Dortmund siegt in Wolfsburg Spanische Verhältnisse

Dortmund liegt fünf Punkte hinter Bayern - aber neun Punkte vor Platz drei. Nicht nur eine Mannschaft scheint zu gut für die Bundesliga zu sein. Sind das die von Uli Hoeneß beschworenen "spanischen Verhältnisse"? Alles Wichtige zum Top-Spiel.

Wolfsburger Guilavogui: Fehler ohne Chance zur Rehabilitierung
AP/dpa

Wolfsburger Guilavogui: Fehler ohne Chance zur Rehabilitierung

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Die Ausgangslage: Es war das Spiel des Zweiten gegen den Dritten vor dem 15. Spieltag. Die überraschende Niederlage des FC Bayern am Nachmittag in Mönchengladbach sorgte dafür, dass die Fans des BVB nach langer Zeit mal wieder den Blick auf die Tabellenspitze wagten, blinzelnd wie nach Wochen gerettete Bergleute, und feststellten: Ein Sieg in Wolfsburg würde den Rückstand auf Platz eins auf fünf Punkte reduzieren. Und den Vorsprung auf die Wölfe nebenbei auf zehn erhöhen.

Das Ergebnis: 1:2 (0:1)

Die erste Hälfte: In den ersten fünf Minuten hätte Dortmund das Spiel bereits entscheiden können. Zweimal trafen sie in diesem Zeitraum die Latte des Wolfsburger Tors, durch einen Freistoß von Ilkay Gündogan und einen Schuss von Sven Bender. Dass der VfL die zweitbeste Abwehr der Bundesliga beschäftigt, war in dieser Phase bloß eine unbewiesene Behauptung der Statistik. Erst nach 20 Minuten ließ der Dortmunder Druck nach. Hatte Wolfsburg das Schlimmste überstanden? Nein. Ein fataler Ballverlust von Josuha Guilavogui (siehe unten) bescherte dem BVB auch nach dem Ende seiner Druckperiode die Führung.

Die zweite Hälfte: Begann deutlich zahmer als die erste. Und obwohl sich eher Wolfsburg für die Champions League schonen musste als der BVB für die Europa League, attackierte nur noch der VfL. Fast 30 Minuten blieb Dortmund ohne Torschuss. Doch bis in die 90. Minute hinein hielt das 0:1. Dann taten Ereignisse das, was sie in der Sportreportersprache oft tun: Sie überschlugen sich. Ein Foul von Lukasz Piszczek an André Schürrle führte zu einem Elfmeter für den VfL. Ricardo Rodríguez verwandelte. Aber in der Nachspielzeit erzielte Shinji Kagawa den Siegtreffer für Dortmund.

Erkrankung des Abends: Mats Hummels, Sokratis, Julian Weigl - drei wichtige Dortmunder fielen mit einem "Infekt" aus. Mysteriös, wenn man Verschwörungstheorien mag. Egal, wenn man einen guten Kader hat: Sven Bender kennt die Rolle in der Innenverteidigung inzwischen, neben ihm lief zum ersten Mal seit vier Monaten wieder Neven Subotic auf. Im Mittelfeld vertrat Matthias Ginter Weigl.

Fehler des Abends, 1: Als Josuha Guilavogui sich nach einer halben Stunde den Ball von Henrich Mchitarjan vom Fuß nehmen ließ, hatte das fatale Konsequenzen: Mchitarjan legte auf für Marco Reus, der umkurvte Diego Benaglio und schob zum Tor des Abends ein. Zur Pause wurde Guilavogui ausgewechselt. Aus "taktischen Gründen".

Fehler des Abends, 2: Der Patzer von Roman Bürki in der 61. Minute war kaum harmloser als der von Guilavogui. Der Unterschied: Bürki konnte seinen Fehler selbst wieder gutmachen. Unbedrängt spielte der Dortmunder Keeper den Ball Bas Dost in die Füße. Der hatte zwei Optionen: Anspiel auf den freistehenden Julian Draxler, sicheres Tor. Oder eigener Abschluss aufs kurze Eck, schon schwieriger. Bürki deutete an, sich in den erwartbaren Pass auf Draxler werfen zu wollen. Dost daraufhin: "Hehe, schieße ich eben selbst!" Aber Fuchs Bürki hatte Wolf Dost reingelegt. Er war auf die Reaktion des Angreifers vorbereitet und änderte schnell seine Richtung, als Dost schoss: Riesenparade.

