BVB-Zugang Dembélé Der Hochbegabte

Ousmane Dembélé zählt zu den größten Talenten Europas. Bei Dortmunds Sieg gegen Mainz deutete der 19-Jährige sein Können an. Und offenbarte zugleich einige Schwächen.
Ousmane Dembele

Ousmane Dembele

Foto: Martin Meissner/ AP

Fabian Frei hatte gerade mit Mainz 05 das erste Bundesligaspiel der neuen Saison verloren, sein kleiner Nachbericht war aber trotzdem erfüllt von einer kräftigen Portion Stolz. Er habe während der 90 Minuten permanent die Schreie, Anweisungen und Forderungen von Thomas Tuchel gehört, sagte der Mittelfeldspieler nach der 2:1-Niederlage beim BVB. Wenn das "vor diesem lauten Publikum" geschehe, habe man als Gast normalerweise "ein Kompliment verdient", argumentierte Frei. Und so lobte tatsächlich auch der Mainzer Trainer Martin Schmidt seine Mannschaft für das offene Spiel gegen die Dortmunder "Angriffsmaschine".

Tuchel hörte aufmerksam zu und war anderer Meinung. Allenfalls ein "Angriffsmaschinchen" sei sein Team an diesem Tag gewesen, "nervös" fand er das Spiel des runderneuerten BVB, den Sieg nannte er "mühsam". Es gab zwar gute Momente in der Offensive, die Mainzer Gegenangriffe hatte der Champions-League-Teilnehmers gut unter Kontrolle. Aber der Spielfluss stotterte und holperte.

Der BVB habe sich "schwergetan mit dem Timing für Laufwege und das Passspiel, deshalb sah es ein bisschen zäh aus", sagte Tuchel zu seinen mitunter etwas hilflos wirkenden Verbesserungsversuchen an der Seitenlinie. Und am intensivsten coachte er den spektakulärsten Mann auf dem Platz: Ousmane Dembélé. Pierre-Emerick Aubameyang hatte zwar beide Tore erzielt, war ansonsten aber kaum zu sehen.

Licht und Schatten im Spiel von Dembélé

Dembélé hingegen verzückte die Fans. Mal mit atemberaubenden Tempodribblings, mal trieb er das Publikum mit unkonventionellen Spielentschleunigungsaktionen oder merkwürdigen Fehlpässen zur Verzweiflung. Ein angemessenes Verhalten nach Ballverlusten muss er noch lernen.

Nachdem Yoshinori Muto in der Nachspielzeit zum 2:1 getroffen hatte, konnte jeder der 80.000 Zuschauer sehen, wie erbost Tuchel über die etwas nachlässige Verteidigungsarbeit des Zugangs von Stade Rennes schimpfte. Die Leute schwankten zwischen Bewunderung und Entsetzen, und der Trainer sagte: Zum Portfolio der Fähigkeiten eines wirklich guten Flügelstürmers gehört "unter dem Strich auch ein aggressives Verhalten dazu, körperlich und mental".

Dembélé ist einer dieser Spieler, für die einmal der Begriff "ungeschliffener Diamant" in die Fußballsprache eingeführt wurde. Direkt nach dem Abpfiff nahm Tuchel Dembélé beiseite und hielt ihm einen kleinen Vortrag, da war der erste Ärger des Pädagogen über den Fehler schon verflogen. Und später gab der Trainer einen Einblick in die Arbeit mit seinem Juwel.

Er selbst und auch die Mitspieler seien "immer noch in der Phase, wo wir uns kennenlernen", sagte Tuchel. Keinesfalls wolle er Dembélé seinen erstaunlichen Mut im Dribbling nehmen, man müsse ihm "die Freiheit lassen, seine Kreativität und seine Stärke im eins gegen eins auszuleben". In den kommenden Wochen werde daran gearbeitet, "diese vielen Dribblings in eine Struktur einzubetten". Es ist ein spannender Balanceakt.

Hoch veranlagt und schwer berechenbar

Einerseits soll Dembéle strukturierter spielen, die Strategie des BVB verinnerlichen, also in vielen Momenten durchdachte und bewusste Entscheidungen treffen. Andererseits wolle man diesen Hochbegabten nicht bremsen. "Diese Jugendlichkeit, diese Unbekümmertheit, das ist schon etwas, was wir nutzen wollen", sagte Tuchel.

Und weil all die Eindrücke, ein neues Land, eine neue Liga und ein Trainerteam, das äußerst spezielle Erwartungen hat, schon herausfordernd genug sind, wird Dembélé erst mal von der Öffentlichkeit abgeschirmt. "Es ist ein großer Unterschied in der Spielweise von Stade Rennes und Borussia Dortmund, hier gibt es viele Spieler mit hoher Qualität, das verändert das Spiel und das Tempo", hat er bei seinem bisher einzigen Pressetermin im Rahmen des Trainingslagers gesagt.

Es ist schon seltsam mit dieser Dortmunder Mannschaft, die eigentlich von Spielern wie Aubameyang und dem neuen Kapitän Marcel Schmelzer angeführt wird: Der Spieler, der den Charakter des Teams in diesen Wochen des Umbruchs am besten repräsentiert, ist Dembélé: jung, hoch veranlagt, gefährlich, schwer berechenbar, aber auch fehlerhaft und sehr, sehr unreif.

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