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Matthias Sammer: Immer weiter

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Bayern-Sportvorstand Sammer Der Klartexter

Matthias Sammer gewann mit dem BVB drei Meisterschaften, doch heute ist der Sportvorstand des FC Bayern in Dortmund eine Reizfigur. Seine Professionalität verträgt sich nicht mit dem Selbstverständnis der Borussia.

Matthias Sammer hat Dortmund alles gegeben, wonach es diese Fußballstadt dürstet. Er schenkte ihr zwei Meisterschaften als Spieler und eine als Trainer, er machte aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokal-Finalisten. 13 Jahre ist das her, keine Ewigkeit. Und doch will man Sammer, 47, in Dortmund am liebsten vergessen, vor lauter Wut und Enttäuschung.

Wenn der FC Bayern an diesem Samstag zur Borussia kommt (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky), ist sein Sportvorstand die wohl meistgehasste Figur bei den BVB-Anhängern. Wie konnte das passieren, nach all dem, was sie gemeinsam durchgemacht haben?

Um das im Ansatz nachvollziehen zu können, muss man das Wesen beider verstehen. Matthias Sammer ist eine der professionellsten und ehrgeizigsten Figuren im deutschen Profifußball. Auch der Verein Borussia Dortmund ist ehrgeizig, aber vor allem ist er: Gefühle, Leidenschaft, Identifikation. In Dortmund nennt man das "echte Liebe".

Die Verbindung Sammer-Dortmund war fruchtbar für beide Seiten, sie war erfolgreich. Bis Sammer den BVB - nach angeblichen Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligem Schatzmeister Hans-Joachim Watzke - 2004 verließ, erst Trainer beim VfB Stuttgart, dann Sportdirektor beim DFB und schließlich ein Teil von Bayern München wurde. In der freien Wirtschaft ist das ein völlig gewöhnlicher Karriereweg. Im Gefühlsgeschäft Fußball nennen das viele Verrat.

"Er hat nichts übrig für Nostalgie"

In Dortmund sind sie deshalb so enttäuscht von Sammer, weil ihnen Loyalität und emotionale Bindung zwei der wichtigsten Tugenden sind - und Sammer stellte seine berufliche Entwicklung über beides. Sammer und Dortmund, das war kein Missverständnis. Sie hatten und haben nur ein anderes Verständnis von Profifußball, von Fußball als Beruf.

Günter Kutowski spielte von 1993 bis 1996 zusammen mit Sammer beim BVB, unter dem Trainer Ottmar Hitzfeld wurden sie zweimal Deutscher Meister. Kutowski sagt: "Matthias ist kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt, er hat nichts übrig für Nostalgie. Alles, was ihm wichtig ist, ist seine Arbeit im Hier und Jetzt." In den Neunzigerjahren und Anfang dieses Jahrtausends war das Borussia Dortmund. Nun ist es dessen ärgster Konkurrent, der FC Bayern. Es könnte auch Paderborn sein.

Kutowski ist Dortmund noch verbunden, er leitet die Traditionsmannschaft. Er versteht, dass sich einige beim BVB schwer tun mit der Figur Sammer. "Matthias ist ehrlich und direkt, damit eckt er an. Das ist ihm egal, wenn es darum geht, etwas voranzubringen", sagt er. "Aber es ist klar, dass Kritik aus seinem Mund in Dortmund nicht gut ankommt."

Vor etwa einem Jahr, da hatten sich die Münchner schon längst die Vorherrschaft über den deutschen Fußball zurückerobert, stichelte Sammer gegen seinen früheren Klub. Er zweifele daran, ob der BVB auch ordentlich trainiere, sagte er. Für die Dortmunder war das ein Affront, wäre er Matthias Sammer, würde er "jeden Tag Gott danken", dass man ihn zum FC Bayern geholt habe, sagte Trainer Jürgen Klopp.