Feierabend des Abends: Wolfsburg glaubte sein Tagwerk nach dem späten Ausgleich in der Nachspielzeit getan zu haben. Dortmund aber schaltete den Fokus einfach wieder ein wie eine Nachttischlampe. Kagawa selbst leitete den Angriff ein und spielte auf Piszczek. Der aus der Wolfsburger Abwehr herausgestürzte Timm Klose kam zu spät. Vierinha lief nur noch aus, nachdem Kagawa nach rechts auf Piszczek gepasst hatte. Nicht so Kagawa selbst. Während Piszczek auf Mchitarjan nach links verlagerte, lief der Japaner einfach durch in die große Schnittstelle neben Naldo. Mchitarjan legte den Ball artistisch in die Mitte, Kagawa traf. Spiel, Einsatz und Sieg.

Konsequenz des Abends: Keine Mannschaft in Europas großen Ligen war zu Hause länger ungeschlagen als der VfL Wolfsburg. 29 Heimspiele in der Bundesliga überstanden die Wölfe ohne Niederlage. Bis Dortmund kam. In der Tabelle liegt Dortmund nun nur noch fünf Punkte hinter Bayern, aber neun Punkte vor Platz drei. Das nannte Uli Hoeneß einst "Spanische Verhältnisse".



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El_Brain 05.12.2015
1. Spanische Verhältnisse?
Momentan ist die Primera Division spannend mit DREI starken Teams vorne (Atletico!) während die BuLi eher an jetzige schottische Verhältnisse erinnert - nur mit Rangers wie jetzt in der 2. Liga. Bayern ist der Liga-Konkurrenz meilenweit voraus, selbst Dortmund ist da machtlos (1:5).
ambergris 05.12.2015
2. Spanische Verhältnisse
Genau betrachtet waren die spanischen Verhältnisse vermutlich deshalb ein Grauen für Hoeneß, weil es dann ja wenigstens einen ernsthaften Konkurrenten geben würde. Hoeneß hätte aber am liebsten gar keinen Konkurrenten. Weiterhin sind selbst die spanischen Verhältnisse gar nicht mal so spanisch. Schließlich hat Atletico Madrid in den letzten Jahren gut mitgespielt und mit Sevilla gab es da einen Seriensieger der Europa League (drei mal in den letzten 10 Jahren). Spanische Verhältnisse wären also ein Traum für die Liga! Hoeneß wollte da nur mal einen Stammtischklopfer raushauen. Es wäre schön, wenn da noch Mannschaften drei und vier aufschließen könnten. Gladbach wäre ein offensichtlicher Kandidat derzeit, aber die Infrastruktur gibt eine derartige Position eigentlich nicht dauerhaft her. Man hat gigantisches Glück mit den letzten beiden Trainern gehabt. Wer da aufschließen müsste, wären entweder der HSV oder die Hertha.
mrmink 05.12.2015
3. Schade
Hätte Gladbach nicht die ersten fünf Spiele einen kompletten Aussetzer gehabt wäre der Abstand gar nicht so groß, aber die Saison ist noch lang.
oxybenzol 05.12.2015
4.
Zitat von El_BrainMomentan ist die Primera Division spannend mit DREI starken Teams vorne (Atletico!) während die BuLi eher an jetzige schottische Verhältnisse erinnert - nur mit Rangers wie jetzt in der 2. Liga. Bayern ist der Liga-Konkurrenz meilenweit voraus, selbst Dortmund ist da machtlos (1:5).
Wusste gar nicht, dass die Meisterschaft über den direkten Vergleich entschieden wird. Die Bundesligatabelle ist dann wohl nur ne unbedeutende Statistik.
bratwurst007 05.12.2015
5.
Zitat von mrminkHätte Gladbach nicht die ersten fünf Spiele einen kompletten Aussetzer gehabt wäre der Abstand gar nicht so groß, aber die Saison ist noch lang.
Hätte Gladbach die ersten 5 Spiele nicht in den Sand gesetzt, würden sie jetzt nicht auf einer derartigen Euphoriewelle schwimmen. Keine Sorge, der "Kater" kommt noch. EL ist trotzdem drin.
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