ist er dann doch ziemlich limitiert. Der klassische Abräumer eben. Weigl wird ein ganz großer, aber er braucht einen Partner neben sich, sonst reduziert sich seine Rolle auf die eines Staubsaugers vor der Abwehr.
Oihme 09.02.2017
4. Gut erkannt!
Zitat von Pless1In den aller wenigsten Spitzenmannschaften gibt es den einen "Kopf", den Leitwolf, der sein Team alleine führt. Das war so im Fußball 1.0, in den 80er, 90er Jahren und ist heute weitgehend passé. Nehmen wir den FC Bayern: Kapitän ist Lahm, aber andere Führungsspieler drücken dem Spiel mindestens genau so ihren Stempel auf: früher Schweinsteiger, heute Vidal, aber auch Boateng und bald wohl Hummels, daneben auch "Robbery" wenn sie fit sind. So geht Fußball heute. Dass es gestern beim BVB vier (!) Träger der Binde gab hat mit mangelnder Führungsstärke nichts zu tun, denn die Leute mussten ja nach und nach angeschlagen raus. Aus meiner Sicht fehlt nicht ein "Kopf" im Sinne von Führungsspieler sondern eher das kreative Moment von hinten heraus - das, was in der Vorsaison Gündogan und Mhkitarjan darstellten. In der Offensive ist Borussia fulminant besetzt, aber es fehlt noch an der Unterfütterung von hinten mit kreativen Ideen. Diesbezüglich kann Bartra nicht an Hummels heranreichen (Spieleröffnung) und auch Weigl scheint etwas an Unbekümmertheit eingebüßt zu haben, spielt eher auf Sicherheit. Ich finde es bringt nichts, wenn alle Offensivkräfte in und um die Box agieren bei gut gestaffeltem Gegner. Der Ball kommt oft zu langsam, zu kompliziert nach vorne, dann ist die gegnerische Abwehr formiert. Ich würde in der Defensivabteilung auf kreativere Köpfe setzen, die das Spiel von hinten heraus lesen und beschleunigen können um die guten Jungs vorne schneller zu bedienen. Dafür würde ich beispielsweise Castro weiter nach hinten beordern. Der agiert aktuell eher als 10er. Als offensiv ausgerichteter 6er könnte er aus der Defensive heraus eher den tödlichen Pass spielen als ein Sokratis oder ein Bartra. Sokratis ist defensiv einer der besten IV der Liga, nach Boateng vielleicht sogar der Beste. Aber beim Spiel nach vorn ist er dann doch ziemlich limitiert. Der klassische Abräumer eben. Weigl wird ein ganz großer, aber er braucht einen Partner neben sich, sonst reduziert sich seine Rolle auf die eines Staubsaugers vor der Abwehr.
Deshalb bleibe ich Ich bei meiner Vermutung, dass dieses neue Kreativzentrum im Mittelfeld spätestens ab der kommenden Saison von Weigl, Castro und Götze gebildet wiird. Götze ist körperlich und mental noch nicht so weit, denn auch für ihn ist es nach drei Jahren München wieder ein Eingewöhnungsprozess. in ein Team, das längst nicht mehr das ist, welches er 2013 verlassen hat. Wie ich ohnehin die Kritik an den Neuzugängen nicht verstehe, auch in anderen Klubs sind Neuzugänge, die sich innerhalb von Wochen zum Leistungsträger mausern, eher die große Ausnahme.
frey85 09.02.2017
5.
Zitat von Pless1In den aller wenigsten Spitzenmannschaften gibt es den einen "Kopf", den Leitwolf, der sein Team alleine führt. Das war so im Fußball 1.0, in den 80er, 90er Jahren und ist heute weitgehend passé. Nehmen wir den FC Bayern: Kapitän ist Lahm, aber andere Führungsspieler drücken dem Spiel mindestens genau so ihren Stempel auf: früher Schweinsteiger, heute Vidal, aber auch Boateng und bald wohl Hummels, daneben auch "Robbery" wenn sie fit sind. So geht Fußball heute. Dass es gestern beim BVB vier (!) Träger der Binde gab hat mit mangelnder Führungsstärke nichts zu tun, denn die Leute mussten ja nach und nach angeschlagen raus. Aus meiner Sicht fehlt nicht ein "Kopf" im Sinne von Führungsspieler sondern eher das kreative Moment von hinten heraus - das, was in der Vorsaison Gündogan und Mhkitarjan darstellten. In der Offensive ist Borussia fulminant besetzt, aber es fehlt noch an der Unterfütterung von hinten mit kreativen Ideen. Diesbezüglich kann Bartra nicht an Hummels heranreichen (Spieleröffnung) und auch Weigl scheint etwas an Unbekümmertheit eingebüßt zu haben, spielt eher auf Sicherheit. Ich finde es bringt nichts, wenn alle Offensivkräfte in und um die Box agieren bei gut gestaffeltem Gegner. Der Ball kommt oft zu langsam, zu kompliziert nach vorne, dann ist die gegnerische Abwehr formiert. Ich würde in der Defensivabteilung auf kreativere Köpfe setzen, die das Spiel von hinten heraus lesen und beschleunigen können um die guten Jungs vorne schneller zu bedienen. Dafür würde ich beispielsweise Castro weiter nach hinten beordern. Der agiert aktuell eher als 10er. Als offensiv ausgerichteter 6er könnte er aus der Defensive heraus eher den tödlichen Pass spielen als ein Sokratis oder ein Bartra. Sokratis ist defensiv einer der besten IV der Liga, nach Boateng vielleicht sogar der Beste. Aber beim Spiel nach vorn ist er dann doch ziemlich limitiert. Der klassische Abräumer eben. Weigl wird ein ganz großer, aber er braucht einen Partner neben sich, sonst reduziert sich seine Rolle auf die eines Staubsaugers vor der Abwehr.
sehr guter Beitrag. Aber gerade den vertikalen und oft auch riskanten Ball von hinten auf die 8 oder 10 hab ich gestern zum Glück wieder öfter gesehen. Das Spiel gestern war ein Schritt in die richtige Richtung, was man auch an den vielen und oft erstklassigen Chancen auch sehen konnte. Bleibt zu hoffen, dass der BVB den Rest der Saison weitere Schritte nach vorne geht und genug Selbstvertrauen tankt um öfter mal den riskanten Pass zu spielen.
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