Borussia Dortmund Ratlos, mutlos, perspektivlos

Nachdem Bernd Krauss vor wenigen Wochen den Trainerstuhl von Michael Skibbe übernommen hatte, sprach er von einem Traumjob. Inzwischen gleicht die Arbeit am Borsigplatz jedoch eher einem Alptraum.


Dortmund - Beim vermeintlichen Titelaspiranten Borussia Dortmund geht die Angst vor einem Saisonfinale in der Abstiegszone um. Nach nur einem Sieg in den letzten 16 Bundesligaspielen, dem Aus im Uefa-Cup und der peinlichen Vorstellung beim 0:1 am Sonntag in Rostock schrillen im Westfalenstadion die Alarmglocken. Binnen weniger Wochen ist für Trainer Bernd Krauss aus dem erhofften Traum- ein Alptraumjob geworden. "So schwer habe ich mir das bei meinem Amtsantritt nicht vorgestellt", gestand der Coach voller Sorge über die bedenklichen Zukunftsaussichten seines Luxuskaders.

Nur wenige Monate nach dem sündhaft teuren Umbruch im Kader müssen die Verantwortlichen erneut über einschneidende Maßnahmen nachdenken. Gleichwohl sind Manager Michael Meier die Hände gebunden. "Ich kann doch jetzt nicht alle 24 Spieler rauswerfen. Seit dem Bosman-Urteil sind uns doch die Hände gebunden." Erste Sanierungsmaßnahmen sollen dennoch ein Zeichen setzen. Dem aufmüpfigen Angreifer Sergej Barbarez erteilte Meier bereits die Freigabe, mit dem norwegischen Stürmerstar John Carew von Rosenborg Trondheim ist er offenbar bereits handelseinig. "Wenn wir jetzt nicht in jeder Beziehung durchgreifen, dann wird das nie was", sagte der desillusionierte Krauss, der intensiv über den Einsatz von weiteren Amateuren nachdenkt.

Handlungsbedarf ist mehr den je geboten: Noch am 8. Spieltag lag der BVB fünf Punkte vor Bayern München an der Tabellenspitze, mittlerweile ist der deutsche Rekordmeister um 20 Punkte enteilt. Angesichts des schweren Restprogramms mit Spielen gegen die Spitzenclubs aus München, Leverkusen und Hamburg könnte der Tabellenzehnte sogar noch in den Abstiegsstrudel geraten. Diese Gefahr weckte sogar die Profis aus ihrer Lethargie. Noch in der Nacht nach der sechsten Saisonniederlage nutzten sie die Flugzeug-Verspätung zu einer mannschaftsinternen Krisensitzung in einer Gaststätte nahe des Rostocker Flughafens.

Ob aus der Ansammlung hoch bezahlter Egozentriker auf diesem Weg eine funktionierende Einheit wird, darf jedoch bezweifelt werden. Noch immer fehlt es den meisten Profis an der Fähigkeit zur Selbstkritik. Erst klagte der ausgebootete Barbarez öffentlich über ungerechte Behandlung, nun legte der zur Saison vom AS Monaco nach Dortmund transferierte Stürmer Victor Ikpeba nach. "Es war ein großer Fehler, nach Dortmund zu kommen", beschwerte sich der formschwache Nigerianer in einem Interview mit der "Sport Bild" und machte die Personalpolitik der BVB-Führung für die Krise verantwortlich: "Viele Spieler stehen vor dem Ende ihrer Laufbahn, haben nicht mehr den nötigen Biss. Ich habe das Gefühl, fast jeder denkt zuerst an sich."

Auch der zur Zeit verletzte Andreas Möller stellte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" den eingeschlagenen Weg beim Neuaufbau in Frage. "Innerhalb des Kaders herrschte in den vergangenen Jahren eine ungeheure Fluktuation. Künstlich sollte eine neue Hierarchie geschaffen werden - das geht nicht." Der in Rostock mit einer Roten Karte bestrafte Torhüter Jens Lehmann rundete den Eindruck von einem seelenlosen Team ab. Der Frage nach der Dauer seiner Sperre entgegnete der Nationalkeeper mit aufgesetztem Zynismus: "Schau'n wir mal. Hauptsache, ich bleibe ein fröhlicher Mensch."

Nicht nur solche Aussagen, sondern auch die beschämenden Auftritte seiner Mannschaft verärgern Krauss über die Maßen. Knapp einen Monat nach seinem Amtsantritt hat sich der vermeintliche Heilsbringer in der Liste der erfolgslosen Borussen-Trainer unfreiwillig bereits auf Platz vier hochgearbeitet. Nur Horst Köppel (14 Spiele), Herbert Burdenski (9) und Vorgänger Michael Skibbe (8) blieben länger ohne Bundesliga-Sieg.



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