Otto Addo "In 20 bis 30 Jahren sind schwarze Trainer und Sportdirektoren hoffentlich normal"

Otto Addo ist Talente-Coach beim BVB und einer der wenigen schwarzen Trainer in Deutschland. Im Interview spricht er über fehlende Diversität im deutschen Fußball und seine Hoffnung auf eine neue Generation.
Ein Interview von Thilo Adam
Der Talente-Trainer neben dem Cheftrainer: Otto Addo (links) und Lucien Favre beim BVB

Der Talente-Trainer neben dem Cheftrainer: Otto Addo (links) und Lucien Favre beim BVB

Foto: Kirchner/David Inderlied/ imago images / Kirchner-Media

SPIEGEL: Herr Addo, der englische Fußball führt gerade eine Debatte über strukturellen Rassismus in der Premier League. Raheem Sterling hatte kritisiert, es gebe zu wenig schwarze Trainer, die Hürden für Weiße seien viel niedriger. Auch in der Bundesliga fällt ein Missverhältnis auf: Es gibt viele schwarze Spieler - aber noch nie hat ein schwarzer Cheftrainer ein Bundesliga-Team betreut. Muss die Debatte auch hier geführt werden? 

Otto Addo: Es ist vermutlich zu früh, die Situation in England mit der in Deutschland zu vergleichen. In England und Frankreich leben aufgrund der Kolonialgeschichte viel mehr Menschen mit dunkler Hautfarbe. Da ist es schon verwunderlich, dass es kaum dunkelhäutige Trainer gibt. Aber zu meiner aktiven Zeit in der Bundesliga waren Gerald Asamoah, Hans Sarpei, Pablo Thiam und ich die einzigen dunkelhäutigen Spieler, die in Deutschland aufgewachsen waren. Dann ist es vielleicht auch normal, dass nicht so viele schwarze Trainer unterwegs sind. Wenn dann die Antonio Rüdigers, die David Alabas und Jérôme Boatengs aufhören, müssen wir noch mal hinschauen.

Zur Person
Foto: Harry Langer/DeFodi.eu/ imago images / DeFodi

Otto Addo, 45, ist seit einem Jahr "Talente-Trainer" bei Borussia Dortmund. Dort betreut er ausgewählte Nachwuchsspieler beim Übergang zur Profimannschaft. Addo wurde in Hamburg geboren, er begann seine Profikarriere in der zweiten Liga bei Hannover 96, spielte sechs Jahre lang für den BVB in der Bundesliga und nahm mit der Nationalmannschaft Ghanas an der WM 2006 teil. Nach drei Kreuzbandrissen ließ er seine Karriere bei Mainz 05 und dem HSV ausklingen.

SPIEGEL: Muss ein Bundesliga-Trainer denn hier aufgewachsen sein? Es gibt doch auch Spieler wie Dedê oder Cacau, die lange in Deutschland gespielt haben und die Sprache gut sprechen. 

Addo: Sprache ist tatsächlich ein Faktor in der Bundesliga. Wenn ein Trainer nicht gut Deutsch spricht, muss er schon extrem viel vorzuweisen haben, sonst wird er nicht verpflichtet. Egal, welche Hautfarbe er hat. Es ist schwierig, Rassismus an einzelnen Trainerentscheidungen festzumachen. Klar, wenn man Herr Müller heißt, ist es leichter, eine Wohnung zu bekommen, als wenn man einen ausländischen Namen hat. Ich glaube schon, dass das auch im Fußball vorkommen kann, aber beweisen kann ich es nicht. Man weiß ja nicht, wie gut die Bewerber im Einzelnen sind. Ich kenne genug gute hellhäutige Trainer, die keinen Job haben. Andererseits müsste ich lange überlegen, welcher dunkelhäutige Trainer überhaupt die Fußballlehrer-Lizenz gemacht hat.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass es scheinbar weniger Bewerber gibt?

Addo: Der Weg zum Fußballlehrer ist lang und nicht so einfach, insbesondere wenn man kein Profi war. Und es gibt in Deutschland prozentual nicht so viele schwarze Menschen, erst recht nicht solche, die das Geld und die Zeit haben. Der Lehrgang dauert neun Monate und kostet in der Zeit jede Woche drei Arbeitstage.

In seiner aktiven Karriere schoss Addo 16 Tore für den BVB

In seiner aktiven Karriere schoss Addo 16 Tore für den BVB

Foto: Uwe Kraft/ imago images

SPIEGEL: Sie haben die höchste Trainerlizenz, die der DFB vergibt, 2013 erworben. Aus Ihrem Lehrgang waren bisher André Breitenreiter, Sandro Schwarz, Frank Kramer und Ante Covic Cheftrainer in der Bundesliga, Jan Siewert in der Premier League. Nicht Sie, Sinisa Suker oder Ramazan Yildirim. 