Wie es Sammer, der in der ehemaligen DDR aufwuchs, mit Gott hält, ist nicht bekannt, doch dankbar wird er für seinen Münchner Job durchaus sein. Der FC Bayern lässt ihm viel Raum für die Dinge, die ihm wichtig scheinen. Auch wenn man bis heute nicht ganz genau weiß, wie seine Aufgabe neben Josep Guardiola und dessen Trainerteam tatsächlich aussieht. Mal stellt sich Sammer mit rotem Kopf vor die Presse und schimpft über die Motivation seiner Spieler, mal verteidigt er sie und erinnert an ihre menschlichen Schwächen, mal ist er einfach nur Beobachter.

Bayerns Präsident Karl Hopfner erklärte im vergangenen Herbst etwas schwammig: "Die erste Aufgabe von Matthias ist es, das Gebilde im sportlichen Bereich zusammenzuhalten." Tatsächlich soll Sammer strategische Entscheidungen im Jugend-, Amateur-, und Profibereich treffen, sie aber nicht selbst umsetzen. Dafür sind andere da und dafür fühlt sich Sammer selbst dem Sport und dem Geschehen auf dem Platz zu nah. Der Sportvorstand Sammer ist auch immer noch ein bisschen der Trainer und der Spieler Sammer, das ist Teil der Selbstoptimierung.

"Es war für mich von Beginn an klar, mich und mein Denken in den Klub einzubringen", sagte Sammer dem "Kicker", "ich wusste aber auch, dass das nicht alle gleich verstehen und gut finden." Sie finden es deshalb nicht immer gut, weil Sammer wenig diplomatisch ist, wenn ihm etwas nicht passt. Weder nach innen noch in der Außendarstellung. Der frühere Präsident Uli Hoeneß pfiff ihn deshalb öffentlich schon zurück, doch es gibt Beobachter, die sagen, Sammer sei genau deshalb nach München geholt worden: Weil er es sich und anderen unbequem macht.

Mehr bewundert als geliebt

Sammer sei schon als Spieler so gewesen, sagt einer seiner früheren Trainer. Er sei nie zufrieden gewesen, nicht mit sich, nicht mit seinen Mitspielern, "selbst, wenn wir gewonnen haben". Sammer habe sich nie freuen können, immer den Finger gehoben und vor einem Abfall der Konzentration gewarnt, sagt der Trainer: "Der Mahner steckt tief in seinem Charakter."

Vielleicht liegt es daran, dass Sammer für seine Leistungen im Fußball - ob als Spieler oder Coach - immer mehr bewundert als geliebt wurde. Seine Professionalität hat etwas Unheimliches, sein Überehrgeiz wirkt selten sympathisch, weder auf die eigenen Fußballer noch auf den Gegner. Sammer weiß das, er arbeitete vor zehn Jahren sogar einmal mit Privatlehrer an seinem Persönlichkeitsbild. "Ich muss menschliche Seiten zeigen", sagte er damals. So richtig gelungen ist ihm das nicht.

"Matthias legt den gleichen Maßstab an seine Spieler an wie an sich früher", sagt Kutowski, "er versteht und erträgt es nicht, wenn jemand nicht alles gibt." Kutowski glaubt nicht, dass Sammer den BVB aus bösem Willen oder verletztem Stolz angegangen hat: "Er fasst das als Teil seines Jobs auf, und den macht er zu 100 Prozent."

Sammer war in den Neunzigerjahren einer der besten Liberos der Welt, er arbeitete hart für den Erfolg seiner Mannschaften, am härtesten arbeitete er aber für sich selbst. Als er kurz nach der Wende von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart wechselte, sagte er: "In der DDR war das Kollektiv gefragt, in der Bundesliga dominieren die individuellen Typen. Das ist für mich eine Genugtuung." Eigentlich hat Matthias Sammer schon damals alles über Matthias Sammer gesagt. Dortmund hätte es wissen können.

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