Drei Thesen zur Bundesliga BVB-Trainer Favre stellt mit Absicht schwach auf

Wie kommt es, dass Lucien Favre immer wieder Spieler einwechselt, die das Spiel entscheiden? Serge Gnabry ist bei den Bayern plötzlich Leistungsträger - und die Bayern gewöhnen sich ans Verlieren.

Dortmunder Spieler feiern nach dem Spiel
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Dortmunder Spieler feiern nach dem Spiel

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1. Favre stellt absichtlich schwach auf

Die Aufstellung von Borussia Dortmund im Spiel gegen Bayern München überraschte sogar Experten: Paco Alcácer, Mahmoud Dahoud, Christian Pulisic saßen auf der Bank, um nur die in den vergangenen Wochen Prominentesten zu nennen. Stattdessen vertraute BVB-Trainer Lucien Favre in der Startelf auf Mario Götze und Julian Weigl, die vor der Partie zusammen auf lediglich fünf Einsätze in der laufenden Saison gekommen waren.

Lucien Favre
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Lucien Favre

Aber warum würfelt Favre seine Mannschaft immer wieder derart um? Warum lässt er im Topspiel gegen den Deutschen Meister nicht seine nominell beste Elf spielen? Womöglich wählt Favre mit Absicht die etwas schwächere Aufstellung. So kann er exakt den Gegner analysieren, Schwachpunkte ausmachen - und ihn aus seiner Grundidee locken.

Immer wieder besticht Favre durch überragendes In-Game-Coaching, durch Wechsel, die Spiele entscheiden. So auch gegen die Bayern. Nach der Halbzeit brachte er Dahoud für Weigl, nach einer Stunde Alcácer für Götze. Es waren die Wechsel, die das Spiel entschieden. Favres Begründung, Dahoud und Alcácer zu Spielbeginn draußen zu lassen: Die Belastung in den vergangenen Wochen. Schonung in einem der wichtigsten Spiele des Jahres?

Da können Zweifel aufkommen. Vielleicht wollte Favre den Gegner erst anspielen oder müde spielen - und dann die zwei Hauptdarsteller bringen. Ein Trainer stellt absichtlich schwach auf - das wäre wohl der größte Plottwist des Fußballjahres. Ganz unbegründet scheint die Annahme aber nicht.

2. Auf Gnabry kann der FC Bayern nicht mehr verzichten

Arjen Robben fällt aus, Franck Ribery fällt aus. Wenn bei diesen Meldungen für Bayern München früher häufig eine Welt zusammenbrach, wird heute einfach Serge Gnabry auf dem Flügel aufgeboten. Gnabry kommt vielleicht noch nicht an das Leistungsvermögen von "Robbery" heran, ist aber auf einem guten Weg dorthin. Er läuft, passt, reißt Lücken - und im Idealfall schließt er sie auch noch. Gegen Dortmund beispielsweise kam er auf 42 Ballaktionen und spielte 27 Pässe, von denen 90 Prozent ankamen. Dazu gab er einen Torschuss ab, bereitete das 1:0 von Lewandowski vor und war mit viel Übersicht und technischer Finesse auch maßgeblich am 2:1 des FCB beteiligt.

Serge Gnabry
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Serge Gnabry

Gnabrys Vorteil ist, dass er sowohl rechts als auch links seine Stärken ausspielen kann. Der 23-Jährige überzeugt als Neuzugang bei den Bayern seit Wochen, wenn er denn aufgeboten wird (sechsmal Bundesliga-Startelf, viermal eingewechselt). In der Partie gegen Freiburg traf er zum zwischenzeitlichen 1:0, dazu kommen bisher zwei Assists.

In seinen ersten beiden Bundesliga-Saisons traf Gnabry in Bremen und Hoffenheim je zweistellig - dort aber spielte er auf einer deutlich zentraleren Position im Angriff: Dort war er der Zielspieler. Diese Rolle ist bei den Bayern (noch) von Lewandowski besetzt. Aber klar ist: Die Bayern wissen, wen sie da in ihren Reihen haben. Im Moment jedenfalls überzeugt Gnabry auf dem Flügel.