Addo: Immerhin ist da ja Ante Covic dabei und Yildirim war sportlicher Leiter bei Greuther Fürth. Wenn wir allgemein von Migrationshintergrund sprechen, hat sich schon viel verändert. Leute wie Tayfun Korkut, Niko Kovac, Fredi Bobic und eben Covic haben alle ihre Schritte in führende Positionen im deutschen Fußball gemacht. Mit Daniel Thioune gibt es in Osnabrück einen dunkelhäutigen Zweitliga-Trainer. Allerdings kann man Menschen mit türkischen oder jugoslawischen Wurzeln nicht mit uns vergleichen. Die ersten Türken kamen nach dem Zweiten Weltkrieg, die sind schon viel länger hier ansässig. Ihre Kinder, Enkel und Urenkel spielen schon lange hier Fußball. Was dunkelhäutige Spieler angeht, wird sich das in einigen Jahren auch zeigen. In fast jeder U-Mannschaft gibt es heute drei bis vier dunkelhäutige Spieler.

SPIEGEL: Trotzdem sitzen in den Gremien des DFB und der Klubs zumeist Weiße. Eine Recherche des Deutschlandfunks  hat gezeigt, dass es in den 18 Bundesligaklubs insgesamt 273 Funktionäre gibt. Nur drei davon sind nicht weiß. Ist das nicht ein Problem?

Addo: Ich glaube, das braucht Zeit. Dort sitzen Leute, die entweder geschäftlich etwas vorzuweisen haben oder davor schon lange im Fußballbusiness waren. Es hatten bisher einfach viel weniger Nicht-Weiße die Chance, sich zu zeigen. Die Zahl der Spieler mit Migrationshintergrund, die ihre Karriere schon beendet haben, ist einfach nicht so groß, dass man jetzt sagen könnte, es müssten schon viel mehr in solchen Positionen sein.

Auch schon in Gladbach arbeitete Addo dem Cheftrainer zu: damals Dieter Hecking

Auch schon in Gladbach arbeitete Addo dem Cheftrainer zu: damals Dieter Hecking

Foto: Otto Krschak/ imago/Otto Krschak

SPIEGEL: Haben sie die Chance denn heute? Wenn es kaum nicht-weiße Trainer, Ausbilder und Funktionäre gibt, obwohl die Gesellschaft einen großen Anteil an Nicht-Weißen hat, liegt darin dann nicht eine gewisse Struktur, die Nicht-Weißen den Weg nach oben versperrt?

Addo: Gesellschaft und Fußball sind im Wandel. Früher waren schwarze Spieler eine Seltenheit. Jetzt ist das normal. Heute sind schwarze Trainer oder Sportdirektoren selten. In 20 bis 30 Jahren ist auch das hoffentlich normal.

SPIEGEL: Als Talente-Trainer beim BVB arbeiten Sie unter anderem mit Youssoufa Moukoko, der immer wieder rassistisch angefeindet wurde, weil manche sich nicht vorstellen wollten, dass einer mit nur 15 Jahren 34 Tore in 20 A-Jugend-Bundesliga-Spielen schießt. Sprechen Sie mit ihm auch über solche Erfahrungen? 

Addo: Ich kenne die Meinung meiner Spieler zu dem Thema. Rassismus beschäftigt jeden Dunkelhäutigen. Was mir passiert, passiert auch anderen. Mein Rekord ist, viermal einfach so am helllichten Tag von der Polizei angehalten zu werden. Das geschieht meinen hellhäutigen Freunden nicht. Die achten auch nicht darauf, einen Bon mitzunehmen, wenn sie einkaufen. Denen schaut der Ladendetektiv nicht noch mal extra in die Tüte. Unsere Jugendspieler machen da die gleichen Erfahrungen wie ich. 

15 Jahre, 34 Tore in 20 A-Jugend-Spielen: BVB-Talent Youssoufa Moukoko

15 Jahre, 34 Tore in 20 A-Jugend-Spielen: BVB-Talent Youssoufa Moukoko

Foto:

Revierfoto/ dpa

SPIEGEL: Oft haben Sie schon erzählen müssen, wie sie als Kind in Hamburg von Rechtsradikalen verfolgt, mit Flaschen und Dosen beworfen wurden – nicht einmal, sondern zigfach. Bis heute gibt es immer wieder rassistische Beleidigungen im Stadion. Clemens Tönnies ist trotz rassistischer Äußerungen im vergangenen Jahr immer noch Chef auf Schalke. Wie lässt sich Rassismus bekämpfen?