3. Gewinnen ist für Bayern nicht mehr alles

Wenige Fußballmannschaften auf der Welt leben das Gefühl des Gewinnens so sehr wie die Bayern. "Mia san Mia" heißt es in der bayrischen Fußballmythologie. Wir sind wir. Oder, um es frei zu interpretieren: Wir sind die Bayern, wir sind die Größten, wir müssen immer gewinnen. Nach dieser Maxime handeln die Bayern seit Jahr und Tag. Bis zu diesem Samstagabend in Dortmund.

Bayern-Spieler vor den Fans
DPA

Bayern-Spieler vor den Fans

Über 97 Minuten kämpften die beiden Aushängeschilder des deutschen Fußballs um jeden Zentimeter. Am Ende waren die Dortmunder die glücklichen Gewinner, gefeiert wurden aber beide Mannschaften. Nach Abpfiff der Partie schritten die Bayern-Spieler in Richtung der eigenen Fankurve. Mutmaßlich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, hatten sie doch gerade das Prestigeduell gegen den ärgsten Konkurrenten verloren - und zuvor seit Wochen keinen überzeugenden Fußball mehr gespielt.

Die Fans zeigten sich aber wohlgesonnen. Sie anerkannten den Fußball, den ihre Mannschaft spielte. 90 Minuten auf Augenhöhe mit Borussia Dortmund reichen, um die bayerische Fußballseele positiv zu stimmen. Die Bayern sind gewillt, Niederlagen wie die in Dortmund nicht als Majestätsbeleidigung aufzufassen, sondern daraus zu lernen.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
lala10 11.11.2018
1. Reuss
Reuss hatte gestern ein sehr gutes Spiel gemacht.Aber die Aussage mit dem Elfmeter war der Hit.Neuer hat ihn so gut wie gar nicht berührt.Dazu sagt er.Wenn es kein Elfmeter gewesen wäre hätte ich das dem Schiedsrichter gesagt.Das sagt einer der fünf Jahre mit einem gefälschten Führerschein gefahren ist.Glaubwuerdig?
zoon.politicon 11.11.2018
2.
Weiterer wichtiger Grund, Leistungsträger nicht gleich zu bringen: deren Verletzungsgefahr sinkt. (Extrem-Beispiel: Madrider Mannschaft gewinnt, nachdem Ramos den gegnerischen Spielmacher per Foul ausgeschaltet, der gegnerische Torwart per Kopfstoss funktionsunfähig gemacht hat, sodaß der 2 Bälle rein lässt.)
kub.os 11.11.2018
3. Wenn Gnabry Leistungsträger wird...
...oder ist, dann ist der Zenit der Bayern-Ära überschritten. Die Mannschaft ist überaltert, zu langsam, zu satt. Oder anders ausgedrückt: die Bundesliga ist für diese hocherfahrene Mannschaft nicht das Problem. Sie wird bis zuletzt um die Meisterschaft mitspielen. Sobald es aber schnell und präzise wird, kommen die Altstars an ihre Grenzen. Das führt zu zwei Fragestellungen: 1. wie wollen die Bayern weiterhin international mithalten? 2. wie will man die hohe Anzahl von Altstars - ohne Bruch der Erfolgsserie - in relativ kurzer Zeit ersetzen?
frenchhornplayer85 11.11.2018
4. lala
Glaubwürdigkeit aus dem Mund eines bayernfans? Wie war das noch mit euren Chefs? Und Hummels war erkältet? Weder sah er so aus, noch hörte er sich so an. Glaubwürdig? Oder ausrede?
janowitsch 11.11.2018
5. Favres Meisterstück
War schon ein Elfer. Reus kommt in Wahnsinnsgeschwindigkeit an und Neuer rutscht ihm in den Laufweg. Da sollte man sich von den Zeitlupen nicht täuschen lassen. Sie geben die Realität eben nur zum Teil wieder (ohne die Geschwindigkeit). Für mich war das Spiel ein Meisterstück von Favre. Bayern kommen lassen, einen Rückstand in Kauf nehmen und dann mit frischen Kräften in der 2. HZ gegen die Altstars wiederkommen.
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