Addo: Ich glaube, das ist eine Generationsfrage. Lange war es für viele Leute normal, das N-Wort zu benutzen. Die Leute meinen das nicht immer beleidigend und verstehen dann nicht, warum das Wort ein Problem ist. Heute wächst man bewusster auf. Wer heute jung ist, weiß, dass diejenigen über Begriffe entscheiden sollten, die diese betreffen. Wenn mich meine Mutter früher mit der Bahn in den Kindergarten gebracht hat, haben sich die Leute weggesetzt. Solche Probleme haben meine Kinder in Schule und Kindergarten heute zum Glück bisher nicht. Es dauert. Im Fußball positioniert sich der DFB inzwischen regelmäßig gegen Rassismus, das war vor 20, 30 Jahren nicht selbstverständlich. 

SPIEGEL: Aber reichen solche Verbandskampagnen? 

Addo: Das ist gut und ein erster Schritt, aber Taten würden mehr sprechen als ein Schild auf dem steht "Wir sind gegen Rassismus". Es wäre schön, wenn nicht zuerst Jadon Sancho, Weston McKennie und Achraf Hakimi zum Tod von George Floyd Stellung beziehen müssten, sondern der DFB von sich aus etwas macht. Wenn im Stadion wieder mal etwas passiert, könnte man auch sagen: Mensch, ihr seid jetzt drei, vier Mal aufgefallen, nächstes Mal gibt’s einen Punktabzug. Dann müssen sich die Klubs überlegen, wen sie reinlassen. Und die Fans müssen sich überlegen, was sie in den eigenen Reihen dulden. 

SPIEGEL: Um neben den klaren rassistischen Angriffen auch gegen strukturelle Benachteiligung vorzugehen, gibt es in der zweiten, dritten und vierten Liga in England eine Quote: Jedes Mal, wenn ein Trainerposten frei wird, müssen die Klubs mindestens einen nicht-weißen Bewerber zum Vorstellungsgespräch einladen. Daran gibt es aber auch Kritik, weil die Regel womöglich nicht richtig angewendet wird. Was halten Sie grundsätzlich davon?

Addo: Klar kann man über Quoten nachdenken. Ich bin aber für einen natürlicheren Weg. Brücken bauen. Der DFB könnte mehr für das Miteinander tun. Mal mit einem Lehrgang nach Afrika fahren. Ich bin einmal im Jahr mit meiner Mutter in Ghana, das hat mich geprägt. So schlecht es mir manchmal auch ging in Deutschland, ich wusste, wie viel schlechter es Menschen gehen kann. 

SPIEGEL: Aber bekämpft man damit strukturellen Rassismus?

Addo: Nein. Den bekämpft man, indem man sich mit den Menschen, die diesen erfahren, austauscht, ihn dadurch erkennt und benennt. Dann ändern sich Strukturen und Denkweisen.

SPIEGEL: Sie haben für die Nationalmannschaft Ghanas beim Afrika-Cup 2000 und bei der WM 2006 gespielt, unter Ratomir Dujkovic und Giuseppe Dossena – also unter weißen Trainern. Viele afrikanische Nationalteams setzen auch heute noch auf weiße Europäer an der Seitenlinie. Warum? 

Addo: Fakt ist, dass dort Ausbildungsabschlüsse aus Europa viel, viel höher angesehen sind als welche aus Afrika. Es fehlt an Austausch. Davon könnten auch wir profitieren. Wir hatten im Fußballlehrer-Lehrgang überhaupt keinen Kontakt mit ausländischen Trainern – nicht mal zu welchen aus anderen großen europäischen Fußballnationen.

Otto Addo (l.) und Stephen Appiah schafften es bei der WM 2006 mit Ghana bis ins Achtelfinale

Otto Addo (l.) und Stephen Appiah schafften es bei der WM 2006 mit Ghana bis ins Achtelfinale

Foto: ALESSANDRO BIANCHI/ REUTERS

SPIEGEL: Als "Talente-Trainer" arbeiten Sie in Dortmund viel mit jungen Spielern mit Migrationshintergrund zusammen. Gibt es da aus Ihrer Erfahrung bestimmte Dinge zu beachten? 

Addo: Es ist immer einfacher, wenn man mit mehreren Kulturen vertraut ist. Ich kenne die deutsche Kultur, die ghanaische, die türkische, die nigerianische, die kamerunische. Meine Arbeit steht auf drei Säulen: Videoanalyse, positionsspezifisches Zusatztraining, und die Arbeit neben dem Platz. Die Trainer suchen aus jedem Jahrgang drei, vier Toptalente aus, mit denen arbeite ich dann fußballerisch. Ich besuche sie aber auch zu Hause oder im Internat, spreche mit den Eltern. Dann kann man dem Cheftrainer auch mal einen Tipp geben: Pass auf, nimm den diese Woche nicht ganz so hart ran, seine Oma ist gestorben. Aber wenn man sich für sie interessiert, schätzen das alle Spieler – egal, welche Wurzeln sie haben. 

SPIEGEL: Werden Sie eines Tages der erste schwarze Cheftrainer in der Bundesliga sein? 

Addo: Mein Tipp: Das macht Daniel Thioune. 

